Mythos der Unbesiegbarkeit
Die verlorene Schlacht um Moskau Ende 1941 war die erste entscheidende Niederlage im Zweiten Weltkrieg, die die bis dahin mit dem Mythos der Unbesiegbarkeit umgebene deutsche Wehrmacht erlitten hatte. Die Blitzkriegsstrategie Hitlers war damit gescheitert und der Sowjetunion hatte sich die Möglichkeit eröffnet, die Initiative zu ergreifen und nun ihrerseits zur Offensive überzugehen.
Die Niederlage vor Moskau führte zu einer äußerst kritischen Situation für die Wehrmacht. Zum einen funktionierte der militärische Nachschub aufgrund von Transportschwierigkeiten nur noch mangelhaft. Zum anderen hatten die deutschen Truppen die vorgesehenen Winterquartiere nicht erreicht und waren für einen längeren Feldzug während der Frostperiode nur unzureichend ausgerüstet. Im Hinblick auf eine nun notwendig gewordene, neue Offensive im Frühjahr 1942 war die Situation beim Treibstoff besonders prekär. Das verbündete Rumänien war nicht mehr in der Lage, Deutschland ausreichend mit Erdöl zu versorgen und die deutsche Benzinproduktion aus einheimischer Kohle war durch die zahlreicher gewordenen alliierten Luftangriffe zurückgegangen. Daher plante das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) eine Offensive im Süden der deutsch-sowjetischen Front mit folgenden Zielen:
• 1. Vormarsch in den Kaukasus und Eroberung der Ölfelder von Maikop und
Grosny
• 2. Eroberung Stalingrads, eines der wichtigsten Industriegebiete der
Sowjetunion
• 3. Sperrung der Wolgaschifffahrt als wichtigster Versorgungsader der
Sowjetunion
Das Drama um Major Reichel
Ein Teil der geheimen Aufmarschpläne unter der Tarnbezeichnung "Blau I" fiel der Sowjetarmee in die Hände. Ein deutscher Generalstabsoffizier, Major Joachim Reichel von der 6. Panzerdivision, beschloss ins Hauptquartier des 17. Korps zu fliegen, um einige Punkte abzuklären. Er führte dabei befehlswidrig eine Kurzversion mit den Grundzügen des Fall Blau bei sich, die von Generalleutnant Georg Stumme, Kommandeur des 40. Panzer Korps der 6. Armee, verfasst worden war, um seine Divisionskommandeure von der Operation in Kenntnis zu setzen. Dies war ein eklatanter Verstoß gegen die Führerweisung, die besagte, dass Details nur mündlich weitergegeben werden durften.
Major Reichel verirrte sich mit seinem „Storch“, überquerte die Front und wurde mit Infanteriewaffen beschossen, worauf er notlanden musste. Stumme vermisste Reichel erste am Abend und setzte panisch eine Suche an. Ein Stoßtrupp fand den „Storch“ im Niemandsland, zwei Gräber und stellte fest, dass sich im Flugzeug selbst nichts mehr an Dokumenten befand.
Die Deutschen mussten annehmen, dass Fall Blau in die Hände der Russen gefallen war. Dem war auch so, denn zuerst landete das Papier auf Timoshenkos Schreibtisch und anschließend bei Stalin. Der misstrauische Stalin vermutete aber an eine Falle der Deutschen und schenkte dem Dokument keinen Glauben.
Hitler jedoch ging davon aus, dass Stalin Kenntnis von dem Plan hatte und wollte ein Exempel statuieren. Stumme wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt und musste diese nur Dank Görings nicht antreten, da Göring Hitler von den großen Verdiensten Stummes übereugen konnte. Anstelle dessen schickte man Stumme zu Rommel nach Nordafrika, wo er im Oktober bei El Alamein fiel.
Als die Deutschen bemerkten, dass der Verlust des Dokumentes keine Reaktionen auf Seiten der Russen nach sich zog, gingen die Vorbereitungen für den Fall Blau weiter und Ende Juni 1942 begann die Sommeroffensive der Heeresgruppe Süd an der deutsch-sowjetischen Front.
Der Russe zieht sich zurück
Zunächst stießen die Divisionen in Gewaltmärschen von 30 bis 40 km täglich nach Osten vor. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Gleich in den ersten Tagen mussten die Deutschen erkennen, dass sie hier nur gegen zahlenmäßig schwache, aber gut bewaffnete Nachhuten gekämpft hatten. Ihre verbissene Verteidigung fügte ihnen hohe Verluste zu. Das Gros der sowjetischen Truppen konnte sich jedoch der drohenden Vernichtung entziehen.
Die geringen Gefangenenzahlen und der schwache Widerstand wurden im OKW jedoch falsch interpretiert. Dort ging man davon aus, dass dies ein Zeichen nicht für eine geglückte Rückzugsbewegung, sondern für den gebrochenen Kampfwillen der Sowjetarmee sei. Scheinbar bestätigt wurde diese Einschätzung durch die endgültige Eroberung der Halbinseln Kertsch und Krim durch die 11. deutsche Armee und die sowjetische Niederlage vor Charkow. Die Erfolge überschätzend kam es zu einer Veränderung der deutschen Angriffsstrategie. Hatte noch die OKW-Weisung Nr. 41 vom 5. April 1942 vorgesehen, dass die aus der Heeresgruppe Süd neu gebildeten Gruppen A und B gemeinsam zuerst Stalingrad erobern sollten, um nach der Sperrung der Wolga anschließend in den Kaukasus und entlang der Schwarzmeerküste bis zu den Ölfeldern von Maikop und Grosny vorzustoßen und schließlich bis Baku vorzugehen, so bedeutete die Weisung Nr. 43 vom 23. Juli 1942 die gleichzeitige Lösung aller Aufgaben. Die Heeresgruppe A drehte nach Süden ab. Damit waren die deutschen Kräfte zersplittert. Hinzu kam noch, dass der anstrengende, schnelle Vormarsch und das ungewohnte Steppenklima mit seinen ständigen Temperaturschwankungen zu einem raschen Absinken der Kampfkraft der deutschen Verbände geführt hatte. Unter diesen Vorzeichen begann am 17. Juli die 6. Armee unter ihrem Oberbefehlshaber, General der Panzertruppe Friedrich Paulus, den Angriff auf Stalingrad.
