Der kranke Mann vom Bospurus
Anfang 1853 waren die Menschen in Europa geprägt von Ängsten. Der Ursprung dieser Angst lag in der Metapher vom "kranken Mann am Bosporus“. Damit war die Frage von Sein oder Nichtsein des Osmanischen Reiches gemeint, das in seiner riesigen Größe sich vom Balkan bis zur Arabischen Halbinsel und von den Ufern des Euphrats bis an die Gestade Tunesiens erstreckte. Doch dieses imposante Imperium war buchstäblich auf Sand gebaut und bereits seit dem 17. Jahrhundert begann ein schleichender Zerfallsprozess, der eben in diesem Sommer des Jahres 1853 in der Katastrophe des Krimkrieges, des ersten industriellen Massensterbens auf europäischem Boden buchstäblich explodierte. 1918 dachten die Menschen, dass es etwas Schlimmeres als das Fegefeuer Verdun nicht hätte geben können. Doch dabei vergaßen sie, dass es bereits ein Verdun vor Verdun gab: Sewastopol.
Der langsame Zerfall des Türkenreiches rief Mächte auf den Plan, die dieses Vakuum füllen wollten. Russland sah darin eine Chance, seinen Machteinfluss in Europa stärker geltend zu machen und insbesondere einen Zugang zum Mittelmeer und auf den Balkan zu bekommen. Russland drängte darauf, die Kontrolle über die wichtigen Meerengen des Bosporus und der Dardanellen zu erhalten. Zar Nikolaus I., der seit der Niederschlagung des Aufstandes der Polen 1830/31 und des Aufstandes der Ungarn im Jahre 1849 blutig niedergeworfen hatte, trug den Beinamen „Gendarm Europas“. Bereits in den 1840er Jahren hatte er vergeblich versucht, die Regierungen Österreichs und Großbritanniens für eine Aufteilung des Osmanischen Reiches zu gewinnen. Nun wurde der Zar konkreter. Seit Januar 1853 entwickelte er in vertraulichen Gesprächen mit dem englischen Botschafter George Hamilton Seymour neue Ideen für eine Aufteilung des Osmanischen Reiches. Der Brite berichtete sofort nach London. Dort war man hellwach, sah man doch vitale eigene Interessen durch die russischen Pläne bedroht.
Der britische Export in die Türkei hatte zwischen 1825 und 1852 um 800 Prozent zugenommen. Mittlerweile war das riesige Reich der Hauptabnehmer englischer Industrieprodukte. Schon um der Handelsinteressen willen wollten die Briten die Integrität der Türkei erhalten. Des Weiteren ging es ihnen darum, die Verbindungswege nach Indien nicht unter die Kontrolle Russlands fallen zu lassen und die zaristischen Vormachtsbestrebungen in Asien zu unterbinden (The Great Game).
Auch Napoleon III., ein Neffe Napoleon Bonapartes, der sich im Dezember 1851 die Macht geputscht hatte, zeigte sich entschlossen, der russischen Expansion entgegenzutreten. Konfliktstoff mit St. Petersburg boten vordergründig die heiligen Stätten in Palästina. Jerusalem und weitere Städte des Heiligen Landes waren überwiegend von Muslimen und Juden bewohnt, die damals noch friedlich zusammenlebten. Die christliche Minderheit hingegen war arg zerstritten. So pflegten sich insbesondere zu Ostern die griechisch−orthodoxen Mönche mit den katholischen Franziskanern zu prügeln. Eine merkwürdige Vorstellung, denn in Jahren der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen christlichen Kreuzfahrern und Muslimen sucht Franziskus das Gespräch, den Dialog zwischen den Religionen. Bei dem, was schon die Zeitgenossen Mönchsgezänk nannten, ging es zum Beispiel darum, wer die Grabeskirche in Jerusalem restaurieren, und wer den Schlüssel zur Geburtskirche und −grotte in Bethlehem bewahren dürfe. Hinter den Ansprüchen der Orthodoxen stand Russland, als Anwalt der Katholiken blähte sich Frankreich auf. Napoleon III. suchte sich auf die Katholiken Frankreichs zu stützen. Da ergriff er gern die Gelegenheit, als Verteidiger katholischer Interessen aufzutreten.
