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Operation Gericht

Kaier Wilhelm II
Der Ursprung der Schlacht von Verdun liegt wahrscheinlich in einer Denkschrift von Generalstabschef Erich von Falkenhayn, den er am Weihnachtstag 1915 an Kaiser Wilhelm II schickt. In diesem erläuterte er seinem Kaiser die These, dass es in erster Linie darum gehe, England zu entmutigen, da die Macht der Allianz fast ausschließlich auf den Schultern der maritimen und industriellen Macht Großbritanniens ruhen würde. Er plädierte daher für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und die Vernichtung der Verbündeten Englands in Europa. Russland schied aus seiner Sicht aus, da es genug Probleme mit sich selbst hätte und früher oder später sowieso ausscheren würde und Italien wäre zu unbedeutend. Die Engländer in ihrem Frontabschnitt direkt anzugreifen hielt er für nicht durchführbar, daher müsste man Frankreich mit einem gewaltigen Schlag in die Knie zwingen. Falkenhayn in seiner Denkschrift: „Frankreich ist in seinen Leistungen bis an die Grenze des noch Erträglichen gelangt – übrigens in bewundernswerter Aufopferung. Gelingt es, seinem Volk klar vor Augen zu führen, dass es militärisch nichts mehr zu hoffen hat, dann wird die Grenze überschritten, England sein bestes Schwert aus der Hand geschlagen werden.“ Von Falkenhayn schlug vor, an einem entscheidenden Punkt, für dessen Behauptung „die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden sich Frankreichs Kräfte verbluten…“.Für Falkenhayn gab es nur einen Punkt entlang der deutsch-französischen Front: Verdun.
 

Deutsches überschweres Belagerungsgeschütz
Für Frankreich war Verdun in der Tat ein Ort großer Symbolkraft. Jedes Kind kannte die Stadt, die seit der Römerzeit Festung war. Vauban erneuerte sie im 17. Jahrhundert, Napeoleon III. im 19. Jahrhundert und zum letzten Mal 1885 als der erste Fort-Ring durch einen zweiten, 8 km von der City entfernt, verdoppelt wurde. Verdun war auch die letzte Festung, die während des Krieges 1870-1871 fiel. Um die Jahrhundertwende wurden die Forts mit Beton und Stahl verstärkt. Den Glauben an Festungen verloren die Franzosen jedoch 1914, als die Deutschen mit überschweren Geschützen Lüttich und Namur zusammenschossen. 1914 wurde nur kurz um Verdun gekämpft, dann geriet dieser Teil der Front in Vergessenheit. In und um Verdun standen nur noch drei Divisionen in Stellung. Darunter das 56. und 59. Bataillon unter dem Befehl von Oberstleutnant Emile Driant, einem hervorragenden Theoretiker, der zahlreiche Bücher und Schriften über den Krieg von Morgen verfasst hatte und Frankreich einen großen Sieg über Deutschland prognostizierte.
 

Für von Falkenhayn bot Verdun auch aus anderen Gründen eine günstige Gelegenheit. 1914 war die Stadt von den deutschen Truppen umgangen worden. Daraus resultierte ein Frontbalkon, der von drei Seiten angegriffen werden konnte. Die logistische Komponente war ebenfalls günstig für die Deutschen. Der nächste große Endbahnhof war nur 20 km entfernt. Der Kaiser akzeptierte von Falkenhayns Denkschrift. Trotz gewisser Bedenken, die ein uneingeschränkter U-Boot-Krieg mit sich brachte. Die Angst vor einem Kriegseintritt Amerikas war auf deutscher Seite ausgeprägt. Aber Wilhelm II vertraute von Falkenhayn und seinen Versprechungen, die Entscheidung zügig herbeiführen zu wollen.
 

"Den Feind weissbluten lassen"

Munitionstransport via Feldbahn
Im Laufe des Januar und Februar 1916 hatte von Falkenhayn die entscheidenden Weichen gestellt, um “Frankreich auszubluten“. Der deutsche Kronprinz Wilhelm erhielt die Aufgabe mit seiner 5. Armee Verdun anzugreifen. Unterstützend erhielt er weitere 10 Divisionen, darunter sechs reguläre, als Verstärkung. Großer Wert wurde auf die Artillerie gelegt. Insgesamt standen 1200 Rohre zur Verfügung, darunter 542 schwere und schwerste Geschütze. Darunter waren dreizehn 42 cm Mörser und siebzehn 30,5 cm
Mörser, die Namur und Lüttich so übel zugerichtet hatten. Pausenlos fuhren Güterzüge in Richtung Verdun. Zwölf Eisenbahnlinien versorgten die deutsche 5. Armee mit Material und Munition. 1 300 Munitionszüge transportierten 2,5 Millionen Artilleriegeschosse an die Front. Die Franzosen verfügten allerdings nur über eine Schmalspurbahnlinie und eine Straße (La Voie Sacrée), beide ausgehend von Bar-le-Duc. Ein Beispiel für die ungeheure logistische Aufgabe, diesen Artilleriekrieg zu führen, war das 38cm Eisenbahngeschütz „Langer Max“ im Wald von Warphemont.
 

