Die Eroberung der Festung Lüttich 1914
Deutschlands langen Grenzen ohne natürliche Barrieren und die zentraleuropäische Lage machte eine Verteidigung schwieriger als die ihrer Nachbarn. Daher musste jeder Oberkommandierender, der einen Krieg gegen einen seiner Nachbarn führen wollte, musste sich darüber im Klaren sein, dass er möglicherweise in einen Abnutzung- oder in einen Zweifrontenkrieg gezogen werden könnte. In jedem Fall waren beide Möglichkeiten für die Deutschen unvorteilhaft, da ihre geostrategische Schwäche leicht es ihren Feinden leicht machen würde, ihre Überseeischen Warenströme zu kappen. Daher musste jeder Feldzugplan eine Entscheidung binnen weniger Monate suchen, wollte man nicht in Gefahr laufen, den Krieg zu verlieren.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 waren die wahrscheinlichsten Gegner Frankreich und Russland. Um dem Desaster eines Zweifrontenkrieges zu entkommen, entschied sich der preußische Generalstab Frankreich mit allen verfügbaren Truppen anzugreifen und nur wenige Einheiten einem möglichen russischen Angriff entgegen zu werfen. Man glaubte, die lange Mobilisierungsphase der Russen nutzen zu können, um Frankreich schnell nieder zu ringen. Da die gemeinsame Grenze mit Frankreich nur 200 km lang, schwer befestigt und die französische Armee stärker geworden war, kam ein Frontalangriff wie 1870 nicht in betracht. Daher entwarf der Generalstabschef Graf Alfred von Schlieffen den Plan, nur einen Teil der deutschen Armee als Schutz an der Grenze zu stationieren und den Hauptschlag durch Belgien durchzuführen. Die deutschen Truppen sollten um Verdun herumdrehen, Paris teilweise im Westen umgehen, einkreisen und hinterrücks die französischen Armeen gegen die deutsche Grenze schieben. Dieses Manövr würde ein Super Cannae kreieren und der deutschen Armee einen schnellen Supersieg garantieren. Anschließend sollten sich die freigewordenen Kräfte gegen Russland wenden.
Der Schlieffen Plan
Um dieses Szenario zu realisieren, wurden detaillierte Pläne erstellt, in denen genau festgelegt wurde, an welchem Tag der Mobilisierung welches Korps welche Stadt zu nehmen hatte und welche Eisenbahntransporte wann und wo mit welcher Ladung und welchen Truppen hinzufahren hatten. Der Schlieffen Plan wurde häufig wegen seiner überaus detaillierten, Befehle gerügt, die bis zum letzten Korps Anweisungen bis hinunter zum Angriffstermin gaben, ihnen damit einen Grundsatz von Clausewitzscher „Reibung“ verweigerte und eigentlich keine Gegenbefehle des Oberkommandierenden erlaubte. Jegliche Änderung des Gesamtplanes barg die Gefahr des Scheiterns.
1905 war dieser Plan vollendet und nur leicht durch seinen Nachfolger, von Moltke dem Jüngeren, dem Neffen des älteren von Molkes, der Österreich und Frankreich in die Knie zwang, geändert. Doch diese Modifikationen sollten sich als entscheidend herausstellen. Schlieffen hatte den linken Flügel bis auf sieben Divisionen reduziert, um die Masse der französischen Armee in Schach zu halten; sein rechter Flügel hingegen sollte 54 Divisionen stark sein. Moltke der Jüngere nutze jedoch die ihm zwischen 1905 und 1914 extra zur Verfügung stehenden Divisionen, um den linken Flügel zu stärken und eine Reserve von sechs weiteren Divisionen zu bilden. Dies allein drohte den Schlieffen Plan noch nicht zu torpedieren, doch die Fehler der Führung in den frühen Tagen des Krieges führten letztendlich ins Desaster.
Am 4. August um 08.00 morgens überschritten die Spitzen der deutschen Armeen die Grenze zu Belgien. Das Ziel Karl von Bülows 2. Armee mit einer Stärke von 320.000 Mann war die gewaltsame Einnahme von Lüttich. Die Festung Lüttich, die vor dem Kriegsgausbruch eine Bevölkerung von 164.000 Einwohnern aufwies, war nur 25 – 30 km von der deutschen Grenze entfernt. Die Maas fließt von Nord nach Südost Richtung Namur und weiter nach Frankreich mitten durch das Zentrum der Stadt. Im Süden lagen an ihren Ufern riesige Stahlwerke, Kohlegruben und Waffenfabriken. Und zu guter letzt ragte Lüttich mit seinen Forts wie ein Dolch in die lebenswichtige Eisenbahnroute Deutschland – Brüssel – Frankreich.
