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Zarizyn - Stalingrad - Wolgograd

Stalingrad vor dem Krieg
Im Jahre 1589 wird erstmalig schriftlich die Gründung einer Stadt am Knie der Wolga erwähnt, an einem "Übergang", wo Schiffe von Schleppern aus diesem Strom in den Don herübergezogen wurden. Dieser Übergang wurde bereits seit dem Altertum von nomadisierenden Völkergruppen benutzt, hier verliefen viele Handelswege nach Griechenland, Rom und Byzanz. Später eroberten tatarische und mongolische Heere das Gebiet, es wurde zum Stammland der Goldenen Horde. Nach der Eroberung durch das Russische Reich errichtete man  zum Schutz der Handelswege eine Hölzerne Festung. Der Name der Stadt, "Zarizyn" hat nichts, wie oft irrtümlich geglaubt wird, etwas mit der Zarenfamilie zu tun, sonder entstand aus dem Zusammenklang der tatarischen Wörter "sary" (gelb) und "su" (Wasser).
 

Stalingrad gestern
Der Sekretär der holsteinischen Botschaft beschrieb die Stadt 1636 wie folgt: "Sie liegt am rechten Ufer auf einem kleineren Hügel, der in Form eines Parallelogramms erbaut ist, mit sechs Bollwerken und Türmen, die nur von Schützen besiedelt sind, deren Anzahl etwa 400 beträgt."
 

Stalingrad
Über Jahrhunderte gab es im Gebiet um die untere Wolga Volksunruhen, die meist von Stjepan Rasin oder Jemeljan Pugatschow angeführt wurden. Seit der Herrschaft Peter I. erlebt die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt die Besiedlung der gesamten unteren Wolga, teilweise auch durch deutsche Siedler, die von Katharina II. ins Land geholt wurden. Unweit Zarizyns gründen Herrnhuter (die Herrnhuter Brüdergemeinen bilden eine aus dem Pietismus und der tschechischen Reformation herkommende christliche Glaubensbewegung innerhalb der protestantischen Kirche) aus Sachsen 1765 die deutsche Siedlung Sarepta. Ab 1862 verbinden Eisenbahnlinien das Gebiet mit Moskau, Riga und dem Kaukasus. Zaryzin wird ein Industriezentrum mit Anlagen zur Erdölverarbeitung, Fischfabriken, einer Holzindustrie und Handelsagenturen. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts werden ein Straßenbahnnetz, Telefonverbindungen und Wasserleitungen installiert. Kultur und Wissenschaft werden von der reichen örtlichen Oberschicht gefördert, die Bevölkerung wächst stürmisch. Nach Meinung von Zeitgenossen besaß Zaryzin die schönste und bestausgebaute Uferstraße an der Wolga.
 

Stalingrad
Doch die Industrialisierung führt auch zu einer Verelendung des Proletariats, die in Protestaktionen und Unruhen ihren Ausdruck findet. Nach der niedergeschlagenen Revolution von 1905 siegt 1917 auch an der Wolga die Sowjetmacht, muss sich aber unter großen Verlusten im folgenden Bürgerkrieg behaupten.
 

Stalingrad
Mitte der 20er Jahre beginnt eine zweite Industrialisierungsphase. Mit Hilfe des US-Konzerns Ford entsteht ein riesiges Traktorenwerk. 1925 wird Zaryzin in Stalingrad umbenannt. In diesen Boom-Jahren werden viele historische Stadtviertel abgerissen. Für die wachsende Bevölkerung werden große Mietshäuser im Geschmack jener Zeit errichtet. Das Gesicht der Stadt ändert sich rasant.
 

Stalingrad
Bevor sich die deutschen Truppen nähern, war Stalingrad bereits ein wichtiger Rüstungs- und Umschlagplatz der Sowjetunion. Schon Anfang 1942 werden in dem Traktorenwerk Dscherschinski monatlich 250 T 34 produziert. Über Stalingrad und die Wolga laufen Transporte von bald 30 Millionen Tonnen, davon fast 9 Millionen Tonen Öl. Auch Weizen aus der Ukraine und dem Kuban, sowie Manganerze werden über Stalingrad nach Norden verschifft. 1942 zieht sich die Stadt wie ein Band von 500 – 4.000 m Breite und fast 60 km Länge auf dem steilen Westufer der Wolga entlang von dem Fluss Mokraja Metschetka im Norden bis zum Städtchen Krasnoarmeisk iim Süden. Im Stadtkern, umrahmt von Grünanlagen, liegt der Rote Platz; hier an der Ecke, im Kaufhaus Univermag, wird die letzte Zuflucht des Feldmarschall Paulus und seines Stabes sein. Daneben steht das im klassischen Stil erbaute Gorki Theater. Die Wolga bei Stalingrad ist zwischen 1.000 m und 2.000 m breit und zwischen 5 m und 24 m tief. Brücken gibt es im Jahre 1942 keine.
 