Langer Max
Das Geschütz setzte sich aus drei Komponenten zusammen: Bettung, Drehscheibe und Rohrkonstruktion. Nachdem der Beton der Bettung trocken war, wurde drei Wochen später auf dem eigens gebauten Schienenweg das S.K.L./45 Geschütz eingefahren und mit einem Hilfskran in auf den Drehkranz abgesenkt und verschraubt. Die halbkreisförmige Bettung mit Drehkranz erlaubte eine Reichweite von 45 km. Die Bettung hatte einen Durchmesser von 20 m und eine Tiefe von 4 m.
 

Langer Max
Die elektrische Energie für die Höhenrichtanlage bezog man aus einem von einem Benzinmotor angetriebenen Generator, der auf einem Güterwagen stand. Zur Stellung gehörten außerdem betonierte Beobachtungs- und Munitionsräume. Ein Holzgerüst mit einem überspannten Tarnnetz schützte das Bettungsgeschütz vor Feindeinsicht durch Aufklärungsflugzeuge.
 

Schrapnell
Neben dem „Langen Max“ waren noch zwei weitere 38 cm Eisenbahngeschütze im Hinterland von Verdun eingesetzt. Alle drei Geschütze waren mit Geleisen untereinander verbunden. Der „Lange Max“ beschoss während seiner Einsatzzeit Verdun und zerstörte die Stadt größtenteils. Der Beschuss des Forts de Moulainville führte zum Ausfall der 15-cm-Zwillingskanone der Festung. Die im Februar 1915 vor Verdun verwendeten und speziell entwickelten Schrapnells konnten mit großer physischer und moralischer Wirkung gegen die in den Schluchten und Seitentälern versammelten französischen Truppen eingesetzt werden.
 

Franz. Schützengraben
Von Falkenhayn hatte den Beginn seiner „Operation Gericht“ genannten Offensive für den 10. Februar festgesetzt. „Keine Stellung der Franzosen darf unbeschossen, keine Nachschubmöglichkeit ungestört bleiben, nirgends darf der Feind sich sicher fühlen“, pflegte Falkenhayn im Generalstab zu sagen. Er wollte seinen Gegner nötigen, laufend Verstärkungen in eine Zermürbungsschlacht zu werfen, die die Deutschen zu begünstigen schien. Für Falkenhayn gab es nur eine Alternative, was den Ausgang der Schlacht betraf. Entweder die Franzosen gaben auf und verloren die Stadt oder sie kämpften weiter und verloren ihr Heer.
 

Die längste Schlacht

Der Lange Max feuert
Der erste Termin verstrich ohne einen Schuss. Starker Regen machte jede Aktion unmöglich. Auch am 11. Februar besserte sich das Wetter nicht. Erst am 19. Februar begann es abzutrocknen. Die Sonne, ungewöhnlich warm zu dieser Jahreszeit, ließ den Krieg fast vergessen. Und dennoch wurde die Zeit genutzt eine neue deutsche Geheimwaffe vorzustellen, den Flammenwerfer. Dann aber wurde die Schlacht um Verdun am 21. Februar 1916 um 8 Uhr 12 Minuten durch Schüsse des Langen Max begonnen.
 

Die Front zwischen Februar und Dezember 1916
Auf der französischen Seite verschwand die Welt in einer Wand aus Qualm und Dreck. Feldartillerie deckte die Gräben ein und schwere Artillerie bestrich die rückwärtigen Verbindungen, die Zitadelle von Verdun, die Brücken und die Stadt. Gegen Mittag begannen die Minenwerfer aus den Grabenstellungen heraus ihre Ladungen gegen die französischen Stellungen zu verschießen, die schwerfällig und torkelnd den kurzen Weg zum Gegner nahmen.
 