Stalins unmenschlicher Befehl
Das sowjetische Oberkommando hatte in seinem Befehl Nr. 227 vom 28. Juli die Losung verkündet: "Keinen Schritt zurück! (Ne Shagu Nasad)." Zäh verteidigten die Einwohner, die Arbeiter der Betriebe und die sowjetischen Soldaten ihre Stadt. Bis zuletzt rollten in Stalingrad produzierte Panzer von den Werkhallen direkt in die Schlacht. Doch diesen Befehl 227 hatten keineswegs alle Sowjetsoldaten verinnerlicht. Etwa 13.000 von ihnen wurden im Stalingrader Kessel wegen so genannter "Panikmacherei" und versuchter Desertion verhaftet, erschossen oder in Strafkompanien versetzt. Erst 1988 erfuhr die sowjetische Öffentlichkeit erstmals von ihrer Existenz.
Der britische Historiker Richard Overy schrieb in seinem Standardwerk „Russlands Krieg 1941-1945“ über diesen Befehl: “Alle, die dem Befehl zuwider handelten, die Panikmacher und Feiglinge, wurden ohne Umstände exekutiert oder landeten in Strafbataillonen (Schtrafbaty). Es gab Strafbataillone für Hauptleute und Stabsoffiziere (vom Major aufwärts), die sich vor der Pflicht gedrückt hatten, und gesonderte Einheiten für Subalternoffiziere und Mannschaften; man orientierte sich – siehe Befehl 227 – an der deutschen Praxis im Winterkrieg 1941. Auf Stalins Anordnung wurden aus regulären Truppen so genannte Abriegelungseinheiten (Otrjadi Sagradschdenije) gebildet, die jeden Versuch, sich der Schlacht zu entziehen, mit Waffengewalt erstickte. Das kleinste Pflichtversäumnis konnte als Sabotage interpretiert werden. Neueste Schätzungen sprechen von 158.000 Erschießungen während des Krieges“.
Der russische Historiker Dr. Michail Mjagkov betonte kürzlich dazu, dass „Stalins Befehl vom 28.7.1942 bei den allermeisten Soldaten und insbesondere bei der sowjetischen Zivilbevölkerung größten Rückhalt gefunden und ihren Glauben an den Sieg gestärkt habe. Nur aufgrund der Geschlossenheit der Sowjetbevölkerung und der Roten Armee, zu welcher der genannte Befehl maßgeblich beigetragen habe, und dank erheblicher Material- und Truppenreserven konnte schließlich die "Operation Uranus" - die Einkesselung der 6. Armee und ihrer rumänischen, ungarischen und italienischen Verbündeten - gelingen.“
Der Horror der Zivilbevölkerung
Am 21. August brachen deutsche Truppen im Norden durch. Dieser August 1942 war für die Einwohner und die Verteidiger der Stadt auch die tragischste Periode in der Geschichte der Stalingrader Schlacht. Die Stadt wurde von der Luftwaffe intensiv bombardiert. Viele Betriebe und kulturellen Werte wurden dabei zerstört. Aus den zerstörten Erdöltanks am Wolga-Ufer floss brennendes Erdöl in den Fluss. Die Anlegestellen und Schiffe standen in Flammen. Es schien, als brenne selbst die Wolga. Allein an einem Tag, dem 23. August 1942, kamen über 40 000 Menschen ums Leben. Die Lage erschwerte auch der Umstand, dass es den sowjetischen Truppen an Panzerabwehr- und Luftabwehrgeschützen mangelte.
Am 14. September durchbrachen die Deutschen im Süden Stalingrads die sowjetische Verteidigung, eroberten die Wohnsiedlung Kuporosnoe und erreichten die Wolga. Am 28. September wurde die Stalingrader Front in “Don-Front” umbenannt (Befehlshaber – Generalleutnant Konstantin Rokossowski), und die Südost-Front in die Stalingrader Front (Befehlshaber – Generaloberst Andrei Jeremenko). Seit 27. September begannen die Gefechte im Gebiet der Wohnsiedlung Orlowka im Nordwesten der Stadt. Sie dauerten bis zum 12.Oktober. Am 15. Oktober gelang es den Wehrmachtsteilen an einem schmalen Abschnitt zur Wolga durchzubrechen und in des Stalingrader Traktorenwerkes einzudringen. Doch oft nur geringe Erfolge mussten mit ungeheuren Verlusten erkauft werden. Bis Mitte Oktober verlor die 6. Armee ca. 40.000 Mann. Blutige Kämpfe gab es auch um den Zentralbahnhof im Zentrum der Stadt, der allein am 14. September fünfmal den Besitzer wechselte. Trotz des Einsatzes speziell für den Häuserkampf ausgebildeter Pioniere konnten am Tag oft nur wenige Quadratmeter erobert werden. Die deutschen Soldaten sahen sich unversehens einem erstarkten Gegner gegenüber.
