
Die Wilhelmstrasse
„Wilhelmstraße“ eine Bezeichnung, die aus dem Berliner Leben nicht wegzudenken ist. Der Straßenname wirkt wie Sprengstoff, obwohl er heutzutage die einstige Bedeutung verloren hat. Seit 1709 gibt es sie, benannt nach dem späteren preußischem König Friedrich Wilhelm I. Ab dem 19. Jahrhundert befinden sich an ihr preußische Ministerien und von 1871 bis 1945 Reichsministerien. Vor dem Krieg wurde die Wilhelmstraße sinnbildlich gebraucht für das Auswärtige Amt und seine Politik und es war kaum verwunderlich dass der Prozess gegen Angehörige des Außenministeriums und anderer Reichsbehörden in Nürnberg zwischen dem 6. Januar 1948 und dem 11. April 1949 Wilhelmstraßen-Prozess genannt wurde. Zu sehr verinnerlichten die Deutschen Unrechtspolitik mit geografischer Flurbezeichnung.
Fluchtpunkt des III. Reiches war nicht - wie vor allem die Russen glaubten - der Reichstag, sonder die Neue Reichskanzlei. Hitler hatte die Alte Reichskanzlei in der Wilhelmstrasse 77 als „Zigarrenkiste“ gescholten und Umbauten angeordnet, die 1933 anliefen. Doch die waren für Hitler nicht genug. Ein neuer, gigantischer Bau musste her und er beauftragte seinen Chefarchitekten Speer mit der Errichtung einer neuen, gewaltigen, 421 m langen Anlage an der Vossstraße, die vom „Völkischen Beobachter“ als „erster Monumentalbau des Großdeutschen Reiches“ gewürdigt wurde. Schon bei der Planung wurden zwei, ein kleiner und ein großer Bunker, berücksichtigt, die durch drei hydraulisch zu betätigen Luken erreichbar waren. Selbst ein Lastenaufzug für Lastwagen wurde eingebaut.
Der „Führerbunker“ hingegen wurde unter, beziehungsweise neben der Alten Reichskanzlei gebaut. Dieser ließ, als die Alte Reichskanzlei 1935 ausgebaut wurde, einen Bunker mit den Maßen 21,2 x 21,2 m errichten. Zunächst betrug die Deckenstärke 2,35 m, später, als die Luftangriffe heftiger wurden, erhöhte man die Betondecke auf 3,35 m. Ein ca 80 m langer Gang verband diesen Bunker mit der Neuen Reichskanzlei. Vor dieser Konstruktion unter der Alten Reichskanzlei ließ Hitler 1943 einen weiteren Bunker errichten. Dieser eigentliche „Führerbunker“ hatte eine Wandstärke von 3,60 m und eine Decke mit 3,50 m Stahlbeton. Diesen Bunker hat Hitler nur noch als Leiche verlassen.
Neben diesen drei zentralen Bunkern gab es noch vier weiter Tiefbauten für die „Leibstandarte“ und ihre Fahrzeuge im Nahbereich der Neuen Reichskanzlei. Nach dem Krieg benutzen die Sowjets Granit und Marmor von Speers Prachtbau für ihre Heldendenkmäler in Treptow und an der Nord-Süd Achse. Andere Bunkeranlagen in der Nähe der Wilhelmstrasse sind der Goebbels Bunker an der Behrenstrasse, der Bunker des Ministeriums für Bewaffnung und Munition am Pariser Platz, der Adlon Bunker neben dem gleichnamigen Hotel, der Bunker „Kaiserhof“ (wegen des gleichnamigen Hotels) an der Mohrenstrasse, sowie der Bunker des Reichsverkehrsministeriums an der Wilhelmstraße und der Bunker im Vorhof zum Reichsluftfahrtministeriums an der Leipziger Straße.
Die Prinz-Albrecht-Straße- heute Niederkirchnerstraße - zwischen Leipziger- und Anhalterstraße gelegen, war im Rechteck mit der Wilhelmstraße das wohl am meisten gefürchtete Viertel in ganz Berlin, wenn nicht ganz Deutschlands. In der Prinz-Albrecht-Straße 8 befand sich die Gestapo-Zentrale (Geheime Staatspolizei) und an der Ecke Wilhelmstraße 102 das Prinz-Albrecht-Palais, Sitz der SS und Hauptquartier von SS Obergruppenführer Reinhard Heydrich. Dennoch war die postalische Adresse des Reichsführer-SS , Heinrich Himmler, die Prinz-Albrecht-Straße Nr. 8.
In diesem geografischen Dreieck konsolidierte sich das zynischste, brutalste und mörderischste Überwachungssystem, das die Welt bisher gesehen hatte. Himmler und Heydrich hatten mit Gestapo, der SS, dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und dem SD - Hauptamt eine derartig Furcht einflössende Macht, die sie in den Jahren 33-45 unangreifbar machen sollten. Von hier gingen die Befehle an die Einsatzkommandos, die hinter der Ostfront Tausende unschuldiger Menschen abschlachten sollten. Von hier setzte Adolf Eichmann sein organisatorisches böses Talent ein, um Millionen in den Gaskammern zu schicken. Die Befehle zum Holocaust wurden hier von Himmler und Heydrich auf Befehl Hitlers und Görings formuliert und von Heydrich in einer Villa am Wannsee an die Manager der Tötungsmaschinerie „verkauft“.
Am 20. Januar 1942 lud Obergruppenführer Reinhard Heydrich 15 hohe Beamte der obersten Reichs-, NSDAP und SS-Behörden in ein Gästehaus des Sicherheitsdienstes der SS (SD) „Am großen Wannsee“ in Berlin Zehlendorf ein. Heute Gedenkstätte „Haus der Wannsee Konferenz“. Einziger Tagungspunkt des Meetings: Endlösung der Judenfrage. Bei dieser Konferenz wurde nicht der Beschluss zum Holocaust getroffen, sondern sie war vielmehr Teil der Maßnahmen zur administrativen Umsetzung der grundsätzlichen Entscheidung zur Vernichtung der europäischen Juden, die bereits während der Vorbereitung zum Krieg gegen die Sowjetunion durch Adolf Hitler getroffen war.
Obwohl Heydrich strengste Vertraulichkeit angeordnet hatte und jedes Konferenz-Protokoll durch ihn persönlich observiert wurde, gelang ein Besprechungsprotokoll Eichmanns in die Akten des Auswärtigen Amtes und wurde 1947 entdeckt. Diese Konferenz und dieses Schlüsseldokument, das später von Neonazis und deren Leugnern als Fälschung dargestellt wurde, gelten unwiderruflich als Beweis für die systematische Vernichtung von Juden, Zigeunern, Homosexuellen und anderen „unwerten Lebens“.













