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Eine Blitzkarriere

Anfang 1917 war die Front im Westen erstarrt. Der Krieg der Schützengräben hatte eine Bautätigkeit entfacht, die es fast unmöglich machten die feindlichen Stellungen zu stürmen. Darüber hinaus hatte es eine Reihe von Ablösungen an der Spitze der Armeen gegeben. Der Schlachtkreuzer HMS Hampshire, der den britischen Kriegsminister Kitchener nach Russland bringen sollte, lief auf eine Mine und sank. An Kitcheners Stelle trat Llyod George, der Lord Derby zum Kriegsminister ernannte. In Frankreich wurde  Oberbefehlshaber Joffre durch Nivelle abgelöst. Zum Trost ernannte man Joffre zum Marechal de France. Nur Ludendorff und Hindenburg blieben in ihren Positionen.
 

General Robert Nivelle
Robert Georges Nivelle (1857 - 1924) war in Tulle als Sohn einer englischen Mutter und eines französischen Vaters geboren. Er promovierte an der Ecole Polytechnique 1878 und diente zunächst in Indochina, Algerien und China als Artillerieoffizier. Schnell wurde er vom Unterleutnant (1878) zum Oberst (1913) befördert. 1914 ernannte man ihn zum Brigadegeneral und schon 1915 zum Kommandeur des III. Korps. 1916 war er bereits Befehlshaber der 2. Armee, Chef des Verdun- Abschnittes, und seit dem 24. Oktober 1916 “Held des Douaumont”. Er propagierte auch die Idee der „Creeping Barrage“, obwohl die Engländer bereits diese Artillerieinnovation erfunden und an der Somme praktiziert hatten. „Creeping Barrage“ bedeutet nichts anderes, als im Gegensatz zu früher nicht nach dem Ende des Trommelfeuers anzugreifen, sondern hinter der Feuerwalze herzugehen, damit der Feind in Deckung blieb. Wenige Wochen später, im Oktober und Dezember 1916, hatte er mit der Gegenoffensive östlich der Maas wieder Erfolg.
 

Field-Marshal Sir Douglas Haig
Nivelle war jemand, der sehr schnell begriff, wie eng Politik und Militär miteinander verflochten waren und er war genial im antichambrieren. Und er nutzte dieses Talent. Vom Volk verehrt und vom Erfolg angestachelt begann er eine Kampagne der Selbstdarstellung. Er behauptete, dass seine Erfindung der vorrückenden Feuerwalze den Krieg binnen 48 Stunden beenden könnte. Dabei half ihm die Tatsache, dass sein Englisch – Dank seiner Mutter – fließend war. Damit hatte er einen nicht unerheblichen Vorteil, direkt und detailliert alliierten Militärs und Politikern seine Pläne vorzustellen und sie auf seine Ideen einzuschwören. Der französische Kriegsminister Hubert Lyautey, General Henri-Philippe Petain und Sir Douglas Haig, der Oberbefehlshaber der britischen Expeditionsstreitkräfte (BEF) stimmten alle gegen diesen Plan. Selbst General Micheler, der Kommandeur von Nivelles`s Reserve-Armeegruppe stellte sich gegen ihn. Doch der französischen Premierminister Aristide Briant war von Nivelle derart indoktriniert, dass er ihn als Nachfolger Joffres im Dezember 1916 bestätigte. Joffre wurde mit dem Titel Marechal de France ruhig gestellt. Aber dies war nicht alles, was Nivelle an „Geschenken“ erhielt. Englands Premier Lloyd George unterstütze nicht nur Nivelles`s Promotion, er stellte auch General Sir Douglas Haig unter Nivelle`s Obebefehl. Daraufhin trat Lyautey mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück.
 

Der Chemein des Dames, Damenweg
Nivelle arbeitete nun seine Idee zum Plan aus, der die Engländer dazu bestimmte, bei Arras und den Höhen von Vimy eine Offensive zu starten, die die Deutschen von er eigentlichen Operation, einem Frontalangriff auf den Chemin des Dames, ablenken sollte. Die Strasse mit dem Namen Chemin des Dames (Damenweg) wurde schon von den Römern erbaut und hier schlug auch 57 v. Chr. Cäsar die Gallier. Den eigentlichen Namen erhielt der Weg im 18. Jahrhundert, als die Töchter Ludwigs XV. ihn auf dem Weg nach Schloss Bove benutzten.
Nivelle`s Idee war aber schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Deutschen hatten damit begonnen, sich aus den alten Stellungen zwischen Arras und der Aisne zurückzuziehen und die neue Hindenburglinie zu besetzen. Damit schlugen die Deutschen zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen sparten sie durch die Frontverkürzungen zehn Divisionen ein, zum anderen errichteten sie eine Furcht erregende Verteidigungslinie, die Hindenburglinie, deren Abschnitte die Namen Wotan, Siegfried, Hunding und Michel erhielten. Nivelle hatte das Glück, dass die Hindenburglinie nördlich kurz vor dem Chemin des Dames endete. Doch damit hatte sich sein Glückskonto erschöpft.
 

