
Stalag Luft III
Während des 2. Weltkrieges unternahm die US Air Force 1. 693 565 Einsätze gegen Nazideutschland. Einsatz heißt in diesem Zusammenhang ein Flug pro Flugzeug. 32.263 Maschinen waren an diesen Einsätzen beteiligt, die 29.916 deutsche Flugzeuge zerstörten. Sie selber verloren über 55 % ihrer Einsatzflugzeuge. Das bedeutete, dass 94.565 Amerikaner Opfer des Luftkrieges wurden. 30.099 starben, 13. 660 wurden verwundet, die übrigen 51.106 waren Gefangene, Vermisste, Internierte. Viele derjenigen, die überlebten, wussten nicht wie ihnen geschah. Ihre Flugzeuge explodierten inmitten ihrer Formation und wie ein Wunder überlebte der eine oder der andere der Besatzungen. Andere wurden bewusstlos aus ihren Maschinen geschleudert und erwachten am Boden – neben sich der geöffnete Fallschirm. Und es gab solche, die schwer verwundet aus den Trümmern ihrer B 17 geschnitten wurden. Ihnen allen ist eines gemeinsam. Sie wurden meist alle mit den gleichen Worten von ihren deutschen Gegnern begrüßt:: „Für sie ist der Krieg vorüber“.
Zumindest dachten das die Deutschen. Für die alliierten Flieger jedoch änderten sich nur der Einsatzort und die Art des Einsatzes. Ging es bisher um die Bombardierung wichtiger Kriegsziele, so lautet ihr Operationsbefehl nun Überleben und Ausbruch. Die meisten dieser Gefangenen, so zumindest alle Besatzungen amerikanischer Maschinen, sahen sich in einem Lager in der Nähe der niederschlesischen Stadt Sagan wieder: Stalag Luft III.
Stammlager Luft war eine Einrichtung der Luftwaffe und Stalag Luft III wurde in Sagan, rund 160 km südöstlich von Berlin, im April 1942 errichtet. Hier wurde sämtliches fliegerische Personal, egal ob Bordschütze oder Pilot zusammengefasst. In der Mehrheit US Air Force Angehörige, aber auch Piloten der Royal Air Force. Die Luftwaffe begegnete ihren Gefangenen mit Respekt und die Behandlung war ordentlich, wenn man von der Qualität des Essens einmal absieht. Der erste Kommandant (seit der Eröffnung im Mai 1942) des Lagers, Oberst Friedrich-Wilhelm von Lindeiner-Wildau, wurde auch von seinen Gefangenen geachtet. Er sprach fließend englisch und hatte letztendlich die Aufgabe über 10.000 Gefangene zu wachen, die auf einem 24 ha großen Gelände, umgeben von acht km Stacheldrahtzaun, lebten.
Ähnlich wie in Colditz, gab es auch in Sagan ein Fluchtkomitee. Merkwürdigerweise ausschließlich mit britischen Offizieren besetzt. Dies waren Squadron Leader Roger J. Bushell, Flying Officer Wally Floody, Peter „Hornblower“ Fanshawe und Flight Lieutenant George Harsh. Die eigentlichen Köpfe des Unternehmens waren ebenfalls Briten. Der schon oben erwähnte Wally Floody war der eigentliche Tunnel König. Er plante und setzte die drei Tunnel „Tom“, „Dick“ und „Harry“ um. Ihm halfen eine ganze Reihe anderer POWs, wie zum Beispiel Henry „Johnny“ Marshall und Flight Lieutenant „Crump“ Ker-Ramsey, sowie Peter Fanshaw. Der Rhodesier Johnny Travis, attestiert von einem ganzen Team, war ein Genie im Erfinden von Kompassen bestehend aus Grammophonplattenresten und Splittern magnetisierter Rasierklingen. Pässe, Dienstausweise, Urlaubsscheine, Kennkarten oder Sichtvermerke entstanden unter der Leitung von Chef-Fälscher Tim Walenn und seinem Team. Des Plunkett fertigte Karten, Tommy Guest Uniformen und andere Kleidungsstücke. Viele Ausbruchsgegenstände wie Zugfahrpläne und ähnliches stammten von Wachen, die sich bestechen ließen.
Den Deutschen war natürlich klar, dass mit Ausbrüchen zu rechnen war und hatten spezielle Suchtrupps etabliert. Die Gefangenen nannten ihre Bewacher Goons („German Officer Or Non-Coms“. Daher hießen die Wachtürme auch „Goon Boxes“ und das Drangsalieren der Deutschen „Goon Baiting“. Die deutschen Tunnelexperten hießen Ferrets, Frettchen. Der Hartnäckigste von ihnen, Gefreiter Greise, trug den Spitznamen „Rubberneck“. Sie kontrollierten mit langen Eisenstangen den Boden und überprüften die Farbe des Bodens. War er gelb, war man sich sicher, dass irgendwo ein Tunnel gegraben wurde, denn der Mutterboden unterschied sich gewaltig von der sandigen Tunnelerde.
