
Hochseefestung Helgoland
Als Helgoland noch britische Kronkolonie und die jahrhundertlange dänische Herrschaft fast schon in Vergessenheit geraten war, schrieb Hoffmann von Fallersleben hier im Jahre 1841 das Deutschlandlied. Geradezu ein symbolhafter Vorgang, wenn man sich vor Augen hält, was in den nächsten 100 Jahren geschehen sollte.
Weder die Dänen, noch die Engländer hatten irgendein militärisches Interesse an der Insel. Im Gegensatz zu den Deutschen, die sehr wohl sich der strategischen Lage der Insel bewusst waren. Bereits 1848 schrieb ein Dr. Clement in der Deutschen Marine Zeitung, dass „die Existenz eines Kriegshafens und damit der Besitz Helgolands lebensnotwendig“ sei. Bismarck ließ auch 1870 schon prüfen, ob die Engländer willens seien, die Insel zu tauschen oder zu verkaufen. Doch der Widerhall aus Whitehall war negativ. Erst am 1. Juli 1890 wurde ein Vertrag unterschrieben, der Helgoland gegen Sansibar eintauschte. Am 10. August wurde die Insel offiziell übergeben und Kaiser Wilhelm II ließ es sich nicht nehmen, dem ersten Gottesdienst beizuwohnen und eine Parade der 3.000 angetretenen Marinesoldaten und -matrosen abzunehmen. Die Insel wurde preußischem Recht unterstellt. Früh begann der preußische Fiskus, Grundstücke aus Privathand zu erwerben. Die armen Insulaner erkannten den Zweck nicht und dachten eher an eine mildtätige Unterstützung als ein Konzept. Es sollte nicht lange dauern, bis selbst dem letzten Bürger auf dem Felsen klar war, wohin die Reise führte.
Bereits im Februar 1891 lagen fertig ausgearbeitet Pläne vor, die vorsahen, die Insel zur Festung auszubauen. Im Juni 1891 unterschrieb Wilhelm II einen persönlichen Befehl, der die Aufstellung von vier 21 cm Kanonen L/35 und acht 28 cm Haubitzen, sowie den Bau schusssicherer Unterstände vorsah. Im Sommer des gleichen Jahres begann der Ausbau. Zunächst wurde eine Marinemole gebaut um das Anlanden von Material zu erleichtern. Dann begann man mit dem Minieren eines Tunnels vom Unter- zum Oberland. Damit umging man das Problem, Schwerstlasten wie Geschütze und Panzerplatten über den Klippenrand hieven zu müssen. Schienen und eine Förderwinde ergänzten den Tunnel.
In den nächsten Jahren wurde Helgoland systematisch aufgerüstet. Doch bereits 1906 war klar, dass die rasante Entwicklung der Waffentechnik eine grundsätzliche Renovierung der Küstenbefestigung nach sich ziehen musste. Den Anfang machte der Ausbau des Hafens. Bis 1914 entstanden durch Spülungen 20 Hektar neues Land. Weitere 35 ha wurden durch Mauern zu Häfen verändert, die in den nächsten Monaten zu Scheiben-, Torpedo- und U-Boothafen ausgebaut wurden. Dann begann die Errichtung der eigentlichen Geschützanlagen.
Auf dem Oberland entstanden die Nord- und Südgruppe mit jeweils zwei 30,5 cm Doppeldrehtürmen, die Krupp in Essen fertigte. Weiterhin wurden jeweils zwei 21 cm Kanonenstände eingebaut und eine 28 cm Haubitzen Batterie mit acht Geschützen positioniert. Am Nordende befanden sich die Kommandeurstände der Nord – und Süd-Gruppe. Alle Stellungen waren durch Hohlgänge miteinander verbunden. Flak Stände rundeten das Bild ab. Unter der Südgruppe, tief im Fels, befand sich der so genannte Untertreteraum mit Kommandeurständen A.I und B.I. und ein wenig weiter westlich die Raumanlage. An den Fels der Südspitze wurde zu guter letzt auch noch eine bombensichere Energiezentrale gebaut, die mit ihrer 1.800 PS Anlage die Stromversorgung sicherte. Auch eine Seeflugstation wurde innerhalb des Hafenbereichs eingerichtet.