Die russische Motivation, das Osmanische Reich zu zerschlagen, lag jedoch nicht allein in geopolitischen Interessen begründet. Sie basierte auch auf dem in großen Teilen der russischen Gesellschaft seit Beginn des 19. Jahrhunderts verbreiteten Panslawismus und dem Wunsch, die orthodoxen slawischen Völker des Balkans von der in den Augen dieser Bewegung repressiven osmanischen Herrschaft zu befreien. Meldungen über blutige Niederschlagungen regelmäßig aufflackernder Freiheitskämpfe der Balkanslawen empörten die russische Öffentlichkeit und ließen dort Rufe nach einem Eingreifen laut werden. Auch in der zeitgenössischen russischen Literatur finden sich Zeugnisse der vorherrschenden Stimmungen, so beispielsweise in Turgenews Roman „Am Vorabend“. Im Zeitalter der europaweit verbreiteten romantischen Nationalismen wurde Russland von vielen slawischen Bevölkerungsgruppen als natürliche Schutzmacht der Balkanslawen betrachtet. Nach Beginn des Krieges schien die Rückeroberung des bis zur Einnahme durch die Türken/Osmanen im Jahr 1453 byzantinisch-orthodoxen Konstantinopels zum Greifen nah, nachdem die russische Armee bereits 1830 knapp vor seinen Toren gestanden hatte.
Türkei erklärt Russland den Krieg
Ende Februar 1853 entsandte Nikolaus I. Alexander Fürst Menschikow nach Konstantinopel. Der Admiral sollte mit der türkischen Regierung eine Konvention abschließen, welche die Vorrechte der Orthodoxen an den heiligen Stätten garantierte. Dazu war Konstantinopel bereit. Doch Menschikow hatte noch eine zweite Forderung: Die ganze Türkei solle sich durch einen Vertrag unter das Protektorat Russlands stellen. Dieses Ansinnen wies die türkische Regierung, vom britischen Botschafter Stratford Canning dazu ermutigt, zurück. Menschikow reiste daraufhin wütend am 21.Mai 1853 ab und kappte die diplomatischen Beziehungen zum Osmanischen Reich. Drei Wochen später setzten Großbritannien und Frankreich ein deutliches Zeichen: Die britische und die französische Mittelmeerflotte ging in der Besika−Bucht nahe der Einfahrt zu den Dardanellen vor Anker.
Wenig später, Anfang Juli, rückte eine russische Armee von 80.000 Mann unter Fürst Michael Gortschakow, in die türkisch verwalteten Donaufürstentümer Walachei und Moldau ein. Daraufhin erklärte die türkische Regierung, wiederum von den Briten ermutigt, Russland am 4.Oktober 1853 den Krieg. Der osmanische General Omar Pascha rückte daraufhin gegen die russische Armee an der Donau vor und errang am 4. November einen ersten Sieg bei Oltenitza. Die russische Armee überschritt die Donau und begann die strategisch wichtige türkische Festung Silistria , eine Hafenstadt im Nordosten Bulgariens, zu belagern. Omar Pascha führte am 10. Juni eine Entsatzarmee heran und war in den Kämpfen vor Silistria erneut siegreich. Die osmanische Armee kämpfte, nicht zuletzt aufgrund der Reformen durch preußische Offiziere wie Moltke, deutlich erfolgreicher als im Russisch-Türkischen Krieg von 1828–1829. Die Belagerung von Silistria musste deshalb am 23. Juni, nach 55 Tagen, von den Russen aufgegeben werden und Omar Pascha rückte am 22. August in Bukarest ein.
Auch griff, am 30. November, die russische Schwarzmeerflotte mit sechs Linienschiffen, unter Vizeadmiral Nachimow an. Im Hafen von Sinope setzten die Russen Sprenggranaten ein und schossen sämtliche dort liegenden Schiffe des osmanischen Vizeadmirals, mit 4.000 Marinesoldaten an Bord, in Brand.