Lüttich - Ein Kranz von Festungen
Lüttich war von einem Kranz von schwer befestigten und bewaffneten Forst umringt, die in den 1880 er Jahren auf beiden Seiten der Maas zu je sechs gebaut wurden. Rund vierhundert, zum Teil einfahrbare, Geschütze von bis zu 210 mm Kaliber waren in den Befestigungen verbaut. Der Architekt dieser Anlage war einer von Europa´s meist geschätzten Festungsdesignern, Henri Alexis Brialmont (1821 – 1903). Er war der Sohn von General Laurent Brialmont (1789 – 1885), der unter Napoleon gedient hatte und später Adjutant des belgischen Königs und Kriegsministers Albert I. wurde. Nachdem Brialmont an den Befestigungen von Antwerpen gearbeitet hatte, ging er nach Rumänien und baute einen Ring von Festungen um Bukarest. Dieses Projekt dauerte 12 Jahre bis zur Vollendung und inspirierte ihn zu vielen neuen Ideen, für das Projekt, welches sein letztes werden sollte, der Bau der Forts von Lüttich und Namur.
Sechs der Forts wurden als Hauptfestungen mit einem fünfeckigen Grundriss inklusive Graben und Drahthindernissen aus Beton und Stahlbeton gebaut. Ihre Bewaffnung bestand aus zwei Haubitzen Kaliber 210 mm, zwei Kanonen Kaliber 150 mm, vier Kanonen Kaliber 120 mm, bis zu 15 Kanonen Kaliber 57 mm und Scharten für Maschinengewehre. Die Geschütze waren in einfahrbaren Drehtürmen eingebaut. Die schweren Waffen und Panzerkuppeln stammten vor allem aus Deutschland, besonders waren die Rüstungsunternehmen Krupp aus Essen und Gruson aus Magdeburg vertreten. Der andere Teil der Waffen stammte aus Belgien. Die Forts waren miteinander durch Tunnels verbunden und unterhielten Magazine für Munition, Ventilationssysteme, Verpflegungslagern und Schlafräumen für bis zu 80 Männer. Zwischen jedem Hauptfort war ein Zwischenfort mit dreieckiger Grundstruktur, Fortin genannt. Ihre Bewaffnung bestand aus zwei 150 mm Kanonen, zwei 100 mm Kanonen, einem einzelnen 200 mm Mörser und drei Maschinengewehren.
Insgesamt hatte der Festungsring 400 Geschütze, obwohl ihr Design nicht dem neuesten Stand entsprach. Weitere Schwachstellen waren das Fehlen von Feldartillerie, um die Flächen zwischen den Forts zu bestreichen, und ein Mangel an Infanterie und Festungssoldaten, um die Stadt ausreichend zu sichern. General Gerard Mathieu Leman wurde zum Militärgouverneur von Lüttich, Kommandeur der Festungstruppen und Chef der 3. Division ernannt. Er erhielt seine Befehle die Festung bis zum letzten zu halten von König direkt. Die Stadt sollte von der 3. Division verteidigt werden, die aus vier gemischten Brigaden, jede zwei Infanterie Regimenter stark, einer Artillerie Gruppe mit drei Batterien und jeweils vier Rohren, einer Maschinengewehrkompanie und einem Zug Gendarmen. Insgesamt 25.000 Mann, inklusive Miliz, um die Stadt zu verteidigen.
Die deutsche Armee, die die Stadt angreifen und nehmen sollte, hieß “Maasarmee” und stand unter dem Kommando von General Otto Emmich, dessen Stab auch Erich Ludendorff angehörte. Und dies waren ihre Einheiten:
34. Infanterie Brigade, IX. Korps aus Schwerin (Generalmajor von Kraewel),
27. Infanterie Brigade,VII.Korps aus Köln (Oberst von Massow),
14. Infanterie Brigade, IV. Korps aus Halberstadt (Generalmajor von Wussow),
11. Infanterie Brigade, III. Korps aus Brandenburg (Generalmajor von Wachter),
38. Infanterie Brigade, X Korps aus Hannover (Oberst von Oertzen),
43 Brigade, XI. Korps aus Kassel (Generalmajor von Hulsen).
Der Maasarmee waren darüber hinaus noch das 2. Kavalleriekorps (Generalleutnant von der Marwitz), zwei Batterien von je vier 21cm Mörsern, eine Flugzeugschwadron und ein Zeppelin (Z 6 Köln) für Luftbombardements zugeordnet.
