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"Operation Berlin"

Blick vom Memorial Seelow in den Oderbruch
„Ein Blick von dieser Seelower Höhe lässt uns in solchen Gottessegen schauen. Die ohnehin dicht gelegenen Dörfer rücken in dem endlosen Coulissenbilde immer dichter zusammen, und alles verschmilzt zu einer weitläufigen Riesenstadt, zwischen deren einzelnen Quartieren die Fruchtfelder wie üppige Gärten blühen“. Diese Sicht der Dinge erschließt sich Theodor Fontane, als er im Mai 1860 bei seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ durch den Ort Seelow kommt. Kaum vorstellbar, wie sich die Verhältnisse 85 Jahre später darstellen sollten. Wenn das Städtchen Seelow und das Oderbruch zum größten Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs in Europa auf deutschen Boden werden wird.

Avro Lancaster
In der Nacht vom 15. auf den 16. April  kam, wie immer, die RAF und lud mit ihren Avro Lancaster Bombern wiederum tausende Tonnen Spreng- und Brandbomben über der Reichshauptstadt ab. Eigentlich für die Berliner nichts Ungewöhnliches. Wenn da nicht ab 03.00 morgens im Ostteil der Millionenstadt die Fensterscheiben zu klirren begonnen hätten. Zunächst war den Menschen nicht klar, um welch neue Bedrohung es sich handelte. Doch mit dem immer stärker werdenden leichten Beben dämmerte es selbst den Optimisten unter den Berlinern: Geschützfeuer! Der Endkampf hatte begonnen.

Wassili I. Tschuikow
Die Offensive kam für die Deutschen nicht überraschend. Sie war erwartet worden. Schon seit Januar hatte die Rote Armee begonnen, im Vorfeld des Oderbruches die notwendigen militärischen Operationen in die Wege zu leiten, die nötig waren, um die ungeheure Menge Material in die Brückenköpfe zu schleusen. Bereits am 31. Januar um 06.00 früh waren erste Einheiten der 1. Weißrussischen Front bei Kienitz nördlich von Küstrin  über die Oder gegangen. Der zugefrorene Fluss erleichterte den Truppen den Übergang. Südlich von Küstrin gelang es Einheiten der 1. Garde-Panzerarmee Tschuikows am 2. Februar die Oder bei Neu-Manschnow und Reitwein zu überqueren. Rasend schnell wurde die erste Pontonbrücke gebaut und die ersten sieben Panzer übergesetzt. Die jedoch wurden am nächsten Tag wieder zurückbeordert, da die Panzerarmee verlegt wurde. Alle diese Übersetzaktionen fanden ohne irgendwelche Gegenwehr der Wehrmacht statt. Die Überraschung war den Sowjets total gelungen. Ein Glück für die Deutschen war, dass die Rote Armee wegen des enormen schnellen Vormarsches von der Weichsel zur Oder mit ungeheuren Nachschubproblemen zu kämpfen hatten. Es fehlte der Roten Armee an Treibstoff, Munition und Nahrungsmitteln.

Mistel mit He 111 Ladungsträger
Me 109 Gustav
Und dennoch begann recht zügig der verstärkte Bau von Notbrücken über den Fluss. Einziges Gegenmittel der Deutschen, die Bautätigkeit zu stören waren Angriffe der Luftwaffe. Deren Vorteil war die Nähe betonierter Flugplätze im Großraum Berlin. Mit allem, was verfügbar war, begann die Luftwaffe, die Baustellen anzugreifen. Neben konventionellen Jagdbombern vom Typ Me 109 oder Fw 190 kamen „Misteln“ zum Einsatz. Dies waren Tandemkonstruktionen, wobei der Pilot in einer Me 109 oder Fw 190 über einer Ju 88 oder He 111 saß, die miteinander verkoppelt waren. Die große Maschine trug in solch einem Fall keine Kanzel, sondern einen Ladungsträger von 1,5 t bis 3,5 t hochbrisanten Sprengstoffs. Näherte sich nun das Gespann dem Ziel, löste sich der Pilot vom Ladungsträger und steuerte diesen per Fernsteuerung ins Ziel. Der erste Einsatz erfolgte am 4. März gegen eine Brücke bei Göritz. Eine Maschine verfehlte das Ziel wegen Manövrierunfähigkeit, zwei trafen das Ziel und die vierte verfehlte die Brücke, zerstörte aber stattdessen mehrere Flak Stellungen de Russen. Auch Treibminen und Froschmänner wurden - ähnlich wie bei der Brücke von Remagen - gegen die Brücken eingesetzt. Falls eine Zerstörung gelang, wurde diese wegen ihrer Holzkonstruktion aber schnell wieder aufgebaut,
Am Tage des Großangriffs hatte die Rote Armee eine ungeheure Überlegenheit an Mensch und Material zusammengezogen. 25 Brücken - darunter Unterwasserbrücken -  mit insgesamt 15 km Länge waren errichtet, 40 Übersetzstellen geschaffen, 636 km Gräben gezogen, 9.116 Feuerstellungen für Granatwerfer, MGs und Pak installiert, 4.500 Feuerstellungen der Artillerie angelegt, 25 Marschstrassen,  7.000 Unterstände und über 5.000 Deckungen für Panzer und Fahrzeuge in den Boden gestampft. Das Kräfteverhältnis war eindeutig zu Gunsten der Russen.