Als der Krieg ausbrach, evakuierte man die gesamte Inselbevölkerung binnen 24 Stunden. Sie sollten ihr Eiland vier Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen. Der erste große Einsatz, der eigentlich keiner war, ereignete sich am 28. August 1914. Englische Einheiten waren bis auf wenige Seemeilen an Helgoland herangekommen und versenkten die deutschen Kreuzer „Köln“, „Ariadne“ und „Mainz“, sowie das Torpedoboot „V 187“. Die Festung schwieg jedoch wegen dichten Nebels! Drei Monate später, am 24. November 1914, werden in Nordordwest vier Zerstörer gesichtet. Gegen 11.15 hatten sich die Schiffe soweit genähert, dass die Nordgruppe mit ihren 30,5 cm Geschützen das Feuer eröffnete. Dies waren die einzigen Schüsse, die während des ganzen Krieges von Helgoland abgefeuert wurden. Im weiteren Verlauf des Krieges verlor Helgoland seine Bedeutung wegen der Verminung der Deutschen Bucht. Die Insel verkam zur Etappe.
Aufgrund des Versailler Vertrages begannen die Engländer den Hafen mit all seinen Bauten zu zerstören. Sämtliche Hochbauten wurden bis auf den Grund abgetragen, die Geschütze verschrottet und die Hohlgänge, Tunnel und unterirdischen Lagerräume zum Teil gesprengt. Elektrische Anlagen und Geräte wurden verkauft, Kommandeurstände mit Beton verfüllt. Die Raumanlage blieb trotz einiger Sprengungen weitestgehend erhalten. Am 30. September 1921 verließ der „Interalliierte Unterausschuss für Helgoland“ die Insel. Die Bevölkerung, die bereits direkt nach Waffenstillstand am 9. November 1918 zurückkehrte, war schockiert. Vier Jahre Krieg hatte die meisten Häuser verkommen lassen.
Die Friedensphase nach dem Ende des 1. Weltkrieges dauerte für die Helgoländer zu kurz. Bereits kurz nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht begannen 1934 Planungen für die Wiederaufrüstung. Ein Jahr später starteten die Aufräumungsarbeiten. 1937 forcierten Marinearbeiter die Wiederherstellung des Hafens. Im Herbst des gleichen Jahres wurde das Festungswerk Schröder einsatzbereit. 1938 begannen die Arbeiten an der Batterie Jacobsen. Im gleichen Jahr waren auch die Flak Batterien einsatzbereit, die jedoch zum Teil mit Geschützen aus dem Weltkrieg bestückt waren. Diese wurden 1939 gegen fabrikneue ausgetauscht.
Das gigantischste Unternehmen, welches auf Helgoland geplant wurde, erhielt den Decknamen „Hummerschere“. Offensichtlich hatte der Planungsstab noch keine Ahnung von Hitlers Kriegsplänen, denn der erste Bauabschnitt sollte erst 1941/42 beginnen. Der zweite Abschnitt war für 1944 vorgesehen, der dritte für 1948. Die Pläne, die der OB Marine, Großadmiral Raeder, in einer Niederschrift 1937 darlegte, sahen eine Vergrößerung Helgolands um das drei- bis vierfache. Neue Molen sollten sich bis zu 3, 6 km in nördliche Richtung beiderseits der Felsen- und Düneninsel erstrecken. Dazwischen sollte Sand aufgespült werden. Dieser „Einsatzhafen Helgoland“ wäre groß genug gewesen, fast die gesamte Hochseeflotte aufzunehmen. Die Kais waren bereits so dimensioniert auch die größten Schlachtschiffe der H-Klasse dort hätten anlegen können. Zum Schutz dieser gigantischen Anlage wollte man eine weitere Batterie der Größenordnung „Von Schröder“ auf der Hauptinsel und eine dritte Anlage der gleichen Größe in der Mitte der neuen Nordwestmole platzieren. Ebenso waren eine weitere 17 cm Sperrbatterie im neuen Hafengelände und eine Verdoppelung der Flak Geschütze vorgesehen.
