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Die "Zauberhöhle"

Nordhausen vor dem Krieg
1917 begannen die Badische Anilin und Soda Fabriken (BASF) nach Anhydrit im Kohnstein, nahe der Stadt Nordhausen zu graben. Anhydrit wird zur Gewinnung von Ammoniak benötigt, einem wichtigen Grundstoff von Explosivstoffen. Dabei blieben eine Reihe von Tunnel als „Abfallprodukt, in dem Berg zurück..
 

Der Kohnstein am Wipperdurchbruch
1934 wurden diese Tunnel von der Wirtschaft und Forschungsgesellschaft mbH (WiFo) gekauft und zu einem bombensicheren Treibstofflager ausgebaut. Diese Einrichtung erhielt en Namen „Ni“, möglicherweise nach dem nahe gelegenen Dorf Niedersachsenwerfen.
 

1935 wurde beschlossen, das Kohnsteinsystem massiv zu erweitern. Zwei parallele Stollen, “A” und “B”, wurden gegraben. Diese Paralleltunnel wurden mit Verbindungsstollen verbunden. Insgesamt entstanden so 46 Kammern. Die Anlage mit dem Decknamen „Ni 109“ war groß genug, einen doppelgleisigen Bahnanschluss aufzunehmen.
 

Albert Speer
Nach dem massiven Bombenangriff vom 17./18. August 1943 waren die Deutschen gezwungen, sich nach unterirdischen Fertigungsstätten, nicht nur für die V-2, sondern für alle anderen Hitech-Waffen, umzuschauen. Während eines Meetings am 26. August 1943 wurde der Kohnstein für dies Vorhaben ausgesucht. Diese Anlage wurde ab sofort Mittelwerk genannt Nach einem Treffen Himmlers mit Hitler am 18. August 1943 informierte dieser den Reichsminister für Munition und Bewaffnung, Albert Speer, dass die SS die Produktion der V-2 übernommen hätte und SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler Chef des Komplexes Mittelwerk mit sofortiger Wirkung die Leitung der produktion übernommen hätte. Kammler hatte bis dahin den Bau der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Maidenek und Belzec geleitet.
 

General Walter Dornberger.
Dornberger und von Braun versuchten lange den Avancen der SS zu widerstehen. Doch in der Nacht zum 13. März 1944 wurden Wernher von Braun, sein Bruder Magnus, Klaus Riedel und Helmut Gröttrup von der SS verhaftet und in ein Gefängnis in Stettin gebracht. Ihnen wurde vorgeworfen, sich statt mit der Waffenentwicklung mehr mit der Weltraumfahrt beschäftigt zu haben. Doch General Dornberger gelang es, die Inhaftierten wieder frei zu bekommen. Doch von Braun und Dornberger hatten die Warnung verstanden. Diesen Vorgang haben Verteidiger von Braun´s häufig als Beweis für von Brauns differenzierter Einstellung zu den braunen Machthabern herangezogen. Doch muss darauf hingewiesen werden, dass von Braun bereits seine opportunistische Einstellung damit bewies, dass er am 12. November 1937 einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP stellte und rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen wurde. Drei Jahre später, am 1. Mai 1940 trat Wernher von Braun mit dem Rang eines Untersturmführers der SS bei. Im Jahre 1943 war er bereits Sturmbannführer. Seine späten Beteuerungen, er habe keine Ahnung von dem Martyrium der Zwangsarbeiter in Nordhausen gehabt, kann nicht stimmen, denn es ist historisch belegt, dass „von Braun persönlich im KZ Buchenwald Häftlinge für die Produktion ausgesucht hatte“ schrieb Professor Rainer Eisfeld in seinem Buch "Mondsüchtig".
 

Ein Heer von Sklaven für den Wahn vom Endsieg

V 2 Diagram
Der amerikanische Historiker Michael J. Neufeld ("Die Rakete und das Reich") präsentierte ebenfalls zahlreiche Belege für die "tiefe Verstrickung" von Brauns in den Einsatz von KZ- Häftlingen. Dagegen fand er keine Hinweise, dass er sich um eine Verbesserung ihres Martyriums eingesetzt hätte.
 