Angriff trotz Verrat

Der Feldzug 1814
In seinem Selbstdarstellungswahn hielt Nivelle es für nötig, jedem von seinem genialen Plan zu erzählen, darunter auch Journalisten und einigen Damen, die er zu einem Dinner in London ausführte. Das Element der Überraschung war endgültig dahin, als die Deutschen einen französischen Graben eroberten und Kopien des Nivelle Schlachtplans fanden. Die Deutschen hatten seit September 1914 den Chemin des Dames zu einer wahren Festung ausgebaut. Daneben hatten sie von Nivelles Taktik bei Verdun gelernt und die HKL (Hauptkampflinie) nur mit schwachen Kräften (15 Divisionen) der 2. Armee besetzt. Die Masse (21 Divisionen) ihrer Eingreifdivisionen stand außerhalb der Reichweite der französischen Artillerie.
 

Fritz von Below
Am 16. April um 06.30 begannen 19 Divisionen der französischen 5. und 6. Armee unter dem Kommando von General Charles Mangin den Angriff. Ihnen gegenüber lag die 7. Armee von General von Böhm, unterstützt von der kürzlich neu aufgestellten 1. Armee von Below`s. 3.800 französische Geschütze beteiligten sich nun an der Feuerwalze, die jedoch wenig dank der deutschen Taktik wenig Schaden anrichtete. Dann folgte die Infanterie in dem Glauben, jeder Widerstand wäre von der Artillerie erstickt worden. Doch die deutschen MG Stellungen, die hervorragend im Gelände, entweder in Trichtern oder in betonierten Unterständen, platziert waren, begannen bald fürchterliche Verluste unter den Angreifern zu produzieren, denn die Infanterie konnte nicht mit der Feuerwalze Schritt halten.
 

Die von Sachsen erstürmte Höhe von La Creute bei Craonne
100 Meter sollten in drei Minuten überwunden werden, dann rückte die Walze weiter vor. Doch das war Theorie. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die deutschen MGs eröffneten das Feuer, sobald die Infanterie vom Artilleriefeuer getrennt war. Dann schossen sie von vorn, von der Flanke, ja sogar von hinten. Dazu kamen die Eigenheiten des Geländes. Die Franzosen mussten mühsam bergauf stürmen, die Deutschen schossen auf sie herab. Die Witterung, ein Mix aus Schnee, Schneeregen und Nebel, machte auch dem ersten geschlossenen Panzerangriff der Franzosen zu schaffen.
 

Char Schneider
Die Franzosen machten sich seit Ende 1914 Gedanken über ein Fahrzeug, das Gräben und Maschinengewehre trotzen sollte. Januar 1915 begann die Firma Schneider & Cie unter der Leitung von Eugene Brille mit der Entwicklung. Bereits am 16. Juni 1915 wurde ein Tank dem Präsidenten Raymond Poincare vorgeführt, der sofort zehn weitere Tanks bauen ließ. Letztendlich wurden aus den zehn eine Bestellung von 400. Die ersten Fahrzeuge, Char Schneider, wurden im September 1916 an die Armee ausgeliefert. Bemannt waren diese Tanks mit sechs Mann, bewaffnet mit einer 75mm Kanone und einem Hotchkiss MG. Am 16. April 1917 wurden diese Fahrzeuge zum ersten Mal im Verband ostwärts des Winterbergs am Chemin des Dames eingesetzt und versagten kläglich. Zum einen war die Sicht extrem eingeschränkt, die Ventilation im Tank war ungenügend, sodass die Mannschaft in Gefahr lief zu ersticken, zum anderen waren sie nur dünn gepanzert. Ihre Achillesferse war der Tank, der sich im Kampfraum des Tanks befand. Der aufgeweichte Boden und die Niederschläge machten zu guter letzt noch die Auffahrten zum Chemin des Dames grundlos. Am Ende des Tages hatten die Franzosen 150 dieser Tanks verloren. Nach diesem Desaster verlor die französische Armee den Glauben an den Wagen und bestellte bei den Engländern 77 Mark V, die noch vor dem Waffenstillstand ausgeliefert wurden.
 

Franz. Truppen greifen am Chemin des Dames an
Obwohl Nivelle allein am ersten Tag seiner Offensive 40.000 Man verloren hatte, und den wenig schmeichelhaften Beinamen „Blutsäufer“ von seinen Soldaten erhalten hatte, setzte er seine Angriffe fort. Am zweiten Tag griff die 4. französische Armee unter Anthoine östlich von Reims in Richtung Moronvilliers an. Dieser Vorstoß wurde aber durch von Below`s 1. Armee aufgehalten. Es gelangen General Mangin kleinere Einbrüche westlich von Soisson, aber der große Durchbruch und das Ende des Kriegs am Abend des 2. Tages blieben aus. Nivelle weigerte sich, die Niederlage einzugestehen und setzte die Angriffe fort, bis er am 30. April 1917 als Oberbefehlshaber und militärischer Berater der Regierung abgesetzt wurde.
 