In der Divisionsgeschichte der 100. Infanterie Division wurden die Ereignisse dieser Tage so festgehalten: "Zwischen dem 23. und 25.September zogen die Kampfeinheiten der 100. in Stalingrad ein. Schon weit vor der Stadt, auf der Hochebene zwischen Don und Wolga, hörte man das dumpfe Grollen der Schlacht. Nach Überwindung der letzten kleinen Anhöhe sah man ein Meer niedriger Häuser, manchmal ragten Hochbauten und Fabrikschornsteine heraus, dahinter wand sich das in der Sonne glitzernde Band der Wolga und dahinter lag eine dunstige Ebene. Während im Südteil der Stadt Ruhe herrschte, standen über der Stadtmitte Qualmwolken, aus denen, ein riesiger Silo hervorragte. Der Nordteil von Stalingrad lag völlig in dunkle Wolken gehüllt. Brennendes Öl und Detonationswolken fallender Bomben bildeten eine dicke Schicht über den Häusern. Darüber schwebten zahllose kleine weiße und dunkle Wölkchen; die russische Flak schoss, was die Rohre hergaben. Derjenige, der bei Nacht in die Stadt hineinkam, konnte vor den schwelenden Bränden die Silhouetten der Häuser erkennen. Der Himmel war von zahlreichen Scheinwerfern erhellt und die deutsche Flak feuerte auf die russischen Bomber. So wie der Tag der deutschen Luftwaffe gehörte, war die Nacht die Domäne der sowjetischen Luftflotte. Auch jenseits der Wolga sah man nachts Scheinwerfer, manche wiesen durch „Nicken“ des Lichtstrahls die Nachtbomber auf ihre Ziele am westlichen Wolgaufer ein."
Kampf um Häuserblocks
Nie gelang es der 6. Armee, die Stadt vollständig einzunehmen. Ein nur wenige hundert Meter breiter Streifen am Steilufer der Wolga wurde bis zum Sieg von den Verteidigern gehalten. Hier befand sich während der gesamten Zeit der Schlacht sogar der Gefechtsstand der 62. sowjetischen Armee, die seit Mitte September 1942 von General Tschuikow befehligt wurde. Auf engsten Raum wurden Menschen und Material von beiden Seiten eingesetzt. Die Generalstabspläne wurden durch Stadtpläne ersetzt, ganze Divisionen kämpften um einzelne Häuserblocks.
Major Rolf Grams, damals Kommandeur des Kradschützenbataillons 64 schrieb in seinen Erinnerungen: "es war ein unheimlicher Kampf auf und unter der Erde." In den Trümmern, Kellern, Kanälen der großen Stadt und der Industriewerke. Mann gegen Mann. Panzer kletterten über Berge von Schutt und Schrott, schoben sich kreischend durch zerstörte Werkshallen und schossen aus nächster Distanz in die verschütteten Straßen und den engen Fabrikhöfen... und dann waren da noch die tiefen verwitterten Löß-Schluchten, die Steil zur Wolga abfielen und aus denen die Russen immer wieder neue Kräfte in den Kampf warfen. Hunderte von Booten brachten Nach für Nacht Nachschub und Verstärkung vom tiefer gelegenen Ostufer der Wolga in die Stadt.
Paul Carell schrieb darüber in seinem Buch "Unternehmen Barbarossa": "Dieser Nachschub, dieser ständig über den Fluss rollende Ersatz für die Verteidiger, war das Problem der Schlacht. Das Geheimnis lag in eben diesen Löß-Schluchten des Wolga-Ufers. In diesem Steilufer, das für die deutsche Artillerie unerreichbar war, saßen die Stäbe der Sowjets, waren die Lazarette untergebracht, die Munitionsdepots. Hier waren die Sammelplätze für die in der Nacht über den Fluss gebrachten Menschen und Materialtransporte. Hier waren die Ausfallstellungen für Gegenstöße. Hier mündeten die Abwasserkanäle der Industriewerke, jetzt leere lange Höhlenwege, die in den Rücken der deutschen Front führten. Sowjetische Stoßtrupps krochen hindurch. Hoben vorsichtig die Gullydeckel. Brachten MGs in Stellung. Dann prasselten die Feuerstöße in den Rücken vorgehender deutscher Verbände, knallten in die Essenträger und Nachschubkolonnen. Gullydeckel zu und zurück."
Obwohl Tschuikow immer neue Divisionen heranschaffen konnte, im Gegensatz zu Paulus, wurde Stalingrad nach und nach erobert. Nach zwei Monaten Kampf, Ende Oktober, verteidigten die Truppen Tschuikows nur noch ein paar Fabrikgebäude im Norden der Stadt, vielleicht noch gerade ein Zehntel Stalingrads. Aber etwas das sich zum erobern lohnte, existierte nicht mehr; die Stadt war ein einziges Trümmerfeld.
Schukow plant die Umfassung der 6. Armee
Während die Kräfte der 6. Armee im zermürbenden Straßen- und Häuserkampf erlahmten, führte das sowjetische Oberkommando auf dem anderen Ufer der Wolga neue, kampfstarke Verbände heran. Diese gefährlichen Truppenansammlungen waren allen zuständigen Wehrmachtsoffizieren, zahlreichen Truppenoffizieren und sogar unteren Dienstgraden bekannt. Doch alle Bedenken und Warnungen der 6. Armee und der Heeresgruppe wurden von Hitler, der die Kampfkraft der Sowjetarmee weiterhin unterschätzte, vom Tisch gefegt und das ihm hörige OKW zeigte sich nicht in der Lage, die Meldungen über Stärke und Maßnahmen der Roten Armee militärisch richtig auszuwerten und entsprechende Schlüsse daraus zu ziehen.
Anfang Oktober ist sich Hitler klar, dass die 6. Armee mit ihren stark angeschlagenen Divisionen Stalingrad vor Beginn des Winters nicht mehr einnehmen kann. Er befiehlt daraufhin den Bau von betonierten Stellungen. Pionierführer Oberst Selle hat für diesen Befehl nur Hohn übrig: „Eine geradezu verbrecherische Unkenntnis der Lage, denn die nächsten Kiesgruben befanden sich am Asowschen Meer und Holz und Zement mussten aus Deutschland herangeschafft werden.“
Bereits im August hatte Stalin General Schukow, der erfolgreich als Oberbefehlshaber der Westfront die Verteidigung und die Gegenoffensive bei Moskau organisiert hatte zu seinem ersten Stellvertreter als Volkskommissar für Verteidigung gemacht. Schukow bekam nun die Aufgabe, zusammen mit Generaloberst A. Wasilewski die Operation Uranus, die Einkesselung der 6. Armee vorzubereiten.