Einer der beiden Tunneleingänge von Nordhausen
Arbeitskräfte für die Produktion der V-2 zu finden wurde 1943 ein immer größeres Problem. Im April erfuhr Arthur Rudolph, Chefingenieur in Peenemünde, von der Verfügbarkeit von Arbeitssklaven aus den Konzentrationslagern und begann enthusiastisch für deren Einsatz im V-2 Mittelwerk zu werben. Schließlich kam die SS dem nach und die ersten Häftlinge aus Buchenwald trafen am 28. August 1943 in Nordhausen ein. Das Buchenwald-Unterlager erhielt den Namen Dora. Bereits im Frühjahr 1944 waren 58 Baracken in Sichtweite der Tunneleingänge errichtet und im Oktober des gleichen Jahres war Dora fertig eingerichtet.
 

U.S. Soldaten mit intakter V 2
In den Monaten Oktober, November und Dezember des Jahres 1944 fanden die unmenschlichsten Arbeiten in dem Stollensystem statt. Tausende Kubikmeter Gestein mussten von den Häftlingen unter unsagbaren Strapazen aus dem Berg gebrochen werden. Wurde gesprengt, durften sie den Tunnel nicht verlassen und mussten anschließend bei beißenden Explosivgasen und dichtem Staub den Abraum wegschaffen. Prügelstrafe war an der Tagesordnung und Massenhinrichtungen, die im Tunnel stattfanden, wurden auch zur Abschreckung von Sabotage angewendet.
 

Dora Krematorium
Die Häftlinge durften selbst nach der Arbeit die Tunnel nicht verlassen und schliefen an Ort und Stelle. Tausende wurden in den ersten Seitentunnel des Stollens A in vierstöckigen Betten untergebracht, wo sie schliefen, während andere die Arbeit fortsetzten. Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Hunger waren ständige Begleiter und ließen die Sterberate explodieren. Für die Aushöhlung der großen Fabrikationshallen mussten Häftlinge auf zehn Meter hohen Gerüsten arbeite und die,, die durch Entkräftung herunterfielen, wurden sofort durch neue ersetzt. Wagen mit Leichen verließen jeden Tag Dora und fuhren sie zu den Krematorien nach Buchenwald. Manchmal wurden Leichen auch im Boden der Tunnel verscharrt. Nachdem die Tunnel gegraben waren, wurden die Produktionsmaschinen eingebaut. Diese wurden auf Loren, Handkarren, oder auf riesigen Rutschen und mit Flaschenzügen in die Tunnel gezogen.
 

Häftlingstransportwaggon der Reichsbahn
Besonders barbarisch wurden die Zustände, als sich die Amerikaner im April 1945 Nordhausen näherten. In aller Eile und mit großer Brutalität trieben die Wachmannschaften die Lagerinsassen in herbeigeschaffte Güter- und Viehwaggons. Mehrere mit Tausenden von Menschen beladene Züge verließen bis zum 6. April den Südharz in Richtung Bergen-Belsen bei Celle, Sachsenhausen nördlich von Berlin und Ravensbrück an der Havel.
 

Amerikanische Soldaten gehen an einer Reihe getöteter Häftlinge der Boelcke Kaserne vorbei
Außerdem schleppten sich viele Kolonnen erschöpfter Häftlinge, angetrieben von den Wachmannschaften, zu Fuß durch den Harz in Richtung Nordosten. Dabei kam es, insbesondere in der Gegend nördlich von Magdeburg, wiederholt zu Massakern an Häftlingen, deren Todesmärsche in der Gegend »gestrandet« waren. Den brutalsten Massenmord begingen SS-Angehörige, Wehrmachtsoldaten sowie Angehörige von Volkssturm und Hitlerjugend am 13. April bei Gardelegen, wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Armee. In der Isenschnibber Feldscheune verbrannten sie über tausend Häftlinge aus Mittelbau und hannoverschen Außenlagern des KZs Neuengamme bei lebendigem Leibe.
 