Wenige Wochen später lief die britisch−französische Flotte ins Schwarze Meer ein. Nikolaus machte jetzt Kompromissvorschläge. England und Frankreich traten daraufhin nicht etwa in Verhandlungen ein, sondern erklärten Russland im März 1854 den Krieg. Bei ihrem Entschluss zum Kriege hatte für die britische Regierung auch der Druck der öffentlichen Meinung eine Rolle gespielt. In Großbritannien betrachtete man die Türkei als eine schwache Nation, die von einer starken autokratischen Nation angegriffen worden sei. Diese Stimmung wurde durch die antirussisch eingestellte Presse angeheizt.
Kein Interesse Deutschlands am Krieg
Nur die Deutschen zeigten wenig Neigung zum Krieg. Sowohl die Westmächte als auch Russland ließen nichts unversucht, um Österreich und Preußen auf ihre Seite zu ziehen. Doch in beiden Ländern war die Führungsschicht gespalten, gab es eine pro-westliche und eine pro-russische Fraktion. Vor einer aktiven Beteiligung am Krieg schreckte man in Wien und Berlin überwiegend zurück, weil man dann dessen Hauptlast hätte tragen müssen. In Österreich gewann bereits Mitte 1854 die von Außenminister Graf Buol−Schauenstein repräsentierte Strömung die Oberhand, welche immer stärker mit den Westmächten kooperierte. Am 3. Juni 1854 richtete Österreich an Russland die drohende Aufforderung, sich aus den Donaufürstentümern zurückzuziehen. Österreich, das erst 1849 beim Aufstand der Ungarn mit Hilfe Russlands vor dem Zerfall gerettet wurde, „eilte die Welt mit seiner Undankbarkeit zu verblüffen“, wie ein Zeitzeuge schrieb.
Nachdem die Russen abgezogen waren, besetzte Habsburg diese nach dem russischen Abzug selbst. In die Kampfhandlungen griff Österreich aber nicht ein. Im Oktober 1854 wurden jedoch 300.000 Mann an der russischen Grenze zusammengezogen, wodurch erhebliche russische Streitkräfte gebunden wurden. Auf diese Weise spielte Österreich eine wichtige Rolle im Krimkrieg, obwohl es sich nicht aktiv am Kriegsgeschehen beteiligte - und verärgerte letztlich beide Parteien.
In Preußen hingegen hielt sich der Einfluss der stockkonservativen pro-russischen Kreuzzeitungspartei (Hauptvertreter des preußischen Konservativismus) und der der liberalkonservativen prowestlichen Wochenblattpartei die Waage. König Friedrich Wilhelm IV. schwankte zwischen beiden Gruppierungen hin und her. Der enttäuschte Zar bemerkte deshalb bissig: „Mein lieber Schwager geht jeden Abend als Russe zu Bett und steht jeden Morgen als Engländer wieder auf.“
Da Preußen neutral blieb und Österreich zumindest nicht unmittelbar in den Krieg eingriff, war ein direkter Feldzug der Briten und Franzosen gegen das russische Kernland unmöglich. Die Westmächte, deren Flotten unbehelligt im Schwarzen Meer kreuzten, landeten nun Truppen bei Varna, um der Armee des Zaren den Weg nach Konstantinopel zu versperren. Die Russen zogen sich daraufhin über die Donau und dann auch über den Pruth zurück. Bereits kurz nach der Ankunft in Varna traten große Verluste bei den Verbündeten durch Seuchen und Krankheiten auf.
Die westlichen Alliierten waren enttäuscht vom freiwilligen Rückzug der Russen. Napoleon III. suchte einen militärischen Erfolg, um seinen Großmachtambitionen gerecht zu werden und Premier Lord Aberdeen erwartete vom Krieg einen Sympathiegewinn bei der russenfeindlichen Öffentlichkeit. Frankreich und England weigerten sich daher, einen Waffenstillstand ohne einen deutlichen Sieg über Russland abzuschließen. Da ein Marsch ins Innere des russischen Reiches nicht Erfolg versprechend erschien, beschlossen die Alliierten die russische Festung Sewastopol auf der Halbinsel Krim anzugreifen.
