
Die Überraschung, die keine war
"Les Sanglots longs des violons de l ´automne
blessent mon coeur d´une langeur monotone."
"So schluchzend zieht das Geigenlied des Herbstes hin,
dass matt und wund vor Schmerz und Qual ich bin."
Paul Verlaines
Dieser Vers aus Paul Verlaines Gedicht über den Herbst bedeutete den Beginn der Invasion. Wer den Hintergrund dieser Worte kannte, wusste über den Zeitpunkt der alliierten Invasion in Frankreich Bescheid. Und das deutsche Oberkommando kannte diese Bedeutung, den Wert der Information - und tat nichts! Die Alliierten unternahmen jede nur denkbare Anstrengung, um den Deutschen ihre Absichten zu verschleiern. Gleichzeitig taten sie alles, um den Eindruck zu erwecken, die Invasion käme an der engsten Stelle des Kanals, am Pas de Calais. Sie stationierten sogar eine imaginäre Armee mit Gummipanzern und Holzflugzeugen in Südengland, mit einem sehr realen Führer, General Patton. Und dennoch gelang es den Männern des militärischen Abwehrdienstes um Admiral Canaris, dieses ungeheure Geheimnis den Alliierten zu entreißen. Die Engländer, die seit Jahren den französischen Widerstand unterstützten, brauchten diese Männer, um am Tage X Sabotage von enormen Ausmaß ausführen zu können. So war geplant, 571 Bahnhöfe und Weichen zu zerstören, sowie die 30 Hauptstrecken lahm zu legen.
Doch Canaris gelang es, einen Franzosen in die Organisation zu schleusen, der ihn vom Plan der Nachrichtenübermittlung an den Widerstand via Radio und Gedichtverse informierte. Am 5. Juni, spätestens um 22.15, waren das OKW (Oberkommando der Wehrmacht), Feldmarschall von Rundstedt, der Marinegruppenstab in Paris und die Heeresgruppe Rommel informiert. Feldmarschall von Rundstedt kommentierte die Meldung von der bevorstehenden Invasion: „General Eisenhower kündigt doch die Invasion nicht über die Sendungen der BBC an“.
Doch es sollte noch schlimmer für die Deutschen kommen. Wegen der schlechten Wettervorhersage, die in den Augen des deutschen Generalstabes eine Invasion nicht wahrscheinlich machte, war Feldmarschall Erwin Rommel , der OB der Heeresgruppe und damit Herr über die gesamte französische Küstenfront von seinem Stabsquartier in La Roche Guyon nach Deutschland gefahren. Zunächst um seine Frau an ihrem Geburtstag am 6. Juni in Herrlingen zu beglückwünschen, später um Hitler einen Lagevortrag in Berchtesgaden zu halten. Er wollte Hitler davon überzeugen, die Panzerdivisionen zu verstärken und näher an die Küste zu verlegen, sowie eine weitere Nebelwerferbrigade in die Normandie zu verlegen. Und er brauchte bessere Soldaten. Zu viele waren zu alt, zu krank oder zu unzuverlässig. Ostbataillone aus ehemaligen russischen Kriegsgefangenen konnten erfahrene Frontkämpfer nicht ersetzen. Später, als diese Einheiten schnell den Alliierten nachgaben, meinte General von Schlieben: „ Es war wohl zuviel verlangt, Russen in Frankreich für Deutschland gegen die Amerikaner kämpfen zu lassen.
Rommel hatte jedoch auch noch ein fundamentales Problem. Seine Theorie lautete, den Feind am Strand zu schlagen. Und dazu brauchte er Panzerdivisionen in Küstennähe. Entschieden anderer Meinung waren aber Generalfeldmarschall von Rundstedt und General Freiherr Geyr von Schweppenburg, die die Entscheidungsschlacht im Hinterland der Küste führen wollten. In klassischer Manier planten sie die Eindringlinge mit weiträumigen Zangenoperationen zu umklammern und zu vernichten. Rommels Kopfschmerz war jedoch die zu erwartende alliierte Luftüberlegenheit. Er hatte sie unbarmherzig in Nordafrika erfahren müssen und er wusste wie schnell die gegnerische Luftwaffe jeglichen Straßenverkehr zum Erliegen bringen würde. Bislang ging Hitler von seinem Kompromiss nicht ab, der vorsah, die Panzer nicht so weit wie von Rundstedt gefordert fern der Küste zu stationieren, aber sie auch nicht Rommel zu unterstellen.
Aber nicht nur Rommel war in diesen Stunden nicht vor Ort, auch die Divisionskommandeure, sowie je zwei ihrer Regimentskommandeure waren von Generaloberst Dollmann, dem Chef der 7. Armee, zu einem Kriegsspiel in Rennes eingeladen. Man rechnete ja nicht mit Invasionswetter.
Und man rechnete nicht mit solch einer in der Normandie. Man erwartete sie am Kanal.
Die Alliierten hatten sich jedoch für die Normandie entschieden. Die Gründe lagen auf der Hand. Holländische Gewässer waren zu flach, Belgiens Strände kamen wegen starker Strömungen nicht in Betracht und der Pas de Calais war zum einen zu stark befestigt und zum anderen wies er nicht so viele breite Strände auf wie die Normandie. Darüber hinaus lag dieser Küstenabschnitt auch noch in Reichweite ihrer Jäger. Die Planungsstäbe der Alliierten in London hatten eine Kombination aus Fallschirm- und Strandlandungen vorgesehen. Parallel dazu sollten wichtige Befestigungen und Brücken schon vor der eigentlichen Landung von Spezialkräften eingenommen werden.