34. Infanterie Brigade, IX. Korps aus Schwerin (Generalmajor von Kraewel),
27. Infanterie Brigade,VII.Korps aus Köln (Oberst von Massow),
14. Infanterie Brigade, IV. Korps aus Halberstadt (Generalmajor von Wussow),
11. Infanterie Brigade, III. Korps aus Brandenburg (Generalmajor von Wachter),
38. Infanterie Brigade, X Korps aus Hannover (Oberst von Oertzen),
43 Brigade, XI. Korps aus Kassel (Generalmajor von Hulsen).
Der Maasarmee waren darüber hinaus noch das 2. Kavalleriekorps (Generalleutnant von der Marwitz), zwei Batterien von je vier 21cm Mörsern, eine Flugzeugschwadron und ein Zeppelin (Z 6 Köln) für Luftbombardements zugeordnet.
Am Vorabend des Kriegsausbruches stellte sich wieder die Frage der Neutralität Belgiens. So seltsam es klingt, aber am Morgen des Tages an dem das deutsche Ultimatum übermittelt werden sollte, erklärte der deutsche Botschafter von Below in Brüssel: „Unsere Truppen werden nicht die belgisches Territorium betreten. Schwerwiegende Ereignisse werden nicht stattfinden. Es mag sein, dass sie das Haus ihres Nachbarn in Flammen stehen sehen werden, aber die Flammen werden ihr Haus verschonen“.
Am Abend dieses Tages erhielt König Albert I ein Ultimatum aus Deutschland. Belgien sollte deutschen Truppen den Einmarsch erlauben, da es selbst nicht in der Lage wäre sich gegen Frankreich und England zu wehren. Deutschland würde Belgiens Souveränität und Integrität garantieren, für alle Requirierungen bar bezahlen und für etwaige Schäden, die deutsche Truppen verursachten, aufkommen. Falls Belgien ablehnte, würden die zukünftigen Beziehungen beider Nationen durch die „Entscheidung der Waffen“ bestimmt werden. Brüssel hatte 12 Stunden Zeit, zu einem Entschluss zu kommen. Doch das belgische Kabinett wies das Ultimatum zurück und wählte den Kampf.
Am 4. August, 1914 wandte sich der König mit dieser Ansprache an die Botschafter Englands, Frankreichs und Russlands: “Die belgische Regierung bedauert ihrer Exzellenz ankündigen zu müssen, dass an diesem Morgen deutsche Streitkräfte bestehende Verträge gebrochen und belgisches Territorium betreten haben. Die belgische Regierung ist fest entschlossen, mit allen Mitteln Widerstand zu leisten. Belgien bittet Frankreich, England und Russland als Garantiemächte um Unterstützung bei der Verteidigung des Landes. Gemeinsame geplante und ausgeführte Operationen sollten den gewaltsamen Aktionen Deutschlands Widerstand entgegensetzen und gleichzeitig die zukünftige Unabhängigkeit Belgiens garantieren. Belgien ist glücklich ankündigen zu dürfen, dass es ihre Festungen verteidigen wird“.
Sofort begann General Gérard Matthieu Leman mit Vorbereitungen, um den erwarteten deutschen Vormarsch zu verlangsamen. Am 4. August wurden die Brücken von Hermalle-sous-Huy, Engis, und Ombris, am 6. August, die Brücken von Maghin und Pont des Arches in Liège gesprengt. Auch der Eisenbahntunnel von Hombourg wurde in die Luft gejagt. Bei Trois Point und Stavelot wurden Eisenbahnanlagen zerstört und die Tunnel von Coo, Roanne-Coo, Remouchamps, and Verviers-Est mit zum entgleisen gebrachten Lokomotiven gesperrt.
General Leman ordnete auch die sofortige Errichtung dreier Verteidigungslinien an. Die erste Linie von Gräben und Schanzen verlief direkt hinter dem Festungsgürtel. Eine zweite Linie, nur zwei km hinter den Festungen und eine dritte Linie an der Stadtgrenze, die aus Gräben und Stützpunkten bestand.
Am 4. August um 08.00 morgens schickte der Grenzposten bei Gemmenich, sechs km von Aachen entfernt, ein Telegramm an den Kommandanten von Lüttich mit der Meldung, dass deutsche Truppen soeben die Grenze überschritten hätten. Dieser Meldung folgte eine weitere, des 2. Lancers Regiments, das besagte, zwei Kavallerie Divisionen von General von der Marwitz hätten die Grenze nördlich von Lüttich überschritten und strebten in Richtung Maas.
Das deutsche Oberkommando plante Lüttich von Norden, Süden und Osten einzuschließen und in der Nacht vom 4. auf den 5. August zwischen den Forts zum Stadtzentrum durchzubrechen. Von der Marwitz´ Reiter sollten dann die Einschließung von Westen vollständig machen und die Nachschublinien nach Namur und Brüssel kappen.General von Emmich´s Truppen marschierten nun zur Maas, um festzustellen, dass alle Brücken zerstört waren. Am 5.August überschritten sie den Fluss nördlich von Visé.