Bereits 1936 hatte man drei 30,5 cm Langrohrgeschütze von ihrer Heimatbatterie „Friedrich August“ auf Wangerooge nach Helgoland gebracht. Diese Geschütze, Baujahr 1913, konnten entweder schwere Granaten (Ladungsgewicht 405 kg) 32 km weit verschießen, oder leichte Ladungen 51,4 km weit. Das Einrichten und Anschießen der Geschütze geschah Juli 1937. Als Zielschiff diente ein von einem Torpedoboot ferngesteuertes Zielschiff, die „Zähringen“. Neben einem traditionellen optischen Entfernungsmesser war auch ein „Würzburg Riese“ für die Zielsuche verantwortlich. Unterirdische Verbindungsgänge verbanden alle drei Türme mit dem Rest der Batterie.35 Mann waren für die Bedienung dieses Riesen notwendig, die von dem Batteriechef, Kapitänleutnant Dr. Huppert geführt wurden. Gegen Ende des Krieges, die Vorbereitungen waren schon angelaufen, sollten diese Geschütze gegen modernere 40 cm Giganten ausgetauscht werden.
Kurz vor Kriegsbeginn begannen auch die Planungen für einen U-Boot-Bunker. Im Winter 39/40 begannen die eigentlichen Arbeiten, die nicht wie vielfach vermutet von der Organisation Todt, sondern von zivilen Firmen ausgeführt wurden. Trotzdem wurde das Schema dieses Bunkers zum Vorbild für die großen Bunker an der Atlantikküste. Der Bunker mit dem Namen „Nordsee III“ bestand aus drei Boxen, die je drei Boote aufnehmen konnten. Ein Schwimmdock war in der Box A untergebracht, um Arbeiten unter der Wasserlinie durchführen zu können. Im Dezember 1941 war der Rohbau fertig. Januar 1942 war er einsatzbereit. Der Bunker wurde jedoch nie seiner eigentlichen Bedeutung gerecht, da die Großbunker am Atlantik die Hauptlast der Atlantikschlacht zu tragen hatten.
1945 erwartete das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) eine alliierte Landung an der Nordseeküste. Um diese Landung abwehren zu können, wurden K-Verbände nach Ijmuiden Holland) und Helgoland verlegt. Unter dem K-Verband verstand man Kleinst U-Boote vom Typ "Seehund“ und „Molch“. Der Verband stand unter dem Kommando von Vizeadmiral Heye, dem späteren ersten Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.
Ein weiterer K-Verband waren die Sprengboote, auch „Linse“ genannt. Diese, dem japanischen Kamikaze Vorbild sehr nahe stehend, sollten in Dreiergruppen zum Einsatz kommen. Ein Kommando Boot mit Fahrer und zwei Funkern bildete den Kern, zwei weitere, besetzt mit je einem Fahrer, sollten ihre Sprengstofflast von 400 kg auf ein Ziel zusteuern und kurz vor dem Einschlag abspringen. Per UKW Funk wurden die Boote dann von einem der beiden Funker übernommen und ins Ziel gesteuert.
Die Briten hatten einen enormen Respekt vor diesen „Linsen“ und versuchten jede noch so abenteuerliche Variante, um die Gruppe im Bunker auszuräuchern. Einer dieser Versuche trug den Decknamen „Aphrodite“. Dahinter verbarg sich der Einsatz ferngesteuerter B-24 Liberator 4-mot Bomber, die mit Bomben beladen, in den Bunker gesteuert werden sollten. Der erste Versuch wurde am 3. September 1944 gestartet. Bei diesem Angriff wurde der Liberator von der deutschen Flak in Brand geschossen und stürzte auf der Düneninsel ab. Sein Leitwolf, eine Mosquito, wurde ebenfalls getroffen, konnte aber entkommen. Drei weitere Angriffe fanden am 11. September, am 15. und am 30. Oktober statt. Alle mit dem gleichen Ergebnis. Sie wurden abgeschossen.
Die letzten Aktionen, die der Bunker noch erlebte, war am 30. April die Ankunft von vier II D U-Booten, die vor Helgoland Schnorchelübungen gefahren hatten. Nach der Kapitulation
kamen drei weitere Boote, die eigentlich nach Norwegen wollten, in den Bunker.
Die Düne spielte ebenfalls eine große Rolle im Leben Helgolands. 1937 wurde zunächst ein Hafen gebaut, um Baumaterial anlanden zu können. Dann wurde Sand aufgespült, der die Düne um ein Vielfaches vergrößerte. Im Juni 1941 wurde eine X förmige Landebahn aus Beton gebaut, die am 21. August die erste Me 109 aufnahm. Da die Landebahn sich als zu kurz erwies, wurde sie 1943 verlängert und im April des gleichen Jahres fertig gestellt. Damit standen 795 m Betonpiste zur Verfügung.