Kriegsschiffe greifen an
Obwohl der Angriff auf die Krim bereits beschlossen war, marschierten drei französische Divisionen Ende Juli in die Dobrudscha, um ein vermeintlich dort stehendes russisches Korps zu bekämpfen. Die Dobrudscha ist historische Landschaft in Südost-Rumänien und Nordost-Bulgarien zwischen dem Unterlauf der Donau und dem Schwarzem Meer. Nachdem beim Marsch erneut große Verluste durch Krankheiten auftraten, kehrten die Truppen nach Varna zurück. Bereits am 11. März 1854 liefen die ersten englischen Dampfschiffe unter Charles Napier in die Ostsee aus, um russische Häfen zu blockieren. Da die russische Flotte sich nicht zum Kampf stellte, wurden in den kommenden Wochen russische Werften und Häfen in Finnland angegriffen oder beschossen.
Im August 1854 griffen die Alliierten mit ca. 12.000 Mann Landungstruppen unter General Baraguay d'Hilliers die Festung Bomarsund an. Die Besatzung der Festung verfügte zwar über hunderte von Geschützen, die Verteidigung zur Landseite war aber schwach. Zudem war die Festung noch nicht gänzlich fertig gestellt. Die Russen unter General Bodisco kapitulierten am 16. August; über 2.200 Russen gingen in Gefangenschaft. Nach Besetzung der Inseln wurden die Forts der Festung gesprengt.1855 bombardierten die Alliierten für zwei Tage die Docks in Sveaborg bei Helsinki.
Auch im Fernen Osten wurden die Alliierten aktiv.Am 18. August 1854 unternahm ein britisch-französischer Schiffsverband aus drei Fregatten, zwei Korvetten und einem Dampfschiff einen Angriff auf die russische Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski auf Kamtschatka. Die Stadt wurde jedoch in den Jahren zuvor dank der Voraussicht des Fernost-Gouverneurs Nikolai Murawjow-Amurski befestigt. Die Russen hatten eine nur kleine Garnison aus mehreren Hundert Mann und 67 Kanonen. Ihnen standen zahlenmäßig überlegene alliierte Landungstruppen und 218 Schiffskanonen gegenüber. Nach langem Beschuss landeten ca. 600 Soldaten südlich der Stadt, wurden jedoch nach schweren Gefechten von 230 Verteidigern abgewehrt und zum Rückzug gezwungen. Am 24. August landeten weitere 970 Alliierte östlich der Stadt, konnten sich aber ebenfalls nicht gegen 360 Russen durchsetzen. Danach verließen die Schiffe russische Gewässer. Die Verluste der Russen betrugen ca. 100 Mann, während die Verluste der Engländer und Franzosen ungefähr fünfmal höher waren.
Doch nun war es beschlossene Sache, Sewastopol zu erobern und am 8. September schifften sich die Alliierten schließlich ein, um die Krim anzugreifen.
Britische Inkompetenz
Sewastopol liegt im Süden der Krim, einem der schönsten Landstriche Europas. Im mediterranen Klima wachsen hier Wein und alle Früchte des ewigen Sommers, hier kurten der Zar und Russlands Adel in prächtigen Villen. Am 14. September 1854 nun brach der Krieg in dieses Paradies ein. Nördlich von Sewastopol, in der Bucht von Eupatoria (Jewpatorija), gingen 50. 000 britische, französische und türkische Soldaten an Land. Bereits der erste Tag offenbarte die groteske Inkompetenz der englischen Generalität. Die Briten hatten nämlich keine Zelte an Land gebracht. Am Abend setzte ein sintflutartiger Regen ein, der die ganze Nacht über anhielt. Das logistische Debakel konnte nicht verheimlicht werden. Die britische Armee wurde von einem Korrespondenten der Times, William Howard Russell, begleitet, der zum Schrecken der Militärs fortan nicht die erwünschten Elogen lieferte, sondern schrieb, was er sah.