Pavlova
Die Häuser der Stalingrader Vororte sind fast alle aus Holz erbaut und brennen schon bei den ersten Luftangriffen nieder. Steinbauten findet man fast nur in den Arbeitersiedlungen, den Industriebezirken und im Stadtzentrum. Typisch sind die schmalen, rechteckigen Häuserviertel, die langen geraden Haupt- und die kurzen Querstrassen. Das offene Steppengelände westlich der Stadt ist von Balkas durchschnitten, im Norden ist es von Buschwerk bedeckt. Wald gibt es kaum, nur Obstgärten sind häufig anzutreffen Ein Höhenzug westlich der Stadt begünstigt die Angreifer, da sie von dort aus mit ihren Batterien die Stadt bestreichen können. Daneben geben die Höhen Schütz, um Umgruppierungen vornehmen zu können. Das steil abfallende Wolgaufer, fast 150 m hoch, gibt jedoch den Verteidigern einen hervorragenden Schutz, den die deutsche Artillerie nicht erreichen kann. Hier liegen die meisten Stäbe und Versorgungsdienste. Gegen Luftangriffe ist man jedoch auch dort hilflos.
 

Am Wolgahafen
Im Norden erhebt sich der vor Jahrhunderten zu Ehren des Tatarenfürsten Mamai aufgeschüttete Kurgan Hügel, ein beliebtes Ausflugsziel der Stalingrader. Während der Schlacht um Stalingrad ist er im Sprachgebrauch der Militärs nur die Höhe 102 und ist der wichtigste strategische Punkt von Stalingrad. Von hier aus kann man nämlich den Fluss innerhalb Stalingrads unter Kontrolle halten, und bietet einen unbegrenzten Blick in das Land auf dem linken Wolgaufer, das sich flach wie Brett bis zum Horizont ausdehnt.
 

Planetarium
Verkehrstechnisch verfügt die Stadt neben dem Fluss über zwei große Bahnhöfe für Güter- und Personenverkehr. Der Hauptbahnhof, auch als Nr. 1 bezeichnet, liegt im Zentrum, Nr. 2 im südlichen Stadtteil. Um beide soll heftige gekämpft werden. Zwei Flugplätze liegen ebenfalls in der Nähe der Stadt. Ein kleiner, in direkter Nähe der Stadt, heißt Stalingradski, der andere, etwa acht Kilometer entfernte Platz nennt sich Gumrak. Dort, in einem Erdbunker am Rande des Flugfeldes, wird auch Ende November 1942 der Befehlsstand der 6. Armee eingerichtet. Das noch weiter westlich liegende Flugfeld Pitomkin wiederum wird Schauplatz der verzweifelten Luftversorgung werden. Unkenntnis über die hier vorherrschenden Wetterverhältnisse wird zum Scheitern der Luftversorgung beitragen. Für den Einsatz deutscher Flugzeuge im Herbst und Winter 1942 ist von entscheidender Bedeutung, dass der Don mit seinen etwa 10 km breiten Niederungen und die Wolga eine Wetterscheide bilden. Daher können Flugzeuge häufig wegen dichten Nebels westlich des Dons nicht starten, während es in Stalingrad sonnig ist, oder umgekehrt. Die Landenge zwischen den beiden Strömen ist die Schleifzone, wo der kalte kontinentale Ostwind und der maritime Westwind aufeinander treffen.
 

Panorma der Schlacht
Während der Stalingrader Schlacht 1942/43 wird die Stadt fast vollständig zerstört, große Verluste unter der Zivilbevölkerung sind zu beklagen, auch deswegen, weil die sowjetische Führung die Evakuierung zu spät einleitet.
 

Im Inern des Mamajew Monuments
Nach dem Krieg wird Stalingrad völlig neu und verändert wieder aufgebaut. Das Zentrum wird geprägt durch pompöse neoklassizistische und neobarocke Bauten im "Stalin-Stil". Zahlreiche deutsche Kriegsgefangene müssen beim Wiederaufbau helfen. Erneut steigt die Stadt zu einem industriellen Schwerpunkt auf. In der Folge der Entstalinisierung wird sie unter Chruschtschow 1961 in Wolgograd umbenannt.
 

Statue „Mutter Heimat ruft auf“
Heute breitet sich das Stadtgebiet ca. 90 km am Wolgaufer aus. Hier wohnen mehr als eine Million Menschen. Mehrere Theater, Hochschulen und eine Universität prägen das kulturelle und geistige Leben der Stadt, in der die Veränderungen seit den Umbrüchen in den 90er Jahren auf neue Entwicklungen, aber auch auf neue Konflikte verweisen.

Wolgograd unterhält Städtefreundschaften in Deutschland mit Köln und Chemnitz.