Die Anzahl der Tunnel, die in Stalag Luft III angelegt wurden, war unglaublich. „Tom“ war die Nr. 98 aller entdeckten Fluchttunnel! Dieser Bau war fast fertig, als er im Sommer 1943 gefunden wurde. Die anderen, „Dick“ und „Harry“ wurden vollendet. Das Material, das der Bau verschlang, stammte aus den Baracken und aus Vorratslagern des Camps. Unter anderem 1.699 Wolldecken, 478 Löffel und 30 Schaufeln. 4.000 Bettbretter wurden verarbeitet. Daraus fertigte man Verschalungen und Schienen für die ebenso hölzerne Lore, mit denen der Sand transportiert wurde. Der wiederum wurde von „Pinguinen“ verteilt, die ihn in Beuteln unter den Hosenbeinen auf dem Gelände verteilten. Das fast 300 m lange Kabel für die elektrische Tunnelbeleuchtung stahl man unter den Augen der Arbeiter, die den Verlust nicht bemerkten. Nach dem Ausbruch wurden diese Leute von der Gestapo erschossen.
Als „Harry“ und „Dick“ fast fertig waren, wurden die zwei Fluchtgruppen bestimmt, beziehungsweise ausgelost. Die eine war die Gruppe der „Mehrfachtäter“, Männer, die schon einmal ausgebrochen waren und/oder sehr gut deutsch sprachen, sowie diejenigen, die sich besonders am Bau der Tunnel engagiert hatten. Die andere Gruppe musste um ihre Teilnahme losen. Diese Männer nannte man „Hard-Arsers“, was im übertragenen Sinne „Arme Schweine“ bedeutet. Arm deswegen, weil sie nur mit zweitklassigen Fälschungen ausgerüstet waren, kein oder kaum deutsch sprachen, nur bei Nacht und zu Fuß feindfreies Gebiet erreichen konnten. Bei Minustemperaturen wie sie zum Zeitpunkt des Ausbruchs am 24. März herrschten, kein Zuckerschlecken. Kurzum, die Chance, ihren deutschen Häschern zu entkommen, war bei dieser Gruppe erbärmlich gering.
In der Nacht vom 24. auf den 25. März war es soweit. Die Ausbrecher versammelten sich in Baracke Nr. 104 und um 22.30 rollte der Erste bäuchlings auf dem Wägelchen zum Tunnelende. Dort stellte man fest, dass der Tunnel zu kurz war und vor der Baumreihe ans Tageslicht kam. Das verzögerte den Ausbruch enorm, da man den Rundgang der Wachen so abpassen musste, dass man von ihm nicht gesehen werden konnte.
Die Situation verschlimmerte sich noch, als ein Luftalarm die Stromversorgung abschaltete und der Tunnel mit Talglampen erhellt werden musste. Gegen 04.55 hatten gerade erst 87 Mann den Tunnel verlassen. Hinterlassen hatten sie alle ihre Fußabdrücke im frisch gefallenen Schnee. Dies wurde dann letztendlich zum Verhängnis. Eine Wache hatte seinen normalen Weg verlassen und näherte sich dem Tunnelausgang. Dort bemerkte er die Fußspuren, entdeckte Lieutenant McBride im Tunnel und löste Alarm aus. Len Trent, ein Träger des Victoria Cross und DSO, der nur Zentimeter von der Wache mit dem Kopf im Schnee lag, stand auf und ergab sich. Die, die es geschafft hatten, suchten den Bahnhof, dessen Eingang von vielen nicht sofort gefunden wurde, da er sich in einem Fußgängertunnel befand, der natürlich stockfinster war. Dadurch verpassten einige ihre Züge und mussten bei Tage auf den nächsten warten. Immer in Angst geschnappt zu werden. Die meisten nutzten den ersten Zug, der eintraf, aber meist umsonst, da sie schon bald gefasst werden sollten.
Die Reaktion des Regimes war furchtbar. Hitler war außer sich vor Wut und verlangte die Erschießung aller, die wieder eingefangen werden konnten. Göring und Keitel versuchten ihn zu beruhigen und brachten ihn dazu, die Erschießungen auf die Hälfte zu reduzieren. Daraufhin wurde Reichsführer SS Heinrich Himmler mit der Durchführung der Aktion beauftragt. 50 Namen tauchten auf einer Liste auf, die von Gestapo Chef General Nebel und seinem Mitarbeiter Dr. Hans Merton zusammengestellt wurde.
