Paulus and von Manstein
Der Briefwechsel vom 26. und 27. November 1942 zwischenGeneral Friedrich Paulus und Generalfeldmarschall Erich von Manstein:
Hochverehrter Herr Feldmarschall!
I. Ich danke gehorsamst für den Funkspruch vom 24. XI. und die in Aussicht gestellte Hilfe.
Zur Beurteilung meiner Lage darf ich folgendes melden:
1. Als am 18. XI. die russ. Großangriffe auf die rechten und linken Nachbarn der Armee einsetzten, waren im Verlauf von 2 Tagen die beiden Flanken der Armee offen, in die der Russe mit beweglichen Kräften schnell vorging. Die nach Westen über den Don vorziehenden, eigenen, schnellen Verbände (XIV. Pz.K.) trafen mit ihren Spitzen westlich des Don auf überlegenen Feind und kamen in eine sehr schwierige Lage, zumal sie durch Betriebsstoffmangel stark in ihrer Beweglichkeit gehemmt waren. Gleichzeitig marschierte der Feind in den Rücken des XI. Korps, das befehlsmäßig in vollem Umfange seine Stellung mit der Front nach Norden gehalten hatte. Da irgendwelche Kräfte aus der Front zur Abwehr dieser Gefahr nicht mehr herauszuziehen waren, blieb gar nichts anderes übrig, als den linken Flügel des XI. A.K. nach Süden umzuklappen und im weiteren Verlauf das XI. A.K. zunächst in eine Brückenkopfstellung westl. des Don zurückgehen zu lassen, damit nicht die westl. des Don stehenden Teile von der Masse abgesplittert wurden. In die Durchführung dieser Maßnahmen traf ein Führerbefehl ein, der den Angriff mit XIV. Pz.K. mit linkem Flügel auf Dobrinskaja forderte. Dieser Befehl war durch die Ereignisse überholt. Ich konnte ihn also nicht befolgen.
2. Am 22. früh wurde mir auch das IV. A.K., bisher bei PZ.A.O.K. 4, unterstellt. Der rechte Flügel des IV. A.K. war im Zurückgehen von Süden nach Norden über Businowka. Damit war die ganze Süd- und Südwestflanke offen. Wollte man nicht den Russen ungehindert in den Rücken der Armee Richtung Stalingrad hereinmarschieren lassen, so blieb gar nichts anderes übrig, als Kräfte aus Stalingrad und der Nordfront herauszuziehen. Diese konnten vielleicht noch rechtzeitig herangeführt werden, während dies mit Kräften aus dem Gebiet westl. des Don nicht durchführbar war. Mit den aus der Stalingrad-Front zum IV. A.K. herangeführten Kräften gelang es dem IV. A.K., eine schwache Südfront mit Westflügel bei Marinowka aufzubauen, in die jedoch am 23. mehrere Feindeinbrüche erfolgten, Ausgang noch ungewiß. Am 23. nachm. wurden stärkere feindl. Panzerverbände, darunter allein 100 Pz. in Gegend westl. Marinowka erkannt und mehrfach bestätigt. Im ganzen Raum zwischen Marinowka und dem Don standen nur dünne deutsche Sicherungen. Der Weg Richtung Stalingrad war für die russ. Pz. u. mot. Kräfte wieder frei, ebenso wie Richtung Pestkowatka gegen die Don-Brücken. Von vorgesetzten Stellen hatte ich seit 36 Stunden keine Befehle oder Nachrichten bekommen. Ich konnte in wenigen Stunden vor folgender Lage stehen:
a) entweder mit der West- und Nordfront stehen zu bleiben und mit anzusehen, wie die Armeefront binnen kürzester Frist von hinten aufgerollt wurde, dabei aber formal dem mir gewordenen Befehl zum Halten gehorsam zu sein, oder
b) den in solcher Lage einzig möglichen Entschluß zu fassen, sich mit aller Kraft gegen den Feind zu wenden, der die Armee von rückwärts zu erdolchen im Begriff war. Daß bei diesem Entschluß die Ost- und Nordfront nicht mehr zu halten ist und im weiteren Verlauf dann nur noch ein Durchbrechen nach Südwesten in Frage kommt, ist selbstverständlich. Im Falle b) werde ich zwar der Lage gerecht, mache mich aber - dann zum 2ten Mal - des Ungehorsams gegen einen Befehl schuldig.
a) entweder mit der West- und Nordfront stehen zu bleiben und mit anzusehen, wie die Armeefront binnen kürzester Frist von hinten aufgerollt wurde, dabei aber formal dem mir gewordenen Befehl zum Halten gehorsam zu sein, oder
b) den in solcher Lage einzig möglichen Entschluß zu fassen, sich mit aller Kraft gegen den Feind zu wenden, der die Armee von rückwärts zu erdolchen im Begriff war. Daß bei diesem Entschluß die Ost- und Nordfront nicht mehr zu halten ist und im weiteren Verlauf dann nur noch ein Durchbrechen nach Südwesten in Frage kommt, ist selbstverständlich. Im Falle b) werde ich zwar der Lage gerecht, mache mich aber - dann zum 2ten Mal - des Ungehorsams gegen einen Befehl schuldig.