Am gleichen Tag schlugen Einheiten der belgischen 3. Division erfolgreich deutsche Infanterieangriffe ab, die auf die Lücken zwischen den Forts gerichtet waren. Eine deutsche Attacke auf Fort Barchon wurde unter großen Verlusten durch Maschinengewehr- und Artilleriefeuer abgewiesen. Nach dieser Niederlage setzten die Deutschen zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte einen Zeppelin als Bomber ein und bombardierten Lüttich. Währenddessen war die Kavallerie bereits südlich von Visé und bereit, die Stadt endgültig einzuschließen. Um die Division vor der Einschließung zu retten, befahl der der 3. Division den Rückzug, um sich der mobilisierten belgischen Armee im Westen anzuschließen.
Am Abend des 5. August standen die deutschen Truppen nur noch ein bis zwei Kilometer vor den Forts, die die ganze Nacht hindurch mit Artilleriefeuer belegt wurden. Diese Kämpfe fanden unter surrealen Bedingungen statt. Soldaten kämpften im Scheinwerferlicht der Forts, explodierende Granaten illuminierten groteske Darstellungen der Schlacht. In jedem Sektor des Festungsgürtels wurde gekämpft und immer stärker übte die deutsche Armee Druck auf die belgischen Verteidiger aus. In einigen Abschnitten konnten die Belgier diesem Druck nicht mehr standhalten. Um 23.30 gingen die Deutschen auf den Schützengraben von Surfosse vor, nur um vom mörderischen belgischen Feuer zurückgeworfen zu werden. Diese Grabenkämpfe dauerten bis 02.30 an. Erst um 04.00 morgens schwiegen die Waffen.
Jetzt übernahm Erich Ludendorff die 14. Brigade und ihm gelang es die Linien zwischen Fort Brachon und der Maas, die so genannte Evegnee-Fleron Lücke, zu durchbrechen. Nachdem sie die Hügel über der Stadt gesichert hatten, bombardierte deutsche Artillerie Stadt und Zitadelle. Um 14.00 hisste sie die weiße Flagge eine Handvoll Überlebender ergab sich. Von Emmich schickte einen Emissär zuerst zur Zitadelle, dann nach Fort Loncin, um General Leman zur Übergabe zu bewegen. Daraufhin ging das Bombardement die ganze Nacht weiter. Unterdessen drangen Ludendorffs Truppen in die Stadt ein und besetzten die Brücken. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich jedoch schon die Soldaten der 3. Division aus dem Stadtbereich zurück gezogen.
Am 7. August veröffentlichte das Große Hauptquartier in Berlin ein Kommuniqué mit dem Fall der Festung Lüttich. Was so natürlich nicht den Tatsachen entsprach. Der Wortlaut der Meldungen:
Berlin, 7. August
Lüttich ist von den deutschen Truppen im Sturm genommen worden.
Berlin, 7. August
Nachdem die Abteilungen, die den Handstreich auf Lüttich unternommen hatten, verstärkt worden waren, wurde der Angriff durchgeführt. Heute Morgen 8 Uhr war die Festung in deutschem Besitz.
Berlin, 7. August
Der Kaiser, welcher den Chef des Generalstabes empfangen hatte, schickte soeben einen seiner Flügeladjutanten nach dem Lustgarten und ließ dort dem Publikum mitteilen, daß die Festung Lüttich gefallen sei. Das Publikum brach in Hoch- und Hurrarufe aus.
Berlin, 7. August
Die Festung Lüttich hatte eine Besatzung von über 20.000 Mann und ist auf beiden Maasufern durch zwölf Forts mit schwerer Artillerie geschützt.
Berlin, 7. August
Der Kaiser hat General der Infanterie v. Emmich, der persönlich den Sturm auf Lüttich befehligte, den Orden Pour le Mérite verliehen.
Berlin, 7. August
Lüttich ist von den deutschen Truppen im Sturm genommen worden.
Berlin, 7. August
Nachdem die Abteilungen, die den Handstreich auf Lüttich unternommen hatten, verstärkt worden waren, wurde der Angriff durchgeführt. Heute Morgen 8 Uhr war die Festung in deutschem Besitz.
Berlin, 7. August
Der Kaiser, welcher den Chef des Generalstabes empfangen hatte, schickte soeben einen seiner Flügeladjutanten nach dem Lustgarten und ließ dort dem Publikum mitteilen, daß die Festung Lüttich gefallen sei. Das Publikum brach in Hoch- und Hurrarufe aus.
Berlin, 7. August
Die Festung Lüttich hatte eine Besatzung von über 20.000 Mann und ist auf beiden Maasufern durch zwölf Forts mit schwerer Artillerie geschützt.
Berlin, 7. August
Der Kaiser hat General der Infanterie v. Emmich, der persönlich den Sturm auf Lüttich befehligte, den Orden Pour le Mérite verliehen.