Die Großfahndung im gesamten Reich sammelte die Ausbrecher einem nach dem anderen wieder ein. Sobald sie in der Hand der Gestapo waren, wurden sie erschossen. Der Lagerkommandant, Oberst von Lindeiner-Wildau, wurde verhaftet. Mit Glück entging er der Exekution, und wurde zu einer zweijährigen Festungshaft verurteilt, die er überlebte. Sein Adjutant, Hauptmann Pieber war über die Vorgänge derart erschüttert, dass er dem Gefangenenübersetzer „Lieutenant „Wank“ Murray sagte: “Sie dürfen nicht glauben, dass die Luftwaffe irgendetwas damit zu tun hat. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Es ist grauenhaft.“ Und weiter: „Seien sie sehr vorsichtig, sie sind in großer Gefahr. Keine weiteren Tricks“.
Übersetzer Murray und der ranghöchste alliierte Offizier, Herbert M. Massey, hörten vom neuen Kommandanten, Oberst Braune: „ 41 Offiziere wurden auf der Flucht erschossen“. Massey fragte nach: „Wie viele Verwundete?“ Antwort: „Keine. Ich bin nicht befugt, ihnen weitere Informationen zu geben, außer dass wir die Leichname und ihre persönlichen Dinge an sie zurückgeben werden.“ Sein Stellvertreter, Major Gustav Simoleit, Professor für Geschichte, Geographie und Ethnologie, sprach sieben Sprachen, darunter englisch, russisch, polnisch und tschechisch. Er setzte sich über die Befehle aus Berlin hinweg und ordnete eine ehrenvolle Beerdigungszeremonie eines jüdischen RAF Angehörigen an. Später erlaubt die Luftwaffe sogar den Inhaftierten, ein Memorial zu Ehren der ermordeten Ausbrecher zu errichten. Nach dem Krieg wurden die Urnen der 50 Toten, die dort beigesetzt waren, auf den alten Garnisonsfriedhof in Posen umgebettet.
Von den ursprünglich Ausgebrochenen gelang Dreien der so sehr erträumte „Home Run“.
Per Bergsland, alias Rocky Rockland, der seinen norwegischen Namen anglisierte, um im Falle des Falles nicht schikaniert zu werden, Jens Muller und Bram „Bob“ van der Stok.
Bergsland und Muller erreichten das neutrale Schweden, Van der Stok gelang über Holland, Belgien, Frankreich und Spanien bis nach Gibraltar. Zu dem Zeitpunkt hatte Anthony Eden, der britische Außenminister bereits von den Ungeheuerlichkeiten erfahren und den Verantwortlichen mit Konsequenzen gedroht.
Nach dem Krieg jagte ein Ermittlungstrupp die Gestapo-Mörder. Einer nach dem anderen ging den Fahndern ins Netzt. Unter anderen Standartenführer Seetzen von der Gestapo Aussenstelle Breslau. Nach Identifizierung durch ehemalige Kollegen wurde er 1945 inhaftiert und verübte Selbstmord durch Zyanid Kapsel. Obersturmbannführer Max Wielen, der Breslauer Gestapo-Chef, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er kam nach einigen Jahren frei. Gestapo Direktor Dr. Wilhelm Scharpwinkel tarnte sich am Ende des Krieges in einem Breslauer Lazarett als englischer Leutnant. Er wurde von russischen Soldaten verhaftet und nach Moskau gebracht. Dort wurde er 1947 für Tod erklärt, nachdem erst nach heftigem Drängen der englischen Regierung die Russen ihn zu einer Aussage drängten. Er und sein Helfer Lux ermordeten zusammen mindestens 27 der Ausgebrochenen. Lux starb bei den Kämpfen in Breslau.
Eine ganze Reihe weiterer Angeklagten erhielten Todes - oder Gefängnisstrafen. Wiederum andere entzogen sich der Bestrafung durch Selbstmord. Lagerkommandant von Lindeiner-Wildau starb 1963 im Alter von 63 Jahren. In seinen Erinnerungen drückt er seine Dankbarkeit gegenüber Massey und anderen alliierten Offizieren aus, die ihn auch zur Bombardierung seiner Berliner Wohnung bedauerten.
Der Film „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) erschien 1963. Das Drehbuch schrieb der bekannte Schriftsteller James Clavell ( „Shogun“, „King Rat“ ) und in Szene gesetzt wurde die Geschichte vom Regisseur John Sturges, der mit Filmen wie „Die Glorreichen Sieben („The Magnificent 7“) oder „Gunfight At The OK Corral“ berühmt wurde. Die Frage, ob und inwiefern der Film mit den wahren Geschehnissen übereinstimmt, kann man auf der Fahrt nach Sagan erfahren.




