Marschall Schukow
Reitweiner Sporn, Schukows Gefechtsstand
An den Tagen vor dem 16. April mehrten sich die Zeichen für den Großangriff. Daraufhin forderte der Chef der Heeresgruppe Weichsel, Generaloberst Gotthardt Heinrici, von Hitler die Rücknahme der Masse der Truppen aus der vordersten Linie auf die Hauptkampflinie (HKL). Als Vorsichtsmaßnahme, um den erwarteten Artillerieschlag ins Leere laufen zu lassen. Dieser Forderung wird am Abend des 15. April stattgegeben. In den Stunden vor Angriffsbeginn begibt sich Marschall Schukow mit K. F. Telgin, einem Mitglied des Militärrates, zum Gefechtsstand der 8. Gardearmee auf dem Reitweiner Sporn, oberhalb der Ortschaft Reitwein. Dort hat sich bereits Armeegeneral Tschuikow mit seinem Stab der 8. Gardearmee eingefunden. Schukow schreibt darüber in seinen Memoiren: „Noch nie hatten sich Uhrzeiger so langsam bewegt. Um die letzten 15 Minuten irgendwie auszufüllen, tranken wir Tee. Genau drei Minuten vor Beginn der Artillerievorbereitungen verließen wir den Bunker und nahmen unsere Plätze auf dem Beobachtungsstand ein, den der Chef der Pioniertruppen besonders sorgfältig ausgebaut hatte. Tagsüber konnte man von hier aus das ganze Odergelände überblicken, das jetzt vom Morgennebel verdeckt war. Ich blickte auf die Uhr. Es war genau 05.00 Uhr“. Das war Moskauer Zeit, 03.00 Uhr deutscher Zeit.
Ein bislang nie registriertes Artilleriefeuer geht über die deutschen Linien nieder. Nun zahlt sich Heinrici`s Maßnahme der Rückführung aus, die er gegen den Willen einiger seiner Feldgeneräle hat durchführen lassen. Eine Maßnahme Schukows wendet sich gegen seine eigenen Streitkräfte. Um das Gefechtsfeld zu erhellen, hatte er 143 Flakscheinwerfer aufstellen lassen. Diese Maßnahme trägt aber nur dazu bei, die eigenen Truppen zu verwirren, denn die Wand aus Staub und Pulverdampf wirft die Strahlen der Scheinwerfer zurück und blendet sie. Der Dunst ist so stark, dass auch der Beobachtungsposten auf dem Reitweiner Sporn eingehüllt wird.

Iljuschin Il 2 Sturmovik
Schukows Gefechtsstand mit Blickrichtung Seelow
Die Artilleriewirkung an der gesamten Ostfront ist vernichtend. Alleine an der Front der 9. Armee wurden über 450.000 Granaten abgefeuert, 2.000 Schlachtflieger Einsätze geflogen und 450 Panzer eingesetzt. Aber noch hält die deutsche Front. Die deutsche Artillerie konnte die Mehrzahl ihrer Stellungen vor der sowjetischen Aufklärung geheim halten und leistete eine wirkungsvollere Gegenwehr als sie die Russen erwartet hatten. Die deutsche Panzerabwehr im Oderbruch selbst lastete auf drei Einheiten, die aus Gusow, Seelow und Sachsendorf aus operierten. Im Laufe des Tages schossen  allein die 10 Tiger und 10 Panther der 1. Panzer Abteilung „Müncheberg“ unter Hauptmann Zobel 45 - 50 russische Panzer ab. Vier eigene Verluste waren der eigenen 8,8 cm Flak zu verdanken.