Von Emmich´s Truppen marschierten nun unter Marschmusik und wehenden Flaggen in Lüttich ein. Aber die Meldungen des Großen Hauptquartiers waren voreilig, denn der Schlüssel zur Stadt, der Festungsring und insbesondere die Forts auf der linken Seite blieben in belgischer Hand. Solange sie nicht gestürmt waren, konnte die Eisenbahnlinie nach Westen nicht in Betrieb genommen werden.
Der Festungsring hielt weiterhin aus und blockierte so den Weitermarsch der deutschen Verbände. Die Forts lagen unter ständigem Artilleriebeschuss und Infanterieangriffen, aber in den meisten Fällen gelang den Verteidigern diese abzuschlagen. Nur Fort Fleron wurde ausgeschaltet, nachdem ein Volltreffer den Kuppel Einfahr-Mechanismus zerstört hatte.
Am 9. August meldete das Große Hauptquartier in Berlin: Lüttich ist fest in unserer Hand. Die Verluste des Feindes sind groß. Unsere Verluste werden sofort mitgeteilt, sobald sie zuverlässig bekannt sind. Der Abtransport von 3.000 bis 4.000 Kriegsgefangenen aus Belgien hat bereits begonnen. Nach vorliegenden Nachrichten hatten wir in Lüttich ein Viertel der gesamten belgischen Armee gegen uns.
Viele Zivilisten setzten sich nun aus der Stadt ab und waren überrascht, dass der Zugverkehr aus dem Bahnhof Ans weiterhin durch die Geschütze des Fort Loncin gedeckt wurde und sie daher in aller Ruhe den Zug nach Brüssel und Antwerpen besteigen konnten. Das zeigt deutlich die Bedeutung des Forts und ihr Ausharren verzögerte weiterhin den deutschen Vormarsch. Diese hatten durch die Besetzung der Stadt keinen Vorteil. Für sie war die Eisenbahnstrecke als Kommunikations- und Nachschublinie unverzichtbar. Solange die Forts dem Druck standhielten und die Bahnlinien bewachten, solange bedeutete es Stillstand für die Deutschen.
In der Zwischenzeit hatte die Propaganda auf Seiten der Franzosen zu immer größerer internationaler Aufmerksamkeit geführt, die das deutsche Oberkommando ihrerseits zu einer propagandistischen Gegendarstellung veranlasste. Am 10. August wurde folgende Verlautbarung veröffentlicht:
Französische Nachrichten haben unser Volk beunruhigt. Es sollen 20.000 Deutsche vor Lüttich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unseren Händen sein. Durch die theatralische Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion an die Stadt Lüttich sollten diese Angaben bekräftigt werden. Unser Volk kann überzeugt sein, dass wir weder Misserfolge verschweigen, noch Erfolge aufbauschen werden. Wir werden die Wahrheit sagen und haben das volle Vertrauen, dass unser Volk uns mehr glauben wird als dem Feinde, der seine Lage vor der Welt möglichst günstig hinstellen möchte. Wir müssen aber mit unseren Nachrichten zurückhalten, solange sie unseren Plan der Welt verraten können. Jetzt können wir ohne Nachteil über Lüttich berichten. Ein jeder wird sich selbst ein Urteil bilden können über die von den Franzosen in die Welt geschrieben 20000 Mann Verluste. Wir hatten vor vier Tagen vor Lüttich überhaupt nur schwache Kräfte. Denn ein so kühnes Unternehmen kann man nicht durch Ansammlung überflüssiger Truppenmassen verraten. Dass wir trotzdem den gewünschten Zweck erreichten, lag in der guten Vorbereitung und in der Tapferkeit unserer Truppen, der energischen Führung und dem Beistande Gottes. Der Mut des Feindes wurde gebrochen, seine Truppen schlugen sich schlecht. Die Schwierigkeit für uns lag in dem überaus ungünstigen Berg- und Waldgelände und in der heimtückischen Teilnahme der ganzen Bevölkerung, selbst der Frauen, an dem Kampfe. Aus dem Hinterhalte und den Ortschaften aus den Wäldern feuerten sie auf unsere Truppen, auf die Ärzte, die die Verwundeten behandelten und die Verwundeten selber. Es sind schwere und erbitterte Kämpfe gewesen. Ganze Ortschaften mussten zerstört werden, um den Widerstand zu brechen, bis unsere Truppen durch die Forts Gürtel gedrungen waren und in dem Besitz der Stadt sich befanden. Es ist richtig, das ein Teil der Forts sich noch hielt, aber sie feuerten nicht mehr, Seine Majestät wollte keinen Tropfen Blutes durch Erstürmung der Forts unnütz verschwenden. Sie hinderten nicht mehr an der Durchführung der Absichten. Man konnte das Herankommen der schweren Artillerie abwarten und die Forts in Ruhe nach einander zusammenschießen, ohne nur einen Mann zu opfern. Über dieses alles durfte eine gewissenhafte Heeresleitung nicht ein Wort veröffentlichen, bis sie starke Kräfte auf Lüttich nachgezogen hatte und auch kein Teufel es uns mehr entreißen konnte. In dieser Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben bei der Behauptung der Festung mehr Truppen gehabt, wie sich jetzt übersehen lässt, als von unserer Seite zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann sich daraus die Größe der Leistung ermessen, sie steht einzig da. Sollte unser Volk wieder einmal ungeduldig auf Nachrichten warten, so bitte ich, sich an Lüttich zu erinnern. Das Volk hat sich einmütig um seinen Kaiser zur Abwehr der zahlreichen Feinde geschart, so dass die Heeresleitung annehmen darf, es werde von ihr keine Veröffentlichung verlangt werden, die ihre Absichten vorzeitig dem Feinde kundtun und dadurch die Durchführung der schweren Aufgabe vereiteln kann. Gezeichnet, Generalquartiermeister von Stein.