Die Schlacht um den Caures Wald
Im Caures Wald, wo sich Driant mit seinen Bataillonen auf die Ankunft der Deutschen vorbereitet hatte, brach das Ende der Welt an. In späteren Untersuchungen wurde festgestellt, dass in den wenigen Stunden, bis die deutsche Infanterie auftauchte, 80 000 Granaten auf einen halben Quadratkilometer niedergingen. Ass überhaupt Leute Driants überlebten grenzte an ein Wunder. Die, die es taten hatten einen weiteren Tag Gnadenfrist, bis auch sie von deutschen Kräften aufgerieben wurden.
 

Franzosen greifen an
Am 21., 22. und 23. Februar hatten es die Deutschen in der Hand, die Franzosen auf der ganzen Front zu überrennen. Sie taten es nicht, weil ihrem Unternehmen die Idee zugrunde lag, dass die Artillerie die französischen Stellungen zerstören sollte und die deutsche Infanterie diese im Nachstoß besetzen sollten. Am 23. Februar meldete ein französischer Leutnant der 72. Division: “Kommandeur und sämtliche Kompaniechefs gefallen. Mein Bataillon hat noch 180 Mann (von ehemals 600). Ich habe weder Munition noch Verpflegung. Was soll ich tun?“
 

Deutsche Soldaten erwarten den Angriff
Der Bericht aus dem Großen Deutschen Hauptquartier schrieb über diesen Tag: „Am 23. Februar erreichte der deutsche Angriff, der sich durch ein mit allen modernen Hilfsmitteln der Feldbefestigungstechnik ausgebautes System von Gräben und Stützpunkten, zudem durch die von der deutschen Artillerie wüst zerschossenen Wälder hindurcharbeiten musste, bereits die Linie Samogneux-Beaumont-Grémilly.“
 

Beschußschäden in Verdun
Die Franzosen waren von der Wucht des deutschen Angriffs überwältigt, aber nicht überrascht. Am 16. und 25. Januar hatten zwei deutsche Überläufer die französische Führung vor dem deutschen Angriff gewarnt. Auch von deutschen Behörden abgeschobene Zivilpersonen sprachen von Truppenansammlungen. Doch die französischen Nachrichtenoffiziere nahmen diese Meldungen nicht ernst. Sie konnten keine „Angriffsgräben“ auf ihren wenigen Luftbildern erkennen und ohne diese war ein Angriff undenkbar.
 

Oberleutnant von Brandis (links) mit seinen beiden Brüdern
Die Nacht vom 24. auf den 25. Februar war die erste ruhige Nacht für die „Brandenburger“. des Generals Lochow. Erschöpft, aber nicht mutlos hatten sich Angehörige des 24. Brandenburgischen Infanterieregiments in Granatlöchern des Hermitage Waldes schlafen gelegt. Oberleutnant von Brandis und seine 8. Kompanie hatte das bessere Los, ausgebaute Unterstände, wo sie im Gegensatz zu ihren Schwesterkompanien 6 und 7, die in verschneiten Gräben ausharren mussten, die Nacht verbringen konnten. Von Brandis war beseelt von dem Gedanken, die Erstürmung des Douaumont als seine Heldentat in die Annalen der preußischen Armee schreiben zu lassen.
 

Deutsche Infantrie vor dem Douaumont
Am 25. Februar trommelte die Artillerie den ganzen Morgen. Gegen 14.00 steigerte sich das Inferno noch bevor um 16.00 das Bataillon den Befehl vorzurücken. Zu diesem Zeitpunkt setzte sich auch der 24 jährige Leutnant der Reserve Eugen Radtke von der 6. Kompanie in Bewegung. Ihnen gelang es den ersten französischen Graben zu nehmen, indem deutsche MG Schützen die feindlichen Gräben unter Feuer nahmen, während die Infanterie durch eine Senke lief. Als die Deutschen den Graben erreichten, ließen sich die Franzosen fast schon erleichtert gefangen nehmen. Das gab ihnen einen Vorsprung, da von Brandis auf einen härteren Gegner traf. Durch das Schneetreiben rannten Radtke und seine Leute weiter in Richtung Douaumont zu. Als sie an dem Graben des Forts ankamen zögerten sie nicht lange und drangen in das Fort ein.
 

Fort Douaumont vor der Schlacht
Der Furcht erregende Eindruck, den der massive Koloss auf die vorstürmenden Brandenburger ausübte, war nichts als eine optische Täuschung. Diese Festung galt nicht mehr als Eckpfeiler der Franzosen. Er war bereits durch General Herr, dem Festungskommandanten von Verdun wie auch die Feste Vaux zur Sprengung vorgesehen. In dem Moment in dem sich Radtke und seien Männer in den Graben der Festung fallen ließen,
hielten nur etwa 65 ältere Angehörige der französischen Landwehr, vor allem Artilleristen, die Stellung. Der einzige Panzerturm, der noch schoss, ein 15,5 cm Geschütz, wurde von den Deutschen noch nicht einmal erkannt. Anstelle dessen beharkten sie ein 7,5 cm Schnellfeuergeschütz mit schweren Kalibern.
 

