
Wilhelmshaven erster deutscher Marinestützpunkt
Der erste deutsch-dänische Krieg der Jahre 1848/50 machte deutlich, wie schutzlos die deutschen Küsten gegenüber Invasionen oder Blockaden waren. Unter großer Geheimhaltung kam es 1852 zwischen dem Königreich Preußen und dem Großherzogtum Oldenburg zu ersten Verhandlungen über ein Gelände am Jadebusen auf welchem eine Festung zum Küstenschutz errichtet werden sollte. Am 20. Juli 1853 wurde der Vertrag ratifiziert und publiziert. Bis zu diesem Zeitpunkt unterlag dieses Gelände ausschließlich landwirtschaftlicher Nutzung. Militärische Bedeutung erhielt es unter Napoleon, als er 1810, zur Zeit der Kontinentalsperre, eine Batterie mit 17 Kanonen dort installieren ließ.
1864 wurde das Gebiet durch einen neuen Vertrag um weitere 110 ha Land erweitert und 1869 in Wilhelmshaven umbenannt. Stadtrecht erhielt es 1873 und im April 1874 wurde der erste Bürgermeister eingeführt. In den kommenden Jahren wurde Wilhelmshaven systematisch ausgebaut. Der Plan einer Festung wurde fallengelassen. An dessen Stelle entstanden Kasernen, Lazarette, Kommandogebäude, Marineobservatorium, Marineschulen, Seemannshaus, eine Marineintendantur, Offizierskasino, Waschanstalt, Marinesportanlage, Exerzierhallen, Depots, Marineämter und vieles mehr.
Die Gezeiten und das Strömungsverhalten spielten immer eine große Rolle in Wilhelmshaven. Um die Strömung vor den Hafeneinfahrten zu verstärken, damit Sedimentablagerungen vermindert würden, wurde bereits 1892 mit dem Bau eines 5,8 km langen Leitdammes begonnen. Dieser und die später errichteten Molen der 2. und 3. Einfahrt brachten das erwartete Ergebnis. Anders sah es in den Außenjade aus. Dort musste wegen der ständigen West-Ost-Sand-Wanderung gebaggert werden. Doch auch hier fand man bereits 1908 eine Lösung. Man baute, um den Sand frühzeitig aufzufangen, auf der Wattinsel Minser Olde Oog ein Geflecht aus Leitdämmen und Buhnen, die so genannte „Spinne“. Bis 1914 waren die Arbeiten recht weit gediehen, aber noch nicht vollendet. Nach Kriegsende ruhten alle Arbeiten. Erst als 1926 Ersatz für den Bagger kam, der als Reparation an die Franzosen abgegeben werden musste, konnte die Rinne vertieft werden. 1942 war sie 10 m tief. Später wurden keine Baggerarbeiten mehr ausgeführt. Die Engländer sprengten nach Kriegsende die „Spinne“ gegen jede Vernunft. Doch noch immer trug das Bauwerk Früchte. 1952 war die Fahrrinne immer noch 12 m tief. Heute beträgt die Breite und Tiefe der Fahrrinne 300 m, beziehungsweise 20 m.
Erst um das Jahr 1870 begann Wilhelmshaven Formen anzunehmen. Die Werft und die erste Einfahrt entstanden. Am 22. November wurde die Schleuse in Dienst gestellt. Als erstes Schiff lief die Schraubenfregatte „Elisabeth“ ein. Einen Monat später folgte die Panzerfregatte König Wilhelm, die seit Juli auf Reede liegt und rund 60 Tonnen Muschelbelag angesetzt hatte. Um ihr die Einfahrt zu ermöglichen, musste man sie leichtern. Ein Hinweis, dass die Einfahrt schon jetzt den Ansprüchen nicht mehr genügte.
Im November 1886 wurde im Zuge der großen Erweiterungsbauten die zweite Schleuse in Betrieb genommen. Doch auch diese erwies sich beim Auftauchen der Dreadnought – Klasse als zu klein. Wieder wurde der Hafen erweitert und als Radikallösung (lichte Schleusenlänge 250 m) die III. Einfahrt gebaut. Am 1. Oktober 1909 wurde sie eingeweiht. Mit dieser Ausbaustufe bot der Hafen ein völlig neues Bild. Drei Becken mit Tiefen von 7,50 m bis zu 11 m boten der deutschen Hochseeflotte Platz. Der Große Hafen (ab 1935 Hipper Hafen), der Zwischenhafen (ab 1935 Scheer Hafen) und der Westhafen, später Tirpitz Hafen genannt. Die Gesamtuferlänge betrug 6,4 km. Auf dem Nordufer des Großen Hafen baute man ein großes Torpedolagerhaus, sowie drei Öltanks. Eine 19 m tiefe Dockgrube für das geplante 40 000 t Schwimmdock wurde ebenfalls gebaut. Bereits 1907 wurde in Anwesenheit Kaiser Wilhelm II. die gleichnamige Brücke eingeweiht. Ein Wahrzeichen, welches bis heute erhalten ist. Damals war sie die größte Drehbrücke der Welt.