Im September publizierte er in der Times: „Der Leser stelle sich die alten Generäle und jungen Lords und Gentlemen vor, die Stunde um Stunde der gnadenlosen Macht des Unwetters ausgesetzt, ohne Bett waren, auf durchweichten Decken oder nutzlosen wasserdichten Umhängen in stinkenden Pfützen lagen, und die rund zwanzigtausend armen Teufel, die gar keinen Fußbreit trockenen Boden hatten und sich genötigt sahen, in Tümpeln oder Bächen zu schlafen oder es immerhin zu versuchen, ohne ein wärmendes Feuer, ohne heißen Grog und ohne Aussicht auf ein Frühstück all das stelle sich der Leser vor und er wird zugeben, dass diese ,Akklimatisierung durchaus barbarisch war.“
Die britische Armee hatte im Kampf gegen Napoleon manchen Ruhm geerntet, doch war sie danach gleichsam auf ihrem Siegerlorbeer eingeschlafen. Noch immer wurden hier Offizierspatente gegen gutes Geld verkauft, noch immer hielt sie an einer veralteten Taktik fest, noch immer disziplinierte sie ihre Soldaten mit der Prügelstrafe. Der britische Oberbefehlshaber Lord Fitzroy Somerset Raglan war bereits 65 Jahre alt. Er hatte fast seine gesamte Militärdienstzeit in Stäben zugebracht und noch nie eine größere Einheit als ein Bataillon kommandiert.
Am 20. September marschierten die Alliierten landeinwärts wo sie am Fluss Alma von den Russen unter Fürst Menschikow, der inzwischen Oberbefehlshaber der russischen Truppen war, erwartet wurden. Menschikow hatte eine gut ausgebaute Stellung bezogen. Nach Schwierigkeiten bei der Koordination des Angriffs der Alliierten zwischen den Oberbefehlshabern Marschall Arnaud und Lord Raglan konnten die Alliierten in der Schlacht an der Alma den ersten Sieg erringen.
Die Befestigungsanlagen Sewastopols waren auf der Seeseite viel massiver als auf der Landseite, wo man bei der Errichtung der Festung nicht mit einem Angriff gerechnet hatte. Es wäre für die Alliierten, nachdem sie am 20. September die russische Feldarmee auf der Krim in der chaotischen Schlacht an der Alma besiegt hatten, durchaus möglich gewesen, Sewastopol aus der Bewegung heraus im Handstreich zu nehmen. Die britischen und französischen Generale entschlossen sich jedoch, die Festung nach den klassischen Regeln förmlich zu belagern.
Die Erfindung des Stellungskrieges
Die meisten der russischen Generäle waren genauso inkompetent wie die britischen. Einer der russischen Militärs sollte sich jedoch für die Alliierten als ein sehr gefährlicher Gegner erweisen: der deutschbaltische Ingenieuroffizier und spätere General Eduard von Totleben. Totleben ließ vor den Festungsmauern ein effektives und für die Angreifer unübersichtliches System von Feldschanzen, Batteriestellungen und Schützengräben anlegen, das eine flexible Verteidigung ermöglichte. Auch Admiral Menschikow, der die fatale Mission nach Konstantinopel geleitet hatte, tat etwas sehr Vernünftiges: Er ließ die Schwarzmeerflotte abrüsten und stellte ihre Matrosen und Kanonen Totleben zur Verfügung.
Die Belagerung war gekennzeichnet durch katastrophale medizinische Zustände bei den Alliierten. So starben der französische und der britische Oberbefehlshaber Saint-Arnaud und Raglan und der Befehlshaber der französischen Flotte Armand Joseph Bruat an der Cholera. Bereits kurz nach Beginn der Belagerung musste Saint-Arnaud wegen Krankheit den Oberbefehl an General Canrobert abgeben. Er starb am 29. September 1854 an Bord der Bertholet, die ihn nach Frankreich zurückbringen sollte. Canrobert legte aber, da er trotz aller Anstrengungen keine entscheidenden Erfolge erringen und sich mit den Engländern nicht verständigen konnte, im Mai 1855 das Kommando wieder nieder, um General Aimable Pélissier Platz zu machen, und übernahm wieder das Kommando des I. Korps.
Bald nach Beginn der Belagerung, am 25. Oktober 1854, kam es zu einem Ereignis, das diesen Tag in den Augen vieler Briten zum denkwürdigsten Datum des ganzen Krimkrieges machte. Die Alliierten, die Sewastopol lehrbuchgerecht belagerten, legten ihrerseits Schanzen an und trieben gegen die Festung Laufgräben vor. Den erforderlichen Nachschub bezogen die Briten dabei über den Hafen Balaklawa, südöstlich von Sewastopol. Um sich gegen Angriffe der russischen Krim−Armee zu schützen, legten sie auch rückwärtig Befestigungen an. So führten sie nach zwei Seiten hin einen Stellungskrieg. Den ersten in der Geschichte der modernen Kriegsführung.