3. In dieser schwierigen Lage sandte ich an den Führer einen Funkspruch mit der Bitte, mir Handlungsfreiheit für einen solchen letzten Entschluß zu geben, wenn er nötig wird. Ich suchte in einer solchen Vollmacht einen Rückhalt, der mich davor bewahren sollte, den in gegebener Lage einzig möglichen Befehl zu spät zu geben. Daß ich einen solchen Befehl nur im alleräußersten Notfall und nicht zu früh geben würde, dafür kann ich keinen Beweis erbringen, sondern nur Vertrauen erbitten. Ich habe auf diesen Funkspruch keine unmittelbare Antwort erhalten. Dagegen sind heute zwei Funksprüche des O.K.H. eingegangen, die mich weiter einengen. Ich darf dazu melden, daß sowohl ich wie alle meine Kdre. von dem festen Willen zum Aushalten bis zum Letzten durchdrungen sind. Bei der Verantwortung, die ich aber dem Führer gegenüber für die mir anvertrauten immerhin rund 300.000 Mann habe, ist es verständlich, wenn ich gebeten habe, mir für den alleräußersten Fall die Genehmigung zum Handeln nach Lage zu geben. Die geschilderte Situation kann im übrigen täglich und stündlich wieder eintreten.
II. Die Lage von heute wird auf Karte übersandt. Wenn auch der Südwestfront weitere Kräfte zugeführt werden konnten, so ist die Lage dort doch noch angespannt. Die Südfront (IV. A.K.) hat sich etwas gefestigt und die ganzen letzten Tage über schwere feindl. Infanterie und Panzerangriffe abgeschlagen, allerdings unter erheblichen eigenen Verlusten und hohem Munitionsverbrauch. Die Stalingradfront erwehrt sich tägl. eines starken Feinddruckes. An der Nordfront sind Schwierigkeiten an der Nordostecke (94. I.D.) und am Westflügel (76. I.D.). Die Hauptangriffe an der Nordfront stehen meiner Ansicht nach erst bevor, da der Gegner hier Eisenbahn u. Straßen für Heranführen von Verstärkung besitzt. Der Nordfront von Westen her Verstärkung zuzuführen, wird meine Sorge der nächsten Tage sein. Die seit 3 Tagen durchgeführte Luftversorgung brachte nur kleine Bruchteile des errechneten Mindestbedarfs. Die Versorgung kann schon in den nächsten Tagen zu einer äußerst ernsten Krise führen. Ich glaube trotzdem, daß sich die Armee einige Zeit halten kann. Ob allerdings die täglich wachsende Schwäche der Armee, dazu der Mangel an Unterkünften, Bau und Brennholz ein Halten des Raumes um Stalingrad - auch wenn etwa ein Korridor zu mir durchgeschlagen wird - für längere Zeit möglich machen kann, ist noch nicht voll zu übersehen. Da ich täglich von vielen verständlichen Anfragen für die Zukunft bestürmt werde, wäre ich dankbar, wenn mir mehr als bisher Unterlagen zugänglich gemacht würden, die ich für die Hebung der Zuversicht meiner Männer verwenden kann. Ich darf melden, daß ich in Ihrer Führung, Herr Feldmarschall, die Gewähr sehe, daß alles geschieht, um der 6. Armee zu helfen. Meine Kdre. und meine braven Männer werden ihrerseits mit mir alles tun, um Ihr Vertrauen zu rechtfertigen.
Ihr, Herr Feldmarschall,
gehorsamer Paulus
Ihr, Herr Feldmarschall,
gehorsamer Paulus
Von Manstein an Paulus
Die Antwort v. Manstein an Paulus vom 27. November 1942 auf dessen Schreiben vom 26. November 1942:Lieber Paulus!
Ich erhielt gestern Ihren Brief und heute den mündl. Bericht des General Pickert. Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Sorgen und den Druck der Verantwortung, unter dem Sie stehen. Sie können aber fest darauf vertrauen (und ich bitte Sie, dies auch Ihren Unterführern zu übermitteln), daß von uns aus alles geschehen wird, was nur menschenmöglich ist, um der Armee so schnell und so viel zu helfen, wie es die Lage erfordert. Über unsere Mittel, Wege und Absichten wird Sie der Chef unterrichten. Ebenso über meine Auffassung zu Ihren Gedankengängen. Sie können versichert sein, daß wir uns über die Lage der Armee auch im einzelnen klar sind und auch genau so an den Führer melden. Zum Schluß noch eins: Der Befehl des Führers entlastet Sie von der Verantwortung, die über die zweckmäßigste und willensstärkste Durchführung des Befehls des Führers hinausgeht. Was wird, wenn die Armee in Erfüllung des Befehls des Führers die letzte Patrone verschossen haben sollte, dafür sind Sie nicht verantwortlich! Im übrigen werden wir Sie nicht im Stich lassen!
Ihr
gez. v. Manstein


