Newsletter abonnieren:

Festung Küstrin

Theodor Fontane
Schon Theodor Fontane schrieb in „Wanderung durch die Mark Brandenburg“ über Küstrin: „ Jenseits der Oder, wo zwischen Werft und Weiden die Warthe rechtwinklig einmündet, liegt Küstrin, ein durch die Jahrhunderte hin in den Geschichten des Landes oft genannter Name, oft aber selten freudig. Etwas finster Unheimliches ist um ihn her, und in meiner Erinnerung sehe ich den Ort, der ihn trägt, unter einem ewigen Novemberhimmel“.

Das Küstriner Schloss vor dem Krieg
Küstrin Nordwestgraben
In der Tat umgibt Küstrin der Hauch von Untergang. Zwei Belagerungen „überlebte“ die Festung, die vom italienischen Baumeister Giromella im 16. Jahrhundert für den Markgrafen Hans gebaut wurde. Die dritte sollte sie von der Landkarte fegen. Zuerst belagerten die Russen die Stadt Küstrin, deren Festung sie am 15. August 1758 bombardierten. Die Aufforderung sich zu ergeben, wies der Kommandant, Oberst Schack von Wuthenow zurück. Als Friedrich der Große am 21. August die Festung entsetzte, fand er sie in tadellosem Zustand vor. Die Stadt jedoch war eingeäschert. Die zweite Belagerung war eine Sache von Stunden. Am 31. Oktober 1806 übergab der Kommandant, Oberst von Ingersleben, Festung und Stadt den Soldaten Napoleons, ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Fontane kommentierte diesen Vorgang so: “Unter den unrühmlichsten Festungskommandanten jener Epoche, der unrühmlichste, weil der zweideutigste. Von dem, was den Soldaten macht und ehrt, besaß er nichts“

Oder bei Küstrin
Schlosseingang damals und heute
„Finster und unheimlich“ war für Fontane auch die Enthauptung des Leutnant von Katte, eines Jugendfreundes von Kronprinz Friedrich, dem späteren Friedrich der Große. Dieser wollte, begleitet von Katte, dem preußischen Drill und dem Einfluss seines Vaters entfliehen. An seiner Stelle ließ Friedrich I. den Leutnant am 6. November 1730 vor der Bastion Brandenburg enthaupten. Fontane: …(dieser Tag)…veranschaulicht in erschütternder Weise jene moralische Kraft, aus der dieses Land, dieses gleich sehr zu hassende und zu liebende Preußen, erwuchs“.
Die dritte Belagerung Küstrins begann „offiziell“ am 22. März 1945. Damals vereinigte sich die 8. Gardearmee Tschuikows, aus dem Oderbrückenkopf bei Lebus kommend, mit den Truppen der 5. Stoßarmee des Generalleutnants Bersarin (dem späteren ersten Stadtkommandanten von Berlin) bei der Bahnstation Golzow auf dem linken Oderufer. Daraus entstand nun ein einziger großer Brückenkopf, aus dem sich der Angriff auf Berlin formieren sollte. In den Jahren vor 1945 war es in Küstrin - mit Ausnahme der ersten Tage des Polenfeldzuges - ruhig geblieben. Außer ein paar Bombennotabwürfen alliierter Bomber, die kaum Schaden anrichteten, blieb Küstrin eine Idylle. Unverständlich, da die Stadt ein exponierter Verkehrsknotenpunkt war. Fünf große und drei kleine Eisenbahn- und Straßenbrücken überquerten Oder und Warthe. Und ein Turmbahnhof, eine selten praktizierte technische Lösung, kreuzten übereinander wichtige Nord-Süd und Ost-West Bahnlinien.

Die Ausfallpforte der Festung am Oderufer
Bereits am 31. Januar fühlen die ersten russischen Kräfte vor Küstrin vor. Ein ungeheurer Strom aus Flüchtlingen und Wehrmacht wälzt sich auf den drei großen östlichen Straßen auf und durch Küstrin zu. Sechs russische Panzer, Shermans und britische Valentines aus alliierten Lieferungen, kombiniert mit T 34, versuchen die Warthebrücken im Handstreich zu nehmen, werden aber zurückgeschlagen Am nächsten Tag fällt Landsberg, 40 km vor Küstrin gelegen.
In den frühen Morgenstunden beschießen russische Panzer erneut die Küstriner Neustadt.