Angriff der Leichten Brigade
Die Russen hatten eine Entsatzarmee aus Bessarabien herangeführt und sich etwa 8 Kilometer entfernt mit 25.000 Mann und 78 Kanonen unter ihrem Befehlshaber Graf Liprandi versammelt. Liprandi besetzte die Höhen und der Weg zum Hafen schien frei zu sein. Im Morgengrauen des 25. Oktober griffen die Russen überraschend an. Ihr Ziel war es offensichtlich, die Briten von Balaklawa abzuschneiden. Raglan befahl die Gegenattacke, und es begann eine Kette von Missverständnissen. Raglan diktierte seinen Befehl dem Generalmajor Sir James Airey. Dieser gab ihn mündlich an seinen Ordonnanzoffizier Captain Louis Edward Nolan (15th Hussars) weiter. Nolan sprengte zur Leichten Kavalleriebrigade, die von Generalmajor James Earl of Cardigan befehligt wurde, der wiederum Generalmajor Lord George Lucan unterstellt war. Lucan und Cardigan waren Schwäger und gleichzeitig Intimfeinde. Der eitle Nolan hielt beide für die größten Dummköpfe der ganzen englischen Armee. Er gab den Befehl Raglans in ganz knapper Form weiter. Lucan und Cardigan konnten von ihrer Position aus nicht sehen, was auf den Höhen um Balaklawa vor sich ging. In seltener Einmütigkeit nahmen sie an, die Brigade solle die russische Artilleriestellung attackieren, die sie in zweieinhalb Kilometer Entfernung am anderen Ende des Tals sahen.
Diese Attacke, in ein Tal welches von drei Seiten von russischer Artillerie eingeschlossen wurde, erlangte auf Grund ihrer großen Verluste eine tragische Berühmtheit. Gegen 11 Uhr griff Cardigan an und geriet in ein wahres Inferno. Seine Männer wurden von drei Seiten unter Feuer genommen. Als einer der ersten fiel Nolan, der die Angriffsrichtung Cardigans nicht mehr hatte korrigieren können. Nach 20 Minuten erreichten die britischen Kavalleristen die russische Artilleriestellung und machten die Kanoniere nieder. Doch von den 673 Soldaten der Brigade waren 156 tot oder vermisst, 122 verwundet. Die Hälfte der Pferde war getötet worden. Das Debakel aber sollte als „Charge of the Light Brigade“ (Angriff der leichten Brigade) zum Mythos der englischen Geschichte verklärt werden.
Währenddessen zog sich die Belagerung von Sewastopol hin, 349 Tage schließlich, bis in den September 1855. Während dieser Zeit war die Stadt nie völlig abgeriegelt. Die Nordseite von Sewastopol jenseits der Tschernaja−Bucht oder Großen Bucht wurde nicht belagert. Von dort aus wurde die Festung über Schiffsbrücken und Fähren versorgt. Da es aber noch keine Eisenbahnlinie vom Zentrum Russlands in den Süden gab, wurde die Versorgung Sewastopols immer schwieriger. Wegen ihrer vielen Krisenherde (Polen, Baltikum) war Russland war zu keinem Zeitpunkt in der Lage, auch nur 200.000 Mann auf der Krim konzentrieren zu können.
Und doch suchten die Russen ihre Chance. Am 5. November 1854 versuchten die eingeschlossenen Russen einen Ausfall gegen die britischen Truppen, der zur Schlacht von Inkerman führte. Die Russen versuchten den Briten in die Flanke zu fallen indem sie die Hügel am nördlichen Ende der britischen Stellung besetzten. Ungefähr drei Stunden lang verteidigten 8.000 Briten ihre Stellung gegen rund 30.000 Russen in erbitterten Kämpfen. Dann griffen französischen Zuaven und Fremdenlegionäre die Russen wiederum in der Flanke an und zwangen diese zum Rückzug.