Durchbruch bei den Rumänen
Am 19. November begann die Umfassungsoperation durch die sowjetischen Truppen. Diese durchbrachen die Front im Norden und Süden bei den allgemein als schlecht ausgerüstet und kampfschwach eingeschätzten rumänischen Verbündeten der Wehrmacht. Am 23. November treffen sich die Vorhuten der beiden sowjetischen Zangenangriffe bei Kalatsch. In einem Regimentsbericht heisst es: "Am Rand von Sowjetski, knapp 25 Kilometer südostwärts der Brücke von Kalatsch, standen sowjetische T34 im Nahkampf mit deutschen Nachschubeinheiten, die versuchten, den Ort zu halten. Durch den Gefechtslärm wurden die Panzer des russischen 4.Panzerkorps unter General Viktor Wolski, die sich vom Süden und Westen dem Ort näherten, gewarnt. Um ihre Kameraden vom nördlichen Angriffskeil auf sich aufmerksam zu machen, schossen sie regelmäßig grüne Erkennungssignale. Am 23.November kurz vor 16 Uhr antwortete ihnen plötzlich eine Serie grüner Leuchtkugeln im Nordwesten, und Wolskis Panzer rollten weiter vor. Hunderte von Rotarmisten in Schneehemden stürmten ihnen entgegen, und die beiden Angriffsspitzen vereinigten sich in einem Taumel von Freudenschreien, Umarmungen und Tränen. Fast hysterisch vor Freude, tanzten die Rotarmisten über den Schnee und feierten ihren unglaublichen Triumph. In weniger als 96 Stunden hatten sie den Ring hinter der 6.Armee geschlossen. Mehr als 250.000 deutsche Soldaten saßen in der Falle - abgeschnitten in einer riesigen Schneewüste."
Der Durchbruch der sowjetischen Verbände führte zu teilweise chaotischen Absetzbewegungen bei den rumänischen und deutschen Einheiten. Paulus schlug dem OKW die unverzügliche Rücknahme der 6. Armee vor, um einer drohenden Einkesselung zu entgehen. Dieser Vorschlag wurde von der Heeresgruppe und vom Chef des Generalstabes, General der Infanterie Zeitzler, unterstützt. Da sich Hitler jedoch gerade in Berchtesgaden aufhielt, fiel im OKW keine Entscheidung. Nach der Rückkehr ins vorgeschobene Führerhauptquartier in Winnizza (Ukraine) verbot Hitler am 22. November den Ausbruch. Noch vor der vollständigen Einkesselung erhielt die 6. Armee mit ihren cirka 250.000 Soldaten und Offizieren den Befehl, sich in der "Festung" Stalingrad einzuigeln.
Die Gründe für Hitlers Entscheidung sind sicher vielfältig gewesen. Er selbst hatte in einer Rede im Berliner Sportpalast am 30. September 1942 die baldige Einnahme Stalingrads ankündigend geschworen, dass "wir Stalingrad berennen und auch nehmen werden - worauf sie sich verlassen können". Wenige Wochen später verkündete er in seiner Rede "vor alten Marschierern" aus Anlass des Jahrestages des Münchener Putschversuches, dass Stalingrad im Prinzip eingenommen sei, obwohl das nicht genau den militärischen Tatsachen entsprach.
Rückzug kommt nicht in Frage
Ein Rückzug aus der Stadt mit dem symbolträchtigen Namen hätte unzweifelhaft eine zunehmende Ablehnung des Feldzuges gegen die Sowjetunion durch die ohnehin kriegsmüde Bevölkerung zur Folge gehabt. Außerdem galt es, den abbröckelnden Unbesiegbarkeitsmythos der Wehrmacht zu erhalten. Auch musste bei einem Rückzug ein Vertrauensverlust bei den Verbündeten befürchtet werden, die man zum Eintritt in den Krieg gegen die Sowjetunion bewegen wollte (z.B. Japan und die Türkei). Da erste Angriffe der Sowjetarme zur Vernichtung des Kessels erfolgreich abgewiesen werden konnten und es später sogar längere Angriffspausen gab, neigte man im OKW weiterhin zur Unterschätzung der Kampfkraft des Gegners. Zudem war der Roten Armee noch nie eine Einkesselung deutscher Verbände und deren Vernichtung geglückt. Die Form der Kesselschlacht war bislang nur von der Wehrmacht erfolgreich angewendet worden.
Die im Jahre 1941 zeitweise bei Cholm und Demjansk eingeschlossenen deutschen Einheiten hatte man seinerzeit auch siegreich befreien können. Schließlich aber soll Görings Versprechen, das er entgegen dem Rat aller Fachleute abgab, die 6. Armee aus der Luft zu versorgen, den Ausschlag für Hitlers Entscheidung gegeben haben.