Die Forts Pontisse und Barchon deckten die Maasübergänge nördlich der Stadt; Felmalle und Boncelles schützen die Brücken am gegenüberliegenden Ende Lüttichs. Fort Embourg dominierte das Ourthe Tal, Fleron und Chaudefontaine beachten die Bahnlinie nach Aachen. Zu guter letzt mussten die Deutschen noch an Fort Loncin mit seinen Geschützen vorbei, um nach Brüssel zu gelangen. Deshalb mussten diese Forts um jeden Preis fallen.
Da die leichteren Kanonen keinen durchschlagenden Erfolg erzielten, schafften die Deutschen schwere und schwerste Belagerungsgeschütze nach Lüttich. Darunter die 420 mm Krupp Kanone „Dicke Bertha“ und einige 305 mm Skoda Geschütze, die ihnen die Österreicher geliehen hatten. Die „Dicke Berta“ war bereits 1904 entworfen, aber erst 1914 von den Krupp Werken in Essen fertig gestellt worden.
Von diesem Belagerungsgeschütz wurden zwei Varianten gebaut, von denen 1914 folgende vorhanden waren: das schienengebundene Gamma-Gerät (Kurze Marine-Kanone 14 L/16), mit 5 Exemplaren als Bettungsgeschütz und das M-Gerät (Kurzform für Minengerät) mit 2 Geschützen. Das M-Gerät wog schießbereit 42,6 t und wurde in 4 Teillasten gefahren, wobei motorisierte Zugmaschinen verwendet wurden. Das Gamma-Gerät mit einer Masse von 150 t wurde auf 10 Eisenbahnwagen befördert. Vom Gamma-Gerät wurden bis Kriegsende insgesamt 10 und vom M-Gerät insgesamt 12 Exemplare hergestellt. Die Mörser verschossen unterschiedliche Munitionsarten: Das M-Gerät verschoss eine schwere Granate von 810 kg bis auf 9300 m, mit der 1917 eingeführten leichten Granate von 400 kg hatte es eine Reichweite von 12.250 m. Das Gamma-Gerät verschoss eine leichte Granate von 800 kg auf 14.100 m, eine schwere Granate von 1160 kg auf 12.500 m und eine sog. neue Granate von 1003 kg auf 14.200 m. Ihren Namen erhielt das Geschütz nach Gustav Krupps Frau.
Diese Geschütze kamen am 11. August an und waren am nächsten Nachmittag einsatzbereit. 280 mm Geschütze des 4. und 9. Artillerieregiments gingen ebenfalls in Stellung und feuerten auf Evegnée. Nun waren zum ersten Mal Kaliber im Einsatz, Brialmont bei seinem Design nicht einkalkuliert hatte. Doch auch schon jetzt hatte der Dauerbeschuss durch die kleineren Kanonen Spuren an den Forts hinterlassen. Die 280 mm Geschütze eröffneten am 11. August um 09.00 das Feuer und stellten es erst am 12. gegen 04.50 ein. Ungefähr 250 – 275 Granaten pro Stunde wurden abgefeuert. Schon gegen Mittag fielen alle Geschütze des Forts aus.
Das Bombardement auf Loncin, Lantin, Liers, Pontisse, Fleron, und Chaudfontaine dauerte den ganzen Morgen des 12. August an. Fort Pontisse begann schon unter dem Granathagel auseinander zu brechen. Die Besatzung schon durch den Beschuss nicht voll leistungsfähig aber immer noch einsatzbereit. Gegen 17.45 hörte man eine riesige Explosion. Man glaubte schon, das Pulvermagazin wäre in die Luft geflogen, aber es war „nur“ der Einschlag einer 420 mm Granate. Die Dicke Bertha war bei Mortier im Einsatz. Das Geschütz feuerte noch zwei Schuss, dann brach die Nacht hinein und ließ belgische Festungssoldaten zurück, die sich wunderten, was am nächsten Tag auf sie hereinbrechen sollt.