Unterstand der Festung Küstrin
Gebäudereste der Festung
Am 2. Februar überschreitet die 8. Gardearmee bei Reitwein, 9 km südlich von Küstrin die Oder. Hitler, noch immer wütend über den Verlust Landsbergs , will keine Wiederholung der Ereignisse in Küstrin. Daher sucht er einen Offizier, der seiner Ansicht nach nicht so schnell das Handtuch werfen wird. Er findet ihn in dem 41 jährigen SS Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen - SS, Heinz Reinefahrt. In Hitlers Augen der perfekte Mann. Hatte dieser doch den Warschauer Aufstand 1944 niedergeschlagen und sich bei den Polen den Beinamen „Henker von Warschau“ erworben.

Festung Küstrin
In der ersten Februarwoche versucht die 21. Panzerdivision den Schlauch, der die Verbindung von Seelow nach Küstrin bildet, zu vergrößern. Am 7. Februar nähert sie sich, gegen zähen Widerstand, Gorgast. Erst am 8. Februar abends gelingt eine Vereinigung der deutschen Kräfte bei Bleyen. Aber schon am 10. Februar werden die Panzer herausgezogen und durch die 25. Panzergrenadierdivision ersetzt. Man braucht sie als „Feuerwehr“ bei Glogau.

Oderbrücke vor der Festung
Während der russische Generalstab fieberhaft die Einnahme Küstrins vorbereitet, beginnt man in Küstrin am 19. Februar mit der chaotischen Evakuierung der Neustadt-Bevölkerung. Rund 2.000 bis 3.000 Personen sollen ohne ausreichende Motorisierung durch den Schlauch geschleust werden. Am nächsten Tag sind die 3.000 Bewohner der Altstadt an der Reihe. Nun gehört Küstrin allein dem Militär. Die nächsten Tage sind verhältnismäßig ruhig. Nur Störfeuer geht vor allem auf der Neustadt nieder.

Küstrin Der nordwestliche Eckpfeiler
Am 5. März hebt jedoch ein Feuersturm an, der mit einem 7-stündigem Artilleriefeuer beginnt und mit rollenden Bombenangriffen endet. Fast alle Gebäude der Neustadt werden zerstört. Der nächste Tag ist eine Wiederholung des vorherigen. Mit einer Ausnahme. Es ist doppelt so schlimm. Alles deutet auf den befürchteten Großangriff hin. Reinefahrt will seine Truppen aus der Neustadt in die Altstadt verlegen, wird daran aber vom Korps-Stab gehindert. Am 11. März beginnt der Widerstand der Deutschen in der Neustadt zu schwinden. Im Stab des XI. SS Panzerkorps beginn man schon nach einem Schuldigen des zu erwartenden Verlustes Küstrins zu suchen. Ein Sündenbock muss her und Reinfahrt muss ihn spielen. Im täglichen OKW Bericht spricht man am 10. März von dem „verengten Brückenkopf Küstrin“. Keine Erwähnung Reinefahrts, obwohl andere Kommandanten in ähnlicher Situation schon allein aus Moral stärkenden Gründen lobend erwähnt wurden.

Nordwestlicher Eckpunkt der Festung Küstrin
Küstrin Treppenaufgang
Am 11. März hält die 25. Panzergrenadierdivision einen dünnen Schlauch als Verbindung zwischen Küstrin und dem deutschen Hinterland aufrecht. Am gleichen Tag macht Hitler einen letzten Frontbesuch. In Schloss Harnekop, zehn km südwestlich von Wriezen, trifft er beim Stab des CI. Armee Korps unter General der Artillerie Wilhelm Berlin auf General Busse und seinen Stab. Dies war der letzte Auftritt des Führers. Den Bunker in der Reichskanzlei sollte er nicht mehr verlassen. Am 12. März meldet der russische Generalstabschef Malinin nach Moskau, Stadt und Festung Küstrin seien von der 5. Stoßarmee genommen worden. Eine Falschmeldung; wie sich schnell herausstellen sollte.