Der Douaumont nach der Schlacht
Radkes Trupp sickerte langsam in die Katakomben des Douaumont ein. Kein Schuss war bisher gefallen. Auch die Nachbarkompanie, die 5. unter Leutnant Klingenberg, rannte nun auf das Fort zu und traf auf Hauptmann Haupt von der 7. Kompanie. Er erklärte Klingenberg, er hätte Oberleutnant von Brandis nach hinten geschickt, um das Artilleriefeuer vorzuverlegen. Klingenberg und Haupt setzten dann mit ihren Männern den Sturm auf das Fort fort, und gelangte zur selben Stelle, an der Radtke nach unten in den Festungsgarben gesprungen war. Es dauerte nicht lange und die Infanteristen stauten sich an der engen Stelle. Pionierleutnant Voigt machte sogar noch unter Beschuss Fotos von dem Abstieg. Recht bald gelangten die ersten zur ersten Eisentür auf die einer der Kompanie mit Kreide schrieb: „5. Kp. I.R. 24.“
 

Eingang zum Douaumont
Während sich die Soldaten kriechend auf dem inneren Glacis fortbewegten, kletterte ein Musketier der 24er auf den höchsten Punkt des Forts und schwenkte eine gelbrote Signalflagge, um den Artilleriebeobachtern ein Zeichen zu geben. Wie durch ein Wunder wurde er nicht getroffen. In der Zwischenzeit begann mit Hilfe zweier gefangen genommener Franzosen die Durchsuchung des Forts. Nur trübe Ölfunzeln erhellten die Katakomben und es dauerte nicht lange, bis die 65 Man der Besatzung samt Adjutant des Kommandeurs unter der Kontrolle der Deutschen waren.
 

Dorf und Fort Douaumont
Oberleutnant von Brandis lag inzwischen vor dem Dorf Douaumont und wartete auf Hauptmann Walter Bloem vom 12. Bataillon. Der war ins Flankenfeuer der Franzosen, die aus dem Dorf Douaumont schossen, geraten und hatte grausame Verluste hinnehmen müssen. Von seinen 900 Man waren 550 gefallen. Das Opfer des 12. Bataillons verschaffte Brandis und seinen Leuten Luft. Er vergaß den Befehl von Hauptmann Haupt und stürmte mit seinen Leuten 40 Minuten nachdem das Fort eingenommen war, auf die Festung zu. Auf der Strasse traf er zunächst Verwundete, die mit den Worten „der Douaumont ist gefallen, Hauptmann Haupt ist tot“ ihm entgegenkamen. einen Telefontrupp. Wenig später traf er einen Telefontrupp, der ihn mit dem Gefechtsstand des Bataillons verband. Es war 17.33, als Brandis dem Bataillonsadjutanten Leutnant Kluge erklärte, dass „das Fort fest in unserer Hand, Haupt gefallen wäre und die Artillerie das Feuer vorverlegen müsse.“ Zum Schluss sagte er noch: “Ich gehe jetzt ins Fort“.
 

Nach dem Angriff im Innern des Douaumont
Da Kluge seinen Bataillonskommandeur nicht erreichen konnte, rief er sofort den Regimentsstab an und übermittelte von Brandis Worte. Dabei vergaß er den letzten Satz „ich gehe jetzt ins Fort“. Der Regimentskommandeur glaubte nun, dass von Brandis der wahre Eroberer des Forts wäre und dieser Ansicht schlossen sich alle an, die auf dem Befehlsweg Kenntnis von dem Fall des Forts bekamen. Als von Brandis später gegen 20.30 beim Regimentsstab eintraf, erwähnte er wieder nicht, dass er erst eine Stunde nach Einnahme des Forts im Douaumont eingedrungen wäre. In den nächsten Tagen und Wochen setzte eine Ordenslawine ein, bei der alle außer Radtke und seinen Leute und Pioniere der 6. Kompanie bedacht wurden. Das lag vor allem darin, dass alle Offiziere, auch Radtke, inzwischen gefallen waren und keine Ansprüche anmelden konnten. Von Brandis bekam bereits zwei Tage später den Pour le Merit, erst acht Tage später erhielt Hauptmann Haupt die höchste deutsche Auszeichnung des 1. Weltkrieges.