Die eigentliche Kriegszeit begann für Helgoland mit einem britischen Angriff am 3. Dezember 1939. 21 englische Bomber griffen Düne und Insel an. Ein Minenboot wurde versenkt, und Einschläge wurden neben der Batterie v. Schröder, der Westmole und auf der Düne gezählt. Zum Glück gab es weder Tote, noch Verletzte. Kriegseinsatz sahen die Helgoländer erst wieder 1943. Damals wurde im April die Jagdstaffel „Helgoland“ auf die Düne verlegt, wo sie bis Oktober einfliegende Bomber attackierte. Die Staffel bestand aus einer Reihe von Me 109 T. Ein Typ, der speziell für den Einsatz auf dem Flugzeugträger „Zeppelin“ gebaut worden war. Nun war die Düne der Flugzeugträger. Zunächst waren vier Maschinen stationiert, später bis zu 16. Ihr „Casino“ war die Gaststätte „Mokkastube“ auf dem Oberland, die auch heute noch besteht.
Das Ende für Helgoland und ihre Bewohner kam in Form eines verheerenden Bombenangriffs am 18/19. April 1945. Insgesamt 981 Maschinen flogen diese sinnlosen Angriffe, der 18 Zivilisten und 50 Soldaten tötete. 95% aller Häuser waren zerstört. Der erste Angriff am 18. wurde zwischen 12.25 und 13.55 geflogen, der zweite am nächsten Tag erfolgte zwischen 17.08 und 17.36. Angriff Nr. 1 galt den Geschützen, Hafen und Düne, Angriff Nr. 2 dem U-Boot-Bunker und den Seezielbatterien. Dabei wurden überwiegend "Grand Slam"- Bomben abgeworfen, die aber keinen Durchschlag auf dem Bunker erzielten. Die Infrastruktur der Insel war derart ramponiert, dass der Festungskommandant die Evakuierung der 2.000 Zivilisten beantragte. Diese geschah dann auch in den Nächten vom 19-21 April 1945. Wenige Tage später war der Krieg beendet. Am 16. Mai 1945 verließen die letzten Angehörigen der Marine, Korvetten Kapitän Matthies und 14 Mann, darunter die letzten drei Insulaner, Helgoland. Die Insel war wieder britisch.
Doch der Vorhang zum letzten Akt des Dramas war noch nicht geschlossen. Zunächst wurde auf Grundlage des Potsdamer Abkommens unter dem Code Namen „Big Bang“ die Entwaffnung, Schleifung und Sprengung sämtlicher militärischer Anlagen in Angriff genommen. Alles wertvolle wie Maschinen und Ausrüstung wurde demontiert und aufs Festland gebracht. Dann begann man die unterirdischen Anlagen auf eine Sprengung vorzubereiten . Neben der noch vorhandenen deutschen Munition schaffte man weitere 3.183 t Explosivstoffe zur Insel. Insgesamt wurden 3997 t in den Hohlräumen der Insel deponiert in der Hoffnung, die gesamte Insel Helgoland in den Orbit jagen zu können.
Am 18. April 1947 war es dann soweit. Niemals zuvor war solch eine Menge konventionellen Sprengstoffes zur Zündung gebracht worden. Allein deswegen wurden seismologische Stationen im Umkreis von bis zu 1.000 km alarmiert. Die Explosion war dann auch, laut Guinness-Buch der Rekorde, die größte nichtatomare Explosion der Geschichte. Der Knall war noch in Cuxhaven zu hören gewesen. Doch die Absicht der Briten, das Eiland zu atomisieren, misslang. Der poröse Fels ließ den Druck nach oben und seitlich entweichen, sprengte die gesamte Südklippe mit allen unterirdischen Anlagen wie die Raumanlage, sowie die Batterie Jacobsen, die angrenzende 17 cm Geschützstellungen und Flak Batterien in die Luft. Vom Hafen bis zum Leuchtturm entstand ein monströser Krater, der den Süden der Insel heute bestimmt. In den folgenden Jahren benutzte die Royal Air Force die Insel als Bombenzielgebiet bis endlich am 1. März 1952 den Insulanern die Rückkehr zur ihrer Insel gestattet wurde.



