Teilansicht der Nordwestmauer
Küstrin Die Ausfallpforte
Die Woche vom 13. auf den 20. März ist von nervöser Spannung erfüllt. Pausenloser Artilleriebeschuss zerrt an den Nerven. Die Landser sind deprimiert auch über die Tatsache, dass sie mit ihren eigenen Granaten beschossen werden. Sie erkennen dies an Sprengstücken mit deutschen Fabrikationszeichen. Was sie nicht wissen ist, dass die 8. Garde Armee in ihrem Angriffstreifen zwischen Posen und der Oder alle erbeuteten Geschütze und die dazugehörige Munition sammelt und verschießt. In den Kämpfen um Küstrin werden ungefähr 65.000 Beutegranaten der Kaliber 10,5 und 15 cm verschossen.

Obersturmbannführer Otto Skorzeny
Einsamer Wächter
Der 22. März signalisiert den Beginn des letzten Aktes. Vier russische Schützendivisionen von Süden und zwei Schützendivisionen von Norden, unterstützt von 100 Panzern und starken Schlachtfliegerverbänden, fegen die 20. Panzergrenadierdivision beiseite. Ein sofort eingeleiteter Gegenangriff durch die 25. Panzerdivision und Teile der Panzerdivision "Müncheberg" schlägt fehl. An der Bahnlinie Tucheband-Golzow wird zur Verteidigung übergegangen.
Damit ist die permanente, nächtliche Versorgung mit Lebensmitteln und Munition, sowie die Verwundeten-Rückführung abgerissen. Am 24. März soll ein weiterer deutscher Entlastungsangriff stattfinden. Diesmal mit Hilfe der Führer -  Grenadierdivision unter Otto Ernst Remer, der wegen seiner Rolle am 20. Juli mit einem Generalsrang von Hitler belohnt wurde. Dieser Angriff wird auf den 27. März verschoben. Mit dabei sind die 25. und 20. Panzergrenadierdivision, die Führer-Grenadierdivision, die Panzer Division Müncheberg und Otto Skorzeny`s Regiment 1001. Doch das Unternehmen bleibt schnell im Feuer der Sowjets liegen.
Am 28. und 29. März liegt die Altstadt unter heftigem Feuer. Zeitweise erreichen bis zu 1.000 Granaten in der Stunde die völlig zerstörte Stadt und Zitadelle. Reinefahrt und seine SS Offiziere sehen den Rückzug,auch gegen den Befehl ihres Führers, als ihren einzigen Ausweg. Am 29. März stürmt die Rote Armee nach heftigstem Granatfeuer gegen die restlichen Verteidiger an. Der Volkssturm kapituliert und auch Reinefahrts Truppe kann sich nach einem letzten Abwehrerfolg nicht mehr behaupten. Nach einem letzten Funkspruch melden sie sich ab: “ Feind steht vor Artilleriekaserne - Insel nicht mehr zu halten. Greife westlich Oder an“. Sie ziehen sich über den Oder-Vorfluter zurück und sprengen die Brücke. Später sammelt man sich in den Kellern der wenigen Gehöfte. Dann versucht man die sieben Kilometer entfernte deutsche Linie zu erreichen. Zunächst kommt man zwei Kilometer voran. Doch dann geht der „stille Nahkampf“ mit Messern, Spaten und Gewehrkolben in eine wüste Schießerei über, die den gesamten Frontabschnitt alarmiert. Schließlich erreichen 32 Offiziere und 965 Unteroffiziere und Mannschaften völlig erschöpft die deutschen Linien.
Der Kampf um Küstrin kostet in den zwei Monaten 5.000 deutsche Soldaten und 6.000 Rotarmisten das Leben. Heinz Reinefahrt erreicht die deutschen Linien bei Seelow. Er wird verhaftet, bleibt aber offensichtlich ohne jegliche Maßregelung für das befehlswidrige Verlassen Küstrins. 1951 wird er Bürgermeister von Westerland (Sylt) und zieht 1958 in den Schleswig Holsteiner Landtag ein.