Erst 1936 begannen weitere Vergrößerungen der Werft und Hafenanlagen. Um die späteren Großkampfschiffe der H Klasse und Flugzeugträger fassen zu können, begann man mit der 4. Schleuseneinfahrt, die später den Namen Raeder Schleuse erhielt. In diesen Planungen nahm auch eine Riesenwerft und der damit verbundene Nord Hafen Gestalt an, auf der die H-Einheiten gebaut werden sollten. Doch sollten diese Bauten nie verwirklicht werden.
Die Werft, die1871 ihre Arbeit aufnahm, wurde schon bald nicht mehr ihren Ansprüchen gerecht. 1880 entstand nahe der späteren Einfahrt I eine Torpedobootswerft. Im Zuge des 3. Bauabschnittes kam die UTO Werft hinzu, die sich auf U-Boote und Torpedoboote spezialisiert hatte. Sie nahm zu Beginn des 1. Weltkrieges ihre Arbeit auf. Danach entstanden die Docks IV – VI und das 40 000 t Schwimmdock. Nach dem Krieg wurde aus der UTO Werft ein ziviler Betrieb für den Bau von Fischereifahrzeugen. Daneben blühte das Schrottgeschäft, da Deutschland wegen des Versailler Vertrages 112 Kriegsschiffe und 82 Handelschiffe abwracken musste.
Erst Mitte der 30er Jahre begann mit dem Z-Plan eine neue Blütezeit der Werft. 1937 waren bereits 7.000 Mann auf ihr beschäftigt. Die späteren Beschäftigungszahlen schwanken erheblich, da die Marine mit Auskünften sehr zurückhaltend war. Fest steht, dass Dezember 1940 rund 42.000 Mann mittel oder unmittelbar für die Marine und deren Dienststellen tätig waren. Von 1871 bis Mai 1945 wurden auf den Werften insgesamt 165 Schiffe und Boote gebaut. Neben dem Schlachtschiff Scharnhorst (1936) lief als größter Einzelbau am 1. April 1939 das Schlachtschiff Tirpitz vom Stapel. Das größte Schiff, das bis Ende des 1. Weltkrieges gebaut wurde, war der große Kreuzer Hindenburg, der am 1. August 1915 getauft wurde.
Eine besondere Erwähnung gebührt der geplanten Nord Werft. 1936 erhielt die Hafenneubaudirektion Wilhelmshaven den Befehl vom Oberkommando der Marine (OKM) eine neue Werft zu errichten, die Kampfschiffe der Bismarck-Klasse und größer bauen sollte.
Der vorhandene Nord Hafen sollte erweitert und drei neue Docks (VII, VIII, IX) gebaut werden. Die Nordseite des Nord Hafens blieb ausgespart, um später eine noch größere Schleuse V bauen zu können. Als Liegeplatz für Flugzeugträger war die Westseite von der IV. Einfahrt vorgesehen. Nach den Planungen sollte die neue Werft 1943 fertig gestellt sein und mehr als 30.000 Arbeiter beschäftigen. Um die Dimension zu verdeutlichen, hier eine Datenaufzählung der geplanten Großkampfschiffe:
O – Q 35 400 t, 256 x 30,0 x 8,0 m
H – N 62 600 t, 278 x 37,0 x 11,2 m
H 41 74 800 t, 282 x 39,0 x 12,2 m
H 42 96 500 t, 305 x 42,8 x 12,7 m
H 43 118 110 t, 330 x 48,0 x 12,9 m
H 44 139 272 t, 345 x 51,5 x 13,5 m
Am 15. Februar 1946 kam das endgültige Aus für die Werft. Der Belegschaft (14 000 Mann) wurde gekündigt, das Gerät demontiert und den Russen übergeben.
