Die Boelcke Kaserne
Am 11. April 1945 drang das Combat Command B (CCB) der 3. U.S. Panzerdivision unter Brigadegeneral Truman Boudinot, in Nordhausen ein. In diesem Städtchen im Harz sollte sie sich mit der 104. U.S. Infanteriedivision „Timberwolf“ vereinigen und gemeinsam nach Osten vorstoßen. Die 3. Panzerdivision war vom U.S. Geheimdienst vorgewarnt worden, „etwas ungewöhnliches“ im Gebiet von Nordhausen vorzufinden, aber sie hatten keine Ahnung von dem Horror, den sie zu erwarten hatten. Zunächst stießen sie auf die Boelcke Kaserne, die von der SS als „Sterberaum“ für die Schwachen und Halbtoten des Lagers Dora genutzt wurde. Zwischen 1.300 und 2.500 Leichen wurden neben Überlebenden hier gefunden, die sofort von den Sanitätern der 104. Division betreut wurden. Dann entdeckte die 3. Panzerdivision das Lager Dora und die Eingänge zum Mittelwerk.
 

Amerikaner gehen an einem Massengrab entlang, das Einwohner aus Nordhauseb schaufeln mussten
Die Amerikaner fanden zwei komplette unterirdische Fabriken, Mittel- und Nordwerk, eine Mine, die zur Unterbringung von Kunst- und anderen Schätzen genutzt wurde. Das G-5 Corps (Civil Affairs) versammelte einige hundert deutsche Zivilisten, die die Leichen beerdigen und beschlagnahmte viele Wohnungen und Häuser, um die Überlebenden unterzubringen.
 

Die Beute der Sieger

Heinkel He 162 "Volksjäger"
Das Nordwerk war eine Fertigungsanlage für Jumo Flugzeugtriebwerke, die in die Me 262, den Voklksjäger Heinkel He 162 und die Arado Jetbomber eingebaut wurden. Das Mittelwerk wurde für den Bau der V-1 und V-2 verwendet. Als die Amerikaner in die Tunnel eindrangen, waren die Räume zwar menschenleer, doch war das Licht eingeschaltet und die meisten der Maschinen einsatzbereit. Es gab genug Teile, um 250 Raketen zusammenzubauen. Das Berntrode Bergwerk wurde als bombensicheres Lager für die Sarkophage Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm I., sowie Paul von Hindenburg und seiner Gattin genutzt. Daneben waren hier die Krönungsinsignien, Zepter, Kronen Helme, Säbel, Reichsapfel und Siegel verwahrt. Weiterhin waren hier zweihundert Regimentsstandarten, die königlich preußische Bibliothek, Wandgobelins und 271 Gemälde, darunter einige Werke von Lucas Cranach, untergebracht. Diese Mine war wegen der konstanten Temperatur und der Trockenheit ein idealer Lagerplatz, jedoch wurde dies durch die Anwesenheit von 400.000 Tonen Munition gefährdet.
 

Mittelbau-Dora: Triebwerksbau
Nachrichtenoffizier Major William Castille gab zu Protokoll, dass sie sich "wie in einer Zauberhöhle”  fühlten, als sie die Räume betraten. Die erstaunten Amerikaner fanden Reihen von sorgfältig aneinander gereihten Raketenteilen, und die Fertigungsstrasse durchzog mehrer Tunnel. Am 10. April wurde schon nicht mehr im Mittelwerk gearbeitet, doch es sah so aus, als ob die Arbeiter des Mittelwerkes nur zur Mittagspause gegangen wären.
 

Mittelbau-Dora: V2 Produktion
Das Team (Special Mission V-2) , das das Mittelwerk inspizieren sollte, wurde von Major James Hamill vom Ordnance Technical Intelligence geleitet. Major William Bromley, verantwortlich für technische Operationen) und Dr. Louis Woodruff, einem MIT (Massachusetts Institute of Technology) Professor für Elektrotechnik unterstützt.
 

SS Brigadeführer Hans Kammler.
Dieses Team sollte die Geheimnisse der deutschen Raketentechnologie für die Amerikaner sichern. Was sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht wussten, war, dass von Braun, der vermutete, dass SS-Obergruppenführer Kammler ihn und sein Team als Verhandlungsmasse für die Amerikaner nutzen wollte, selber schon Vorkehrungen getroffen hatte. Am 3. April hatte er einen Konvoy mit 14 Tonnen der wichtigsten V-2 Blaupausen und Dokumente in das Dörfchen Dornten geschickt, wo die gesamte Ladung in einem alten Salzbergwerk versteckt wurde. Anschließend wurde der Eingang zugesprengt.
 