Am 25. November verlangte der Kommandierende General des LI. Armeekorps, General der Artillerie von Seydlitz-Kurzbach, in einer Denkschrift den sofortigen Ausbruch aus dem Kessel. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, verkürzte er eigenmächtig den Verteidigungsabschnitt seines Korps um 15 km und ließ alle überflüssigen Ausrüstungsgegenstände vernichten. Seydlitz appellierte an Paulus, gegen den Führerbefehl zu handeln, den Ausbruch zu veranlassen und sich nach dem geglückten Rückzug vor Hitler dafür zu verantworten. Paulus stimmte zwar mit Seydlitz in der Einschätzung der militärischen Lage und in der Auffassung, dass es unmöglich sei, eine Armee von fast 300.000 Mann aus der Luft zu versorgen, überein, wies eigenmächtiges Handeln und die Missachtung eines Befehls von sich. Stattdessen schickte er folgenden Funkspruch an Hitler: „Der Führer kann sich darauf verlassen, dass seine Befehle von mir und den unterstellten Truppen und Führern mit eisernem Willen und Aufbietung letzter Kraft durchgeführt werden. Der heldenhafte Kampf der letzten Tage beweist dies.“
Wie so häufig zeigte sich hier der unbedingte Gehorsam des risikoscheuen Paulus, der auch Entscheidungen gegen eigene Ansichten einschloss. Schon als jungen Offizier hatte man ihn im Kameradenkreis "Kunktator", den Zauderer genannt. Wahrscheinlich um einem dennoch befürchteten, eigenmächtigem Handeln von Paulus entgegenzuwirken und ihn nachdrücklich auf den militärischen Gehorsam zu verpflichten, wurde dieser am 30. November von Hitler zum Generaloberst befördert.
Seit der Schließung des Kessels verschlechterte sich die Versorgungslage täglich. Lebensmittel, Munition und Treibstoff wurden immer knapper. Nicht einen Tag gelang es der Luftflotte, das geforderte Minimum an Versorgungsgütern in den Kessel zu transportieren, ganz abgesehen davon, dass sich unter dem eingeflogenen Nachschub häufig völlig Überflüssiges befand wie Orden, Präservative oder Propagandabroschüren. Schon bald konnten nur noch Hungerrationen an die Landser ausgegeben werden, besaßen die kämpfenden Einheiten kaum noch Munition, war eine ordnungsgemäße Versorgung der Verwundeten in den Lazaretten wegen Mangel an Medikamenten, Verbandsstoff und medizinischem Gerät nicht mehr gewährleistet. Die Sowjets hatten entlang der Einflugschneisen unzählige Flakgeschütze aufgestellt und holten zusammen mit ihren Jagdflieger Dutzende deutsche Flugzeuge vom Himmel. Trotz des unermüdlichen Einsatzes der Luftwaffe konnten selbst an den besten Tagen nie mehr als 50% des lebensnotwendigen Bedarfes der 6.Armee eingeflogen werden. Die Quote verschlechterte sich noch weiter als die beiden größeren Flughäfen im Kessel, Pitomnik und Gumrak, verloren gingen und nur noch Verpflegungsbomben abgeworfen wurden.
Als am 22. Januar der letzte Flughafen Gumrak verloren ging, funkte Paulus erkennbar verzweifelt und hilflos an das OKH: „Russe im Vorgehen in 6 km Breite beiderseits Woroponowo, zum Teil mit entrollten Fahnen nach Osten. Keine Möglichkeit mehr, Lücke zu schließen. Zurücknahme in Nachbarfronten, die auch ohne Munition, zwecklos und nicht durchführbar. Ausgleich mit Munition von anderen Fronten auch nicht mehr möglich. Verpflegung zu Ende. Über 12.000 unversorgte Verwundete im Kessel. Welche Befehle soll ich den Truppen geben, die keine Munition mehr haben und weiter mit starker Artillerie, Panzern und Infanteriemassen angegriffen werden? Schnellste Entscheidung notwendig, da Auflösung an einzelnen Stellen schon beginnt. Vertrauen zur Führung aber noch vorhanden.“
Lage in den Lazaretten unerträglich
Für die Verwundeten wurde die Lage immer entsetzlicher. In „Stalingrad“ fasste deren Lage der britische Schriftsteller Antony Beevor zusammen: "Der Fall von Gumrak bedeutete eine weitere schreckliche Reise für die Verwundeten, von denen viele bereits aus Pitomnik hergebracht worden waren, nachdem sie dort keinen Platz in einem der Flugzeuge gefunden hatten. 'In der Stadt und in den Trümmern schleppten sich die erschöpften Verwundeten', berichtete ein Überlebender, 'wie die Tiere auf allen vieren kriechend vorwärts, um irgendwo Hilfe zu finden.'
Die Zustände in den improvisierten Lazaretten von Stalingrad waren noch schlimmer als in Gumrak. Hier waren etwa 20.000 Verwundete in Keller unten den Ruinen der Stadt gepackt worden, von den Kranken ganz zu schweigen, womit die Gesamtzahl auf 40.000 anstieg. Etwa 600 Schwerverwundete füllten die Keller des Theaters von Stalingrad, wo es weder Licht noch sanitäre Anlagen gab. 'Stöhnen, Bitten, Beten', schrieb ein Arzt der 60. IDmot., "gemischt mit dem Lärm der Einschläge, lähmender Geruch und Rauch, Blut- und Wundgestank erfüllte die Räume." Es gab weder Verbandszeug noch Arzneimittel, geschweige denn sauberes Wasser."
Besonders schlimm waren die Zustände in der Zariza-Schlucht, wo in einem Tunnelsystem, das an einem Bergwerk ähnelt, mehrere Tausend Schwerverwundete untergebracht waren. Auch deren Zustände beschrieb Antony Beevor: "Als Dr.Hermann Achleitner hier seinen Dienst antrat, erinnerte er sich an das Zitat: 'Die ihr hier hineingeht, lasst alle Hoffnung fahren.' Die Stapel mit erfrorenen Leichen draußen schockierten ihn zutiefst. Im Inneren wurde das Bild der Hölle durch improvisierte Öllampen als einzige Lichtquellen verdeutlicht. Die stinkende, sauerstoffarme Luft zu atmen war abscheulich. Er wurde mit jämmerlichen Schreien begrüßt: "Gebt uns was zum Fressen!'...
