
Raketenzeitalter
Bis Ende August war die V 2 tatsächlich einsatzbereit. Über 65.000 Änderungen mussten vorgenommen werden, um sie zuverlässig zu machen. Doch auch hier, wie bei der V 1, sollte der offizielle Start der V 2 Kampagne am 6. September in einem Fiasko enden. Zwei Raketen, die auf Paris abgeschossen werden sollten, erlitten einen Brennschluss Sekunden nach dem Start. Sie taumelten, kamen aber auf der Bodenplatte zum stehen und konnten daher anschließend kontrolliert werden. Der Ausfallgrund war ein fehlerhaftes I-Gerät, welches den Brennschluss auslöste. Der Fehler konnte binnen zwei Tage behoben werden.
Am 8. September hörten die Londoner um 18.43 den typischen Doppelknall bei Überschallflug. Den Einschlag in Chiswick, der drei Menschen töten und 17 verletzen sollte, hörten sie, im Gegensatz zur V 1, nicht. Bis zum 18. September verschossen die V 2 Batterien in der Nähe von Den Haag und auf der Insel Walcheren 25 Raketen, von denen 15 London trafen. Die Batterie in Den Haag setzte sich später nach Deutschland, die auf Walcheren nach Zwolle, anschließend nach Staveren in Friesland ab.
Der Angriff mit der V 1 ging ebenfalls weiter. He 111 Bomber trugen weiterhin Flugbomben in den englischen Luftraum und klinkten sie dort aus. Die Startrampen wurden bis ins Reich zurückgezogen und in der Eifel, im Sauerland und im östlichen Westerwald stationiert. Hauptziele waren der Hafen von Antwerpen und Lüttich, der Hauptumschlagsplatz der US Armee während der Schlacht um die Hafenstadt.
Ende des Jahres beschloss Kammler den Einsatz der neuen „Rheinbote“ Rakete, die von der Firma Rheinmetall in Düsseldorf entwickelt worden war. Dieses vierstufige Projektil mit festem Brennstoff war 1.750 kg schwer, von denen lediglich 20 kg als Sprengkopf vorgesehen waren. Aber erste im Januar 1945 gelang diese Waffe zum Einsatz und wurde zweihundert mal auf Antwerpen abgefeuert. Über ihre Wirkung ist nichts bekannt.
Zu dieser Zeit, im Dezember 1944, hatte Hitler einen massiven Schlag gegen die Amerikaner in den Ardennen geführt. Ziel war ein Vorstoß auf Antwerpen und das Abschneiden der Alliierten von ihrem Nachschub. Hier kam in zwei Exemplaren eine verkleinerte Version der Hochdruckpumpe, „Tausendfüßler“ genannt, zum Einsatz. Nur wenige Granaten wurden verschossen, über ihre Wirkung ist nichts bekannt. Ein Modell einer Röchling Granate, wie sie verschossen wurde, kann man heute im Luxemburger militärischen Nationalmuseum in Diekirch besichtigen.
Anfang Februar kam eine Fi 103 mit verbesserter Reichweite (375 km) zum Einsatz. Ab dem 20. Februar begann dann das Unternehmen „Pappdeckel“, das den Beschuss des Großraumes London vorsah. Im Februar hatten Wachtels Mannschaften bereits über 19. 000 Flugbomben verschossen. Doch diesmal gelang ihnen bis März nur der Abschuss von 275 Flugbomben von drei Rampen in der Nähe von Delft. Dann wurden sie am 29. März ins Reich zurückgezogen.
Auch die Raketentruppen von SS Gruppenführer Kammler mussten sich aus Holland zurückziehen. Am 27. März fiel die letzte V 2 auf den Londoner Vorort Orpington. Insgesamt wurden 517 Raketen auf London und 1 265 auf Antwerpen abgeschossen. Weitere 517 Geschosse schlugen anderswo in England ein. Die V 1 fordert in London
6.000 Opfer, die V 2 2.700 Tote.
Am Ende des Krieges begann die Aktion „Paperclip“. Die Alliierten organisierten eine fieberhafte Suche nach Wissenschaftlern der Geheimwaffen und deren Fertigungs- und Forschungsstätten. Südlich von Hamburg, 15 km südöstlich von Dahlenburg, fand man eine unterirdische Luftmunitionsanstalt, die 2.000 Flugbomben enthielt. Die Hälfte davon hatten primitive Kanzeln mit simplen Bordinstrumenten direkt vor dem Strahlrohr. Es gab weder ein Landefahrwerk, noch die Möglichkeit für den Piloten auszusteigen. Wenig später entdeckte man die Testfliegerin Hanna Reitsch in einem Krankenhaus. Sie lüftete das Geheimnis.
Diese Maschinen, von denen einige sogar als Doppelsitzer konstruiert wurden, sollten einem Selbstaufopferungskommando als Einsatzwaffe dienen. Hanna Reitsch selbst war es, die Hitler den Vorschlag dieser SO (Selbstopferung) Einheit machte. Dieser war jedoch zunächst gegen einen Kamikazeeinsatz, ließ aber zu, dass Versuche in Rechlin geflogen wurden. Hanna Reitsch selbst unternahm mehrere Versuche mit dieser Fi 103 (Reichenberg III), um Trimmprobleme zu beseitigen. Zum Glück kam es nie zu solchen Einsätzen.
