Das durchsiebte Ortschild aus dem Oderbruch
Iljuschin 2 Sturmovik
Schukow war über die Fortschritte am ersten Tag im Oderbruch überhaupt nicht begeistert. Um die Sache zu beschleunigen setzte er drei Panzerkorps um 14.30 in Bewegung. Was folgte war vollständiges Chaos, da verstopfte Strassen einen vernünftigen Einsatz der Panzer unmöglich machte. Sie wurden dadurch zur leichten Beute der deutschen Panzerabwehr. Am Ende des ersten Tages sah es  nicht schlecht für die deutschen Verteidiger aus. Mit Ausnahme der Evakuierung der Schlüsselstellung bei Podelzig, hatte die Front gehalten. General Busse, Chef der 9. Armee schrieb darüber: “In Anbetracht des ungleichen Kräfteverhältnisses war der 16. April ein großer Abwehr Erfolg. Nirgends war der Feind zum Durchbruch, ja noch nicht einmal zum entscheidenden Einbruch in die Höhenstufe gekommen. Bedenklich war der Zustand der Truppe im Schwerpunktabschnitt. Die Verluste an Menschen und Waffen war nicht mehr auszugleichen, eine Ablösung der stark mitgenommenen Einheiten unmöglich. Die Luftwaffe hatte unter vollem Einsatz die Erdtruppe wirksam unterstützt, aber nicht verhindern können, dass die Russen den Luftraum beherrschen“.

Ivan S. Konjew
Am selben Tag hatte sich auch Konjews 1. Ukrainische Front bei Forst über die Neisse in Bewegung gesetzt und um 05.15 den ersten Brückenkopf gebildet. Gegen 07.00 waren bereits 133 Übergänge gesichert. Die Luftangriffe auf Forst hatten dazu beigetragen dass die Verteidiger arg demoralisiert waren. Erst gegen Abend kam der Angriff zum stehen, als man bei Cottbus deutsche Panzerkräfte erkannte.
Der 17. April war gekennzeichnet von verbissenen Kämpfen an allen Fronten. Schukow, unter Druck von Stalin, verlangte den Durchbruch und warf alles in die Waagschale. Die Verluste waren so entsetzlich, dass Reserven aus rückwärtigen Diensten aufgeboten werden mussten, um die Infanterieeinheiten aufzufüllen. Konjew hingegen machte Fortschritte und überschritt am Abend bereits die Spree an mehreren Stellen. Das Rennen nach Berlin war voll entbrannt und Stalin schürte die Rivalität seiner beiden Heerführer.

T 34 rollt über das Schlachtfeld
Am 18. April eröffnete Marshall Rokossowski mit der 2. Weissrussischen Front seine Offensive gegen die Verbände der 3. Panzerarmee unter Hasso von Manteuffel. Parallel dazu ging der Angriff gegen die Seelower Höhen weiter. Schukow stellte bei Wriezen eine weiche Stelle in der deutschen Front fest und warf Verstärkungen in den Abschnitt. Am Morgen des 19. April überrannten die Russen die Stellungen des CI. Armeekorps und nahmen Wriezen. Nun tat sich eine 30 km breite Lücke zwischen Wriezen und Behledorf auf.
 Der 20. April sollte trotz oder gerade wegen Hitlers Geburtstag ein tragisches Ende nehmen. Die 9. Armee gerät immer weiter unter Druck und in Gefahr eingekesselt zu werden. Fürstenwalde ist bedroht. Konjews Truppen bewegen sich mit 30 km pro Tag nordwärts auf die Reichshauptstadt zu und nehmen Baruth. Im Norden stößt die Rote Armee auf Werneuchen und Altlandsberg vor. Die vollständige Einkesselung Berlins ist nur noch eine Frage der Zeit.

In den nächsten drei Tagen bewegen sich die russischen Einheiten unaufhaltsam nach und um Berlin herum. Am 24. April, gegen 06.00 morgens, reichen sich die Truppen der 1. Weißrussischen Front und der 1. Ukrainischen Front am Flugplatz Schönefeld, unweit von Bohnsdorf, die Hände. Die 9. Armee ist unweigerlich eingekesselt. Berlin selbst wird am Tag darauf bei Ketzin zwischen Potsdam und Brandenburg eingeschlossen.