Der Mangel an Verbandszeug war für die Fälle von schweren Erfrierungen bedrohlich. 'Manchmal', so schrieb der Arzt, 'blieben Zehen und Finger im Verband, wenn wir die verschmutzten, alten Verbände abnahmen." Das Entlausen war unmöglich. Starb ein Soldat, so konnte man beobachten, wie die Läuse auf der Suche nach lebendem Fleisch massenhaft den lebenden Leichnam verließen. Ein junger deutscher Soldat murmelte, als er das Elend um sich herum betrachtete: "Sie dürfen zu Hause nie erfahren, was hier geschieht."
Der Mangel an Verbandszeug war für die Fälle von schweren Erfrierungen bedrohlich. 'Manchmal', so schrieb der Arzt, 'blieben Zehen und Finger im Verband, wenn wir die verschmutzten, alten Verbände abnahmen." Das Entlausen war unmöglich. Starb ein Soldat, so konnte man beobachten, wie die Läuse auf der Suche nach lebendem Fleisch massenhaft den lebenden Leichnam verließen. Ein junger deutscher Soldat murmelte, als er das Elend um sich herum betrachtete: "Sie dürfen zu Hause nie erfahren, was hier geschieht."
Falsche Hoffnung
Kurz vor Weihnachten hörten die Eingeschlossenen in Stalingrad plötzlich Kanonendonner. Aus Südwesten näherte sich die 4. deutsche Panzerarmee unter General Hoth. Hitler hatte zwar verboten, dass die 6. Armee aus eigener Kraft einen Ausbruchversuch unternahm, um der Entsatztruppe entgegenzumarschieren. Doch jetzt schien die Befreiung zum Greifen nahe.Hoths Panzer kamen bis auf 50 Kilometer an den Kessel heran. Hoth funkte an Paulus: "Haltet aus, wir kommen." Dann aber attackierte Stalins Elitetruppe, die 2. Gardearmee, die Flanke des Entsatzheeres. Die Operation "Wintergewitter" war zum Scheitern verurteilt. Am 23. Dezember, einen Tag vor Heiligabend, erfuhren es die Eingeschlossenen in Stalingrad. Für die 6. Armee wurde Weihnachten zum Fest ohne Hoffnung.
Spätestens als der durchgeführte Entsatzversuch General Hoths gescheitert war, musste zumindest den militärischen Führern der eingeschlossenen Truppen klar gewesen sein, dass die Armee nur noch vor der Wahl zwischen Tod und Gefangenschaft stand. Die Divisionsgeschichte der 44. ID berichtete über die Kriegsweihnacht 1942 im Kessel von Stalingrad: "Unvergesslich bleibt für uns Überlebende das traurigste Weihnachtsfest, 1942 im Kessel von Stalingrad. Mit ganz bescheidenen Mitteln feierten die einzelnen Männer, oder wenn es möglich war, in kleinen Gruppen, dieses Fest. Mit Steppengras bereiteten wir unsere Christbäume. Sie gaben uns im tiefen Russland, weit von unseren Lieben entfernt, die Weihnachtsstimmung. Unser Abteilungskommandeur ging von Loch zu Loch und fand für jeden ein tröstendes Wort. Es gab auch fast keinen Soldaten im Kessel, dem nicht über sein Leid verzerrtes Gesicht eine Träne lief, denn einem jeden war klar geworden, dass es vielleicht sein letzter Weihnachtsabend war. In den Löchern der Panzerjägerabteilung 46 half eine Mundharmonika nach, wenn die Melodie von der Stillen Nacht in dem schluchzenden Gesumme untergehen wollte, weil die stummen Tränen über die vom Hunger und Kampf zerfurchten Gesichter rannten."
Feldpostbriefe von Soldaten an die Familien zu Hause vermittelten ein erschütterndes Bild der Lage in den Ruinen der Stadt. Hunger und Kälte, Verzweiflung und Todesangst prägten dort das "Fest der Liebe". Von sowjetischen Truppen erbeutete deutsche Postsäcke bieten eine einzigartige Quelle für authentische Berichte aus dem Kessel - Briefe, die ihre Adressaten nie erreichten. Die Tonlage in den Briefen reicht von verharmlosenden Zeilen, um die Angehörigen nicht zu verunsichern ("wir sind noch gesund, unser schönstes Geschenk") bis zu bewegenden Worten des Abschieds ("Unsere Zeit war schön. Aber Du bist noch jung, unsere Kinder brauchen einen Vater").
Bestürzend ist das Schicksal der Einwohner von Stalingrad, die in der Trümmerstadt geblieben waren. Zwischen den Fronten, versteckt in Kellern oder Bunkern, waren sie so chancenlos wie die deutschen Soldaten. "Wir hatten nichts zu essen", so Lidia Arazkaja, damals sechs Jahre alt. "Wir kratzten mit einem Stück Eisen die verschneite Erde auf, und suchten nach Möhren und Wurzeln."
Die Wehrmacht erschießt Zivilisten
Manche deutschen Offiziere gaben sogar bis zuletzt Befehle, aufgegriffene Zivilisten zu erschießen. "Anfangs haben sich viele dazu freiwillig gemeldet", erinnert sich Martin Wunderlich, damals Soldat der 6. Armee. "Später musste man es tun. Als ich dran war, habe ich den Mann laufen lassen. Da kniete er nieder und küsste mir die Füße. Er hatte wohl erst gedacht, ich würde ihm in den Rücken schießen. Doch ich sagte zu mir: 'Wegen dem geht der Krieg auch verloren.' Ich bin froh, dass ich das getan habe. Es ist meine persönliche Überzeugung, dass mir das viel Glück gebracht hat."
Inmitten all des Wahnsinns gab es auf beiden Seiten berührende Beispiele der Menschlichkeit. Hubert Kremser erinnert sich an eine russische Mutter, die seinem Kameraden einen Verband anlegte, als er verwundet in einem Stalingrader Keller lag: "Ich fragte sie, warum sie das tut. Da sagte sie: Vielleicht verbindet seine Mutter gerade meinen Sohn."
