
Karlshorst
Am 23. April erreichen die ersten russischen Soldaten Karlshorst im Bezirk Köpenick. Die Pionierschule, die ohne einen Kratzer die Kämpfe überstanden hat, wird postwendend von der Sowjet Armee als ihr provisorsisches Hauptquartier in Beschlag genommen. Berühmt wird diese Pionierschule durch die - nach Reims - zweite offizielle Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Bereits am 4. Mai schickt Grossadmiral und jetzige Reichspräsident Karl Dönitz, Admiral von Friedeburg in das Feldlager Montogomery`s in der Lüneburger Heide, um eine Teilkapitulation an der Westfront zu unterschreiben. Gleichzeitig lässt Montgomery alle Luftangriffe und Dönitz den U-Boot-Krieg auf allen Meeren einstellen.
Am Abend des 4. Mai erlässt Dönitz einen Befehl an die Heeresgruppen Mitte, Süd und Südost. In diesem Befehl steht auch: „Wenn ihr nun hört, dass im Norden, Westen und Süden einzelne Armeen die Waffen nach ehrenvollem Kampf niedergelegt haben, so ist das geschehen, weil der Kampf gegen die Westmächte seinen Sinn verloren hat. Denn das einzige Ziel, wofür wir noch kämpfen müssen, ist die Errettung möglichst vieler Menschen vor der Bolschewisierung und Versklavung“. Doch Eisenhower durchschaut Dönitz Absicht einer amerikanischen Teilkapitulation und drängt die deutschen Verhandlungsführer von Friedeburg und Jodl zur sofortigen Gesamtkapitulation. Dönitz hat keine Wahl und in der Nacht von 6. auf den 7. Mai telegrafiert er an Jodl in Reims diese zu unterzeichnen. Es bleiben nun 48 Stunden, die restlichen Verbände an der Ostfront entweder zurück ins Restreich zu holen, oder sich von den Russen zu lösen und den Amerikanern zu ergeben.
Zu diesem Zeitpunkt stehen noch folgende Truppen mit einer Stärke von 1,5 Millionen Mann am Feind. Darunter: 200.000 Männer der Heeresgruppe Kurland unter dem Befehl von General der Gebirgstruppen Volckamer von Kirchsittenbach, 100.000 auf Hela und in den Weichselniederungen unter dem Befehl von General von Saucken, 600.000 Mann der Heersgruppe Mitte unter dem Befehl des neuen Oberbefehlshaber des Heeres, Schörner, 450.000 Mann der Heeresgruppe Südost unter Generaloberst Löhr. Nur ein Bruchteil dieser Mannschaften schafft rechtzeitig den Weg nach Westen. Am 7. Mai, um 02,41 unterschreibt Generaloberst Jodl im Beisein von Admiral Friedeburg und Major Wilhelm Oxenius. Jodl: „Mit dieser Unterschrift sind das deutsche Volk und die deutsche Wehrmacht auf gut oder böse in die Hände der Sieger ausgeliefert“.Auf der Siegerseite sitzen unter anderem Stabschef Bedell Smith in Vertretung General Eisenhowers, der französische General Sevez und als Vertreter der sowjetischen Stavka, General Susloparow.
Stalin tobt. Er hat niemanden authorisiert, eine Kapitulation mit zu unterschreiben. Geschweige denn in einer französischen Stadt. Er zitiert Schukow ans Telefon und erklärt: „Es war das russische Volk, das die schwerste Last des Krieges zu tragen hatte, nicht die Engländer oder Amerikaner. Daher sollen die Deutschen die Zeremonie der bedingungslosen Kapitulation in Berlin, dem Zentrum des Nazitums, wiederholen“. Stalin bestimmt Schukow zu seinem offiziellen Vertreter. Am 9. Mai, um 0.10 befiehlt Schukow die deutsche Delegation hereinzuführen. Generalfeldmarschall Keitel, von Dönitz zum Leiter der Delegation bestimmt, betritt zuerst den Festsaal. Sein Gruß mit dem Marschallstab wird von niemandem erwidert. Neben ihm nehmen Generaloberst Stumpff in Vertretung des verwundeten Luftwaffenchefs Ritter von Greim, sowie der leichenblasse Admiral von Friedeburg Platz. Die Urkunde wird verlesen und Keitel unternimmt den letzten Versuch mehr Zeit zu gewinnen. Die Bitte um eine 24-stündige Frist zur Bekanntmachung an die Armeen wird von Schukow zurückgewiesen. Die Unterschriften werden vollzogen, die Besiegten verlassen den Saal, die Sieger bleiben sitzen.
Laut der Vereinbarung von Reims tritt der Waffenstillstand am 9. Mai um 00.01 in Kraft. Einen Tag später vergiftet sich Admiral von Friedeburg. In den letzten Stunden des 8. Mai verlässt jedes schwimmfähige Schiff und Boot die Häfen Libau und Windau in Kurland, um Schleswig Holstein oder Dänemark anzusteuern. Auf diese Weise gelangen 28.000 Mann noch heim ins Reich. Insgesamt 2,2 Millionen Menschen werden von de Marine aus den eingekesselten Ostgebieten zurückgeholt. 220.000 gehen in Gefangenschaft.Die Armeegruppe Süd-Ost ergibt sich mit 300.000 Mann den Partisanen Titos. Löhr wird standrechtlich erschossen und auch viele seiner Soldaten fallen der grausamen Rache der Partisanen zum Opfer. In Österreich kann General Rendulic seine 600.000 Mann den Amerikanern ausliefern. Heeresgruppe Mitte mit 1,2 Millionen Mann wird von Generalfeldmarschall Schörner im Stich geleassen. Er verschafft sich Zivilkleider, versteckt seine Auszeichnungen und flieht mit einem Fieseler Storch nach Tirol. Dort hat er sich ein Versteck mit Vorräten für ein Jahr eingerichtet. Bergbauern zeigen ihn an und er verschwindet bis 1955 hinter Gittern. Die Masse seiner gefangen genommenen Soldaten kommt nie mehr nach Hause.
Nach der Unterzeichnung der Kapitulation wird Karlshorst Sitz der Sowjetischen Militäradministration. Zwischen 1949 und 1953 ist das Gebäude Sitz der Sowjetischen Kontrollkomission und in den darauffolgenden zwei Jahren Sitz der Hohen Komission der Sowjetunion in der DDR. Heute befindet sich in der ehemaligen Pionierschule ein hervorragend bestücktes und geführtes Museum der Roten Armee.