Am Morgen des 13. August begann der Beschuss von Pontisse bereits wieder um 07.00. Um 08.00 erreichte das Trommelfeuer seinen Höhepunkt. Die Dicke Bertha schlug wieder zu und grub den Schutt über dem Fort um. Der Stahlbeton wurde zerstört, Munition explodierte in der Galerie und verbreitete Artilleriegase im ganzen Gebäude. Die Garnison hielt bis 11.30 aus, dann erklärte Hauptmann Speesen den Widerstand für „illusorisch“ und gab auf. Vier Stunden Bombardement durch die Dicke Bertha hatten Pontisse in einen Trümmerhaufen verwandelt. Nach der Kapitulation von Pontisse konnte die deutsche 36. Brigade ungestört die Maas bei Wandre überqueren, um Fort Liers von hinten anzugreifen.
Das Bombardement von Fort Chaudfontaine begann am 12. August um 12.30; wurde über Nacht ruhiger und begann wieder in voller Stärke am 13. um 04.00. Die Wirkung des Artilleriefeuers wiederholte sich. Die Stromversorgung brach zusammen und konnte nicht mehr in Gang gesetzt werden. Dennoch kämpfte man in totaler Finsternis weiter. Gegen 07.30 gab es einen Volltreffer ins Magazin, der 97 Mann tötete und 30 schwerstverwundete. Damit war jeder weiterer Widerstand sinnlos, das Fort gab auf.
Das gleiche Schicksal widerfuhr Fort Embourg. Leichtes Artilleriefeuer über Nacht, das am frühen Morgen wieder die gewohnte Intensität aufnahm. Die 120 mm Geschütze fielen schon bald aus. Nachdem Chaudfontaine gefallen war, konzentrierte sich das Feuer um 12.30 auf Embourg. Eine 210 mm Batterie feuerte allein 144 Granaten innerhalb von 40 Minuten auf das Fort. Ein Infanterienangriff der14. Brigade schloss sich daran an. Um 19.30 mussten auch hier die tapferen Verteidiger die Waffen stricken und hissten die weiße Flagge.
Am Morgen des 14. August, gegen 01.30 eröffnete die Dicke Bertha, die auf dem Plateau von Belleflamme in Stellung gegangen war, das Feuer auf Fort Fleron. Kommandant Mozin beschreibt die Zustände im Fort: „Nach jedem Treffer schüttelte sich das ganze Fort, der Schock warf uns empor und ließ alle Gegenstände umherfliegen. Erstickende Gase und Flammen bedrohten die Männer; die meisten hatten Verbrennungen und das alles in totaler Finsternis“. Um 09.00 waren 4.000 Granaten auf dem Gelände niedergegangen, die Oberfläche glich einer Kraterlandschaft und sämtliche Geschütze waren ausgefallen. Die Soldaten konnten kaum atmen und waren auf Gnade und Ungnade den 420 mm Geschützen ausgeliefert. Mozin rief seinen Verteidigungsrat zusammen und beschloß die Kapitulation. Mit dem Fall von Fleron war nun auch die Strasse nach Aachen für die Deutschen frei.
Eines nach dem anderen ergaben sich die Forts um Lüttich. Gegen 12.390 ergaben sich die Männer von Fort Lantin. Jetzt konnten sich die überschweren deutschen Geschütze Fort Loncin widmen. Die Bombardierung hielt die gesamte Nacht an und intensivierte sich am Morgen des 15. August. Die Granaten kamen aus allen Richtungen geflogen: aus Loncin, Ans, Liege, Alleur, Liers, Xhendremael, und Hognoul. Einmal geschah es, dass 15 Granaten gleichzeitig einschlugen. Die gesamte Infrastruktur des Forts wurde sukzessive zerstört, die Oberflächenstruktur des Forts eingeebnet. Aber wie durch ein Wunder waren die Geschütze intakt geblieben und erwiderten das Feuer.
Um 16.00 näherte sich ein Deutscher dem Fort und machte den Anschein, als wolle er eine Meldung überbringen. Doch er wurde von der Wache erschossen. Wahrscheinlich war er ein Beobachter, der das Artilleriefeuer lenken sollte, denn die 420 mm fielen zu kurz. Um 17.20 fiel die 23. Dicke-Bertha-Granate auf das Fort, das von einer gewaltigen Explosion erschüttert wurde. Das Munitionslager war in die Luft geflogen. Den Deutschen erschien es, als ob das gesamte Fort pulverisiert worden wäre. Der Kommandant, General Leman, hatte die Explosion überlebt und kroch halb bewusstlos aus den Trümmern hervor. 350 Männer seiner Besatzung hingegen waren tot.