Über 100.000 Angehörige der 6. Armee waren bereits im Kessel gestorben, als das sowjetische Oberkommando am 8. Januar 1943 ein Angebot zur ehrenvollen Kapitulation unterbreitete. Doch Hitler verbot die Kapitulation und Paulus unterwarf sich wie gehabt dessen Entscheidung und befahl, in Zukunft alle Parlamentäre des Gegners durch Feuer abzuweisen.
Nach Ablauf des Ultimatums, das im Kapitulationsangebot der Sowjetarmee gestellt worden war, begann am 10. Januar der Generalangriff auf den Kessel.
Nach Ablauf des Ultimatums, das im Kapitulationsangebot der Sowjetarmee gestellt worden war, begann am 10. Januar der Generalangriff auf den Kessel.
Zu diesem Zeitpunkt spielten sich überall im Kessel unglaubliche Szenen ab. Eine davon soll hier dargestellt werden:
Am 26. Januar 1943 schickte das AOK 6 um 09.40 einen Funkspruch an die Heeresgruppe Don: "General von Hartmann, Kommandeur der 71. Division am 26.1.1943 - 8.00 Uhr im Nahkampf durch Kopfschuss gefallen."
Die Vorgeschichte dieser Meldung wirft ein besonders Bild auf die Führungspersönlichkeiten der 6. Armee. Am Morgen vor seinem Tod sagte General von Hartmann im Gefechtstand seiner Division zu seinen Offizieren: "Der Offizier hat im Kampf zu fallen. Ich werde mich nicht selbst erschießen, sondern meine Haut so teuer wie möglich verkaufen".
Anschließend ging dann Divisionskommandeur von Hartmann mit den Generälen Pfeffer, Wulz, Oberst Crome und Oberleutnant Humbert, zu dem Bahndamm in Stalingrad Süd. Am Nordhang des Bahndammes meldete ein Oberleutnant auf dem Bauch liegend seinem Kommandeur die Stärke der Division mit 3 Offizieren, 7 Unteroffizieren und 183 Mannschaften.
Ein Überlebender der 71. Division beschrieb dann das weitere Geschehen: "Zwischen Jelschanka und Woroponowo auf dem Bahndamm stehend, schoss dann der Divisionskommandeur freihändig, mit einer Ruhe wie auf dem Schießstand, auf jeden Russen der sich sehen ließ, bis er durch Kopfschuss tödlich getroffen wurde. So fiel Kommandeur Alexander von Hartmann, dem Paulus kurze Zeit vorher das Ritterkreuz umgelegt hat, inmitten der Reste seiner Soldaten der einst "Glückhaften" 71. Division, die das vierblättrige Kleeblatt als taktisches Zeichen hatte".
Am 26. Januar 1943 schickte das AOK 6 um 09.40 einen Funkspruch an die Heeresgruppe Don: "General von Hartmann, Kommandeur der 71. Division am 26.1.1943 - 8.00 Uhr im Nahkampf durch Kopfschuss gefallen."
Die Vorgeschichte dieser Meldung wirft ein besonders Bild auf die Führungspersönlichkeiten der 6. Armee. Am Morgen vor seinem Tod sagte General von Hartmann im Gefechtstand seiner Division zu seinen Offizieren: "Der Offizier hat im Kampf zu fallen. Ich werde mich nicht selbst erschießen, sondern meine Haut so teuer wie möglich verkaufen".
Anschließend ging dann Divisionskommandeur von Hartmann mit den Generälen Pfeffer, Wulz, Oberst Crome und Oberleutnant Humbert, zu dem Bahndamm in Stalingrad Süd. Am Nordhang des Bahndammes meldete ein Oberleutnant auf dem Bauch liegend seinem Kommandeur die Stärke der Division mit 3 Offizieren, 7 Unteroffizieren und 183 Mannschaften.
Ein Überlebender der 71. Division beschrieb dann das weitere Geschehen: "Zwischen Jelschanka und Woroponowo auf dem Bahndamm stehend, schoss dann der Divisionskommandeur freihändig, mit einer Ruhe wie auf dem Schießstand, auf jeden Russen der sich sehen ließ, bis er durch Kopfschuss tödlich getroffen wurde. So fiel Kommandeur Alexander von Hartmann, dem Paulus kurze Zeit vorher das Ritterkreuz umgelegt hat, inmitten der Reste seiner Soldaten der einst "Glückhaften" 71. Division, die das vierblättrige Kleeblatt als taktisches Zeichen hatte".
Die 6. Armee begann, sich aufzulösen. Ihre Verluste an "Menschenmaterial" wurden immer größer. Nachdem am 23. Januar der letzte Flugplatz im Kessel verloren gegangen war, brach die Luftversorgung endgültig zusammen. Zwei Tage später gelang es der Sowjetarmee sogar, den Kessel zu spalten. Von geregelten militärischen Operationen konnte von deutscher Seite schon lange nicht mehr die Rede sein. Die Armee im Sinne eines militärischen Kampfverbandes hatte aufgehört zu bestehen, was jedoch nicht bedeutete, dass nicht bis zuletzt noch Befehle und Weisungen erteilt, Hinrichtungen vollstreckt, Beförderungen eingereicht und bearbeitet, Funksprüche empfangen und gesendet oder Mannschaftsbestände errechnet wurden. Paulus und sein Stab haben von wechselnden Kellern aus "dem Untergang der Armee die militärische Form gegeben, solange es sich machen ließ", wie der Publizist Erich Kuby einmal zutreffend schrieb.