Dora Mittelwerk Eingang
Inzwischen war die Army Ordnance’s Special Mission V-2 bereits eifrig dabei eine Inventur des Mittelwerkes anzulegen und festzulegen, wie das gesamte Inventar am besten abzutransportieren wäre. Zuerst wurde die 144. Motor Vehicle Assembly (MVA) Company zu Hilfe gerufen, die bislang die völlig zerstörten Hafenanlagen von Cherbourg reparierte.
Diese Einheit kam am 18. Mai in Nordhausen an und schloss sich dem 319. Ordnance Battalion an. Gemeinsam sollten sie die Aufgabe in Rekordzeit lösen.
 

U.S. Army Waffenamt Mitarbeiter halten Ausschau nach wichtigen V-2 Komponenten, die in die USA verschifft werden
Nachdem Waggons, Loren und anderes rollende Material beiseite geschafft und freier Zugang zu den Tunneleingängen geschaffen worden war, gelang es bereits am 22. Mai die ersten 40 Eisenbahnwaggons mit Teilen zu beladen und in Richtung Belgien zu schicken. Bis zum 31. Mai hatten die Männer den letzten der 341 Waggons abgefertigt und fuhr von Nordhausen nach Erfurt und weiter nach Antwerpen. Obwohl die Briten protestierten, da ihnen die Hälfte der Beute versprochen worden war, ignorierten die Amerikaner den Unmut ihrer Verbündeten. Sechzehn Liberty Schiffe mit Teilen für 100 V-2 verließen Antwerpen mit Ziel New Orleans. Doch noch hatten die Amerikaner keinen einzigen Bauplan und nicht ein Blatt der bitter notwendigen Dokumente. Und ohne sie würde es für sie unendlich schwierig, die Teile zu einem Ganzen zusammenzufügen.
 

Wo sind die V2 Baupläne?

Fertigung im Mittelwerk
Am 12. Mai fand Major Staver vom Hermes Projekt, dem ersten U.S. Raketenprogramm, den V-2 Ingenieur Karl Otto Fleischer. Er brachte ihn mit einigen anderen Ingenieuren, die nicht mit von Braun nach Bayern gegangen waren, zusammen. Am 14. Mai fand Staver dann Walther Riedel, den Chef der Raketenmotor- und Strukturdesignabteilung, den er bis zum 18. Mai verhörte. Riedel unterstrich die Nutzung der V-2 als Trägerrakete für Reisen in das Weltall und drängte die Amerikaner etwa 40 V-2 Ingenieure in die USA zu entsenden. Wenig später stellte sich heraus, dass Fleischer der einzige Ingenieur war, der wusste, wo sich die V-2 Unterlagen befanden und es gelang Staver ihn am 20. Mai glauben zu machen, dass von Braun ihn ermächtigt hatte, den Amerikanern den Aufenthaltsort der Papiere zu nennen.
 

Tunneleingang Mittelwerk
Zu diesem Zeitpunkt blieb den Amerikanern eine Woche, bis die Gegend an die Briten fiel, die ihrerseits dann die Schatzkammer hätten öffnen können. Nun folgte eine fieberhafte Suche nach geeignetem Personal, um den Tunnel zu öffnen und die Papiere nach Nordhausen zu schaffen. Das gelang nur wenige Stunden bevor die Engländer das Gebiet übernahmen. Von Nordhausen wurden sie zuerst nach Paris, dann zum Aberdeen Proving Ground, dem Versuchsgelände der U.S. Armee in Maryland, geschickt.
 

Am 8. Juni ließ Staver die Männer um von Braun zurück nach Nordhausen kommen, um mit ihnen diejenigen der tausenden Ingenieure und Familien auszusuchen, die in die amerikanische Besatzungszone evakuiert werden sollten, bevor die Russen Thüringen und einen Großteil des Harzes am 21, Juni übernahmen. Nur 24 Stunden vor der vereinbarten Übergabe verließ ein Zug mit 50 Wagen und rund 1.000 V-2 Angehörigen Nordhausen und fuhr nach Witzenhausen. Einige Monate später, am 28. Juni 1946, wurde die erste V-2 Rakete von White Sands in der Wüste von New Mexico gestartet.
 

Ausgestellte V2 in Washington Ecke 12. Strasse und Pensylvania Avenue
Diese V-2 wurde den staunenden amerikanischen Bürgern in ihrer Hauptstadt präsentiert.