Die Verteidiger von Sewastopol kämpften mit der gewohnten stoischen Standhaftigkeit. Einer von ihnen war der junge Leo Tolstoj. Bereits in der ersten Erzählung, „Sewastopol im Dezember“, beschwört er das Grauen: „Sie sehen hier entsetzliche, die Seele erschütternde Bilder, sehen den Krieg und in seiner wirklichen Gestalt mit Blut, Qualen und Tod.“ Die Versorgung der Verwundeten war eine einzige Katastrophet. Erst als die englische Krankenpflegerin Florence Nightingale mit etlichen Helferinnen im Hauptspital Skutari ihre schwere Arbeit aufgenommen hatte verbesserte sich die Situation.
Industrialisierung des Krieges
Seit Oktober 1854 fanden wechselseitige Beschießungen der Stellungen statt, bei der bis dahin ungekannte Mengen von Granaten benötigt wurden. Der britische Chefingenieur John Fox Burgoyne sah das Zentrum der russischen Stellung im Fort Malakow und konzentrierte das Feuer der Alliierten dort.
Im Mai 1855 standen 35.000 Briten und 100.000 Franzosen auf der Krim. Ende Mai trafen dazu noch 14.000 Italiener ein.Omar Pascha hatte die Krim mit einem Teil seiner Armee verlassen, weil er das Vordringen der Russen auf dem asiatischen Kriegschauplatz verhindern sollte und seine Truppen nur für Arbeitsdienste herangezogen wurden. Der russische Oberbefehlshaber Menschikow wurde durch Fürst Michael Gortschakow ersetzt, der bereits 1853 den Angriff auf die Donaufürstentümer und Silistria geführt hatte. Am 28. Juni 1855 starb Lord Raglan an der Cholera, sein Nachfolger wurde Sir James Simpson. Am 11. Juli starb auch der von einem Scharfschützen tödlich verwundete Admiral Nachimow. Dieser hatte bis dahin die Verteidigung der Stadt und ihres Hafens geführt.
Die alliierten Flotten beherrschten das Schwarze Meer, versenkten Transportschiffe und beschossen sowohl militärische als auch zivile Objekte an der Küste. Am 16. August versuchten die Russen noch einmal vergeblich die Belagerung durch die Schlacht bei Tschernaja aufzuheben.
Der Kampf um die Festung Sewastopol erreichte seinen Höhepunkt und den gleichzeitigen Abschluss, nach fast einjähriger Belagerung, mit der Erstürmung des Forts Malakow. Nach seiner Eroberung durch französische Soldaten unter dem Kommando der Generale Patrice de Mac-Mahon und Pierre Bosquet am 8. September 1855 mussten die russischen Verteidiger die gesamte Stadt Sewastopol räumen. Der unmenschliche Stellungs- und Zermürbungskrieg hatte die Moral, die Leidensfähigkeit und das wirtschaftliche Potential der Russen an den Rand des erträglichen getrieben. Sewastopol war ein Vorgeschmack dessen, was sich 60 Jahre später in Verdun abspielen sollte. Aber das russische Verdun stand dem französischen in nichts nach. Da die Festung die Kontrolle des Schwarzmeerhafens von Sewastopol ermöglichte, sprengten die russischen Truppen die Anlagen und zogen sich zurück.
Bis zum Morgen des kommenden Tages zogen die 40.000 Verteidiger über die Tschernaja−Bucht ab. Bis zum Fall von Sewastopol hatten 73.000 russische, 70.000 französische und 22.000 britische Soldaten ihr Leben verloren. 61.000 von ihnen waren im Kampf getötet worden, 104.000 an Krankheiten und Seuchen gestorben oder ihren Verwundungen erlegen.
Im März 1856 musste Russland in Paris Frieden schließen. Im Vertrag sowie in weiteren Konventionen garantierten die europäischen Mächte die Unabhängigkeit und Integrität der Türkei. Das Schwarze Meer wurde neutralisiert, und Russland durfte dort fortan keine Kriegsflotte und keine Festungen besitzen. Der Krimkrieg zerstörte endgültig das auf dem Wiener Kongress 1815 geschaffene politische System und Russland hatte seine Rolle als führende Militärmacht und Gendarm Europas ausgespielt.



