Görings "Leichenrede"
Noch während im Stalingrader Kessel ca. 100.000 Mann unter allerdings katastrophalen Bedingungen lebten, gab Göring in seiner berühmt-berüchtigten "Leichenrede" anlässlich des 10. Jahrestages der nationalsozialistischen Machtergreifung am 3O. Januar den Untergang der 6. Armee die auch in Stalingrad von den wütenden und sich verraten fühlenden Soldaten empfangen wird, bekannt und vergleicht das Opfer der 6. Armee mit dem Schicksal der Spartaner am Thermopylen-Pass im Kampf gegen die Perser. Um alle Überlebenden des Stalingrader Kessels als Zeugen des Untergangs der 6. Armee zu beseitigen, sollen auf seinen persönlichen Befehl später sogar Kriegsgefangenenlager bei Stalingrad bombardiert worden sein
Dem Untergang greifbar nahe, die sowjetischen Truppen waren nur noch wenige hundert Meter entfernt, sandte Paulus zum Jahrestag noch Huldigungstelegramme an Hitler: "Die 6. Armee hat getreu ihrem Fahneneid für Deutschland bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone eingedenk ihre hohen und wichtigen Auftrages die Position für Führer und Vaterland bis zuletzt gehalten. Paulus"
"Zum Jahrestag Ihrer Machtergreifung grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der Hoffnungslosigkeit nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer Paulus, Generaloberst."
Der Text dieser Funksprüche wurde von der Goebbels-Propaganda dankbar für Titelzeilen im "Völkischen Beobachter" verwendet.
Der Text dieser Funksprüche wurde von der Goebbels-Propaganda dankbar für Titelzeilen im "Völkischen Beobachter" verwendet.
Als Dank für diese "Nibelungentreue" beförderte Hitler Paulus zum Generalfeldmarschall. Paulus verstand diese Beförderung so, wie sie gemeint war: als Aufforderung zum Selbstmord. Ein einziges Mal nur ließ Paulus den bislang von ihm gewohnten Gehorsam vermissen: Er wählte nicht den Freitod, sondern den Weg in die Gefangenschaft. An den Übergabeverhandlungen mit sowjetischen Offizieren beteiligte er sich allerdings nicht. Die Kapitulation überließ er den Offizieren seines Stabes.
Am 31. Januar 1943 wurden im Hauptquartier der 62. sowjetischen Armee des Generaloberst Wassili Tschuikow, des späteren Marschalls der Sowjetunion, Offiziere der 6. Armee verhört. Auf dem Foto rechts sind einige von ihnen auf der Bank zu sehen, wie sie auf ihr Verhör warten. Im Vergleich zu vielen ihrer Offiziere, ihren Unteroffizieren und Mannschaften, die unvorstellbaren Hunger, Durst und Qualen erleiden mussten, sehen diese Herren wohl genährt und gekleidet aus. Von links nach rechts: Generalmajor Dr. Korfes, Kommandeur 295. Infanteriedivision, Oberst Dissel, Ia der 295.Infanteriedivision, General der Artillerie Pfeffer, kommandierender General IV A.K. , General der Artillerie von Seydlitz, kommandierender General LI. A.K. | Oberst Crome, Chef d. IV. AK. Und Hauptmann Humbert, O1 IV. AK.
Paulus wünschte, von der sowjetischen Seite als "Privatperson" angesehen zu werden und nutzte damit Privilegien, die keinem General, wohl aber einem Feldmarschall zustanden. In einem geschlossenen PKW, den er sich für den Weg in die Gefangenschaft ausbedungen hatte, fuhr er an den Marschkolonnen der ungefähr 90.000 Überlebenden seiner Armee vorbei.
Paulus fühlt sich an Hitlers Befehle gebunden
Sogar noch nach der Gefangennahme fühlte sich Paulus an die Befehle Hitlers gebunden. Der Aufforderung der sowjetischen Armeeführung, den Kommandeuren kleinerer, noch immer kämpfender Kessel in Stalingrad die Kapitulation zu befehlen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, kam er mit dem Hinweis, dass alle diese Einheiten nun Hitler persönlich unterstellt seien, nicht nach.
Die kranken, ausgehungerten und halberfrorenen deutschen Soldaten waren den harten Bedingungen in den Gefangenenlagern eines kriegszerstörten und ausgepowerten Landes nicht gewachsen. Nur 6.000 kehrten, teilweise erst nach vielen Jahren aus der Sowjetunion in die Heimat zurück.
Der Veteran Valentin Spiridonow, 1941 noch Student an der Leningrader Hochschule für chemische Technologien, war vom Anfang bis zum Ende des Kampfes dabei. Als die große Schlacht zu Ende ging, beschrieb er dies:„Die Stadt gab es nicht mehr. Es stand kein einziges Gebäude mehr, nur noch Ruinen. Und selbst die so genannten Stützpunkte, die in allen Dokumenten verzeichnet waren - das Pawlow-Haus, die Mühle –, das alles waren zerstörte Mauerwände mit leeren Fensterhöhlen.“
Nach dem Krieg besuchte Valentin Spiridonow mehrfach Stalingrad, um sich dort mit Frontkameraden zu treffen. In den 60-er und 70-er Jahren kamen noch etwa 200 Menschen zu diesen Treffen. Auf dem Hügel, wo sich der Verteidigungsstützpunkt des Regiments befand, wurde als Denkmal ein Flak-Geschütz aufgestellt.
Nach dem Krieg ist Valentin Spiridonow nicht in sein heimatliches Leningrad an die Hochschule zurückgekehrt. Er wurde Berufsoffizier. 1950 absolvierte er die Militärpolitische Akademie und diente noch dreißig Jahre in der Armee. Heute wirkt Valentin Spiridonow noch ehrenamtlich im Moskauer Komitee der Kriegsveteranen des Zweiten Weltkrieges mit.






















