Ein unbekannt gebliebener deutscher Offizier schrieb in seinem Bericht über General Leman: Seine Verteidigung von Lüttich war vortrefflich und tragisch zugleich. Der Kommandant eines Forts, wurde unter dem Beschuss wahnsinnig und erschoss seine eigenen Leute. Er wurde entwaffnet und gefesselt. Die Geschützkuppel eines anderen Forts wurde von einer Zeppelin Bombe ´zerstört. Andere Forst wurden wie Sandburgen am Meer von der Flut weggefegt.
So lange es ging inspizierte General Leman jeden Tag seine Forts, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Durch fallendes Mauerwerk, das von einer unserer Granaten herrührte, wurden seine beiden Beine gebrochen. Davon unbeeindruckt setzte er seine Inspektionen per Auto fort. Nachdem Fort Chaudefontain durch einen Volltreffer ins Magazin zerstört worden war, zig er sich ins Fort Loncin zurück um zu halten oder zu sterben.
Als das Ende unvermeidlich war zerstörten die Belgier ihre letzten drei Geschütze selbst und jagten ihre Bereitschaftsmunition in die Luft. Zuvor vernichtete Leman alle Pläne, Karten und Akten, die mit der Verteidigung im Zusammenhang standen. Die Nachschubwege waren ebenfalls zerstört, Nahrung nicht mehr vorhanden. Mit 100 Mann wollte Leman sich zu einem anderen Fort durchschlagen, aber wir hatten bereits alle Rückzugswege abgeschnitten. Zu diesem Zeitpunkt ging unser schwerstes Geschütz in Stellung und eine der Granaten traf das Magazin, das daraufhin mit ungeheurem Lärm explodierte. Steine und Betonteile groß wie Möbelwagen wurden in die Luft geschleudert. Als sich Staub und Gase verflüchtigt hatten stürmten wir das Fort, dessen Boden im wahrsten Sinne des Wortes mit Leichen bedeckt war. Alle Männer im Fort waren verwundet, die meisten bewusstlos. Ein Korporal mit zerschmettertem Arm versuchte einhändig uns mit Gewehrschüssen zu vertreiben. Begraben unter dem Schutt und an einen Balken gequetscht lag General Leman.
Mit Sanftheit und Sorgfalt, was zeigte wie sehr die deutsche Infanterie den Mann respektierte, der ihr so lange tapfer und stur die Stirn geboten hatte, wurde er aus dem Schutt gezogen. Zunächst glaubten wir, er wäre tot, aber er erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit, schaute sich um und sagte: “Ich war bewusstlos, bitte schreiben sie das in ihren Bericht. Es ist wie es ist. Die Männer haben tapfer gekämpft“, und dann wiederholte er sich an uns wendend, “schreiben sie in ihren Bericht, dass ich bewusstlos war“.
Wir brachten ihn zu unserem Befehlshaber, General Emmich, und beide Offiziere salutierten. Wir versuchten ihn zu trösten, doch er blieb stumm – er war bekannt für seine ruhige Art. „Ich war bewusstlos, bitte schreiben sie das in ihren Bericht“, mehr wollte er nicht sagen. Seine Hand ausstreckend sagte General Emmich zu ihm: „General, sie haben tapfer und ehrenvoll ihre Forts gehalten“. Leman daraufhin: “Ich danke ihnen. Unsere Truppen haben ihren Ruf verteidigt“. Und mit einem Lächeln bemerkte er noch „Krieg ist nicht wie ein Manöver“, in Anspielung der Tatsache, dass er und General Emmich erst kürzlich vor Kriegsausbruch sich bei einem gemeinsamen Manöver getroffen hatten. Dann löste er seinen Degen vom Gürtel und bot General Emmich seinen Säbel an. „Nein“, erwiderte Emmich, „behalten sie ihn. Mit ihnen die Klinge gekreuzt zu haben war eine Ehre“ und das Feuer in Lemans Auge wurde durch eine Träne getrübt“.
Am nächsten Tag, den 17. August, began die 2. Armee, zusammen mit der 1. und 3. Armee, den zweiten Schritt des Schlieffen Plans, die weit ausholende Umfassung durch Belgien, wobei die belgische Armee zum Rückzug bis nach Antwerpen gezwungen wurde. Brüssel wurde am 20. August kampflos durch von Klucks 1. Armee besetzt.









