Das Los des Poilu

General Henri-Philippe Petain
Sein Nachfolger wurde der als Verteidiger von Verdun populär gewordene Henri Philippe Pétain. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch die Leidensfähigkeit des Poilu erschöpft und als Reaktion auf diese menschenverachtende Sturheit häuften sich die kollektiven Befehlsverweigerungen und Rebellionen an der Front. Eine Kompanie bei Laffaux zum Beispiel weigerte sich zur Front zu gehen und beschwerten sich bitterlich über den Zustand im allgemeinen und das militärische Mismanagement im besonderen. Die Umstände, unter den die Poilus kämpfen mussten, hätten in der britischen oder deutschen Armee zu Aufständen geführt. Der Sold war keiner Erwähnung wert, das Essen weder nahrhaft noch ausreichend und Urlaub wurde fast nie gewährt. Der Einsatz der „Decimation“, der Dezimierung wurde immer noch praktiziert: Um die Angriffslust der Masse zu garantieren, wurden manchmal Soldaten zur Abschreckung füsiliert. Diesen Männern hat man sogar in Vingré ein Denkmal gesetzt.
 

Franz. Schneider Kanone
"Die Soldaten sind bereit zu sterben, sie wollen jedoch nicht Selbstmord begehen", schrieb der Journalist Albert Londres und Guy Pedroncini, Historiker der Militärhochschule Saint-Cyr und Spezialist des Kriegs 14-18, meinte zu den Meutereien von 1917: "Es handelt sich nicht um eine Weigerung zu kämpfen, sondern um die Ablehnung der Art und Weise. Diese Infanteristen, die zu Eliteeinheiten gehörten, hatten genug von diesen unnützen und mörderischen Offensiven. Es sind keine Feiglinge, nie haben sie sich vor dem Feind ergeben oder die Fronten geöffnet." In dieser Revolte erfasste die Welle des Ungehorsams eine ganze Reihe von Truppen. Rund 40.000 von 2 Millionen Soldaten beteiligten sich daran. Es wurde auch hier und da die rote Fahne gehisst und die "Internationale" gesungen. Dies könnte vielleicht auch die harte Unterdrückung durch Armeeführung erklären. Laut Pedroncini wurden 629 Meuterer zum Tode verurteilt und am 31. Januar 1918 wurden 75 von ihnen exemplarisch erschossen.
 

Erschießung eines Meuterers
Petain reduzierte als Konsequenz der Meuterei die Kampftätigkeit, Man hatte zwar einen Geländegewinn von vier Kilometer am Chemin des Dames gewonnen, aber auf Kosten von horrenden Verlusten. Daher wurde die Offensive endgültig am 9. Mai beendet. Zurück blieben 187.000 tote und verwundete Franzosen, sowie 168.000 tote und verwundete Deutsche.
 

Robert Nivelle
Nivelle geriet unter enormen Druck. Er weigerte sich von seinem Posten zurückzutreten und schob die Verantwortung für das Fiasko auf den zweiten Mann der Befehlskette, General Mangin. Letztendlich wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt und nach Nordafrika abgeschoben, wo er 1924 starb.
 

Innerlich zerrissen

Wege zum Ruhm Filmposter
Selbst Jahrzehnte später sorgten die Meutereien in den Schützengräben für Auseinandersetzungen auf der politischen Bühne. Stanley Kubriks Film "Wege zum Ruhm", die 1958 gedrehte Geschichte der Befehlsverweigerer an der Westfront von 1917, blieb dem französischen Kinopublikum durch die Zensur bis 1975 vorenthalten Denn die Meuterer, Ungehorsamen und Rebellierenden passten überhaupt nicht ins offizielle Bild. Offizielle gängige Meinung war dass sie damals zur Abschreckung füsiliert, und anschließend mit Vergessen bestraft und aus der Erinnerung der Nation verdräng wurden.
 

Lionel Jopin
Anfang November 1998 gedachte der damalige Premierminister Lionel Jospin in Craonne unweit des Schlachtfelds Chemin des Dames dieser Soldaten, die sich weigerten, für nichts anderes als den Ehrgeiz eines Generals in den sicheren Tod zu gehen: "Craonne ist dieser Ort, wo eine Elitearmee, die hart und glorios gekämpft hatte, auf ein unüberwindliches Hindernis geworfen wurde. Erschöpft von den im Voraus zum Scheitern verurteilten Angriffen, im vom Blute gefärbten Schlamm und in einer bodenlosen Hoffnungslosigkeit steckend, weigerten sich einige dieser Soldaten, geopfert zu werden. Diese Soldaten, die 'fürs Exempel' und im Namen einer Disziplin, die so hart war die Kämpfe, füsiliert wurden, sollen ihren Platz in unserer kollektiven Erinnerung erhalten.".
 

Diese recht vorsichtigen Worte des Verständnisses für einige Geächtete der offiziellen Kriegsgeschichte waren schon zu viel für die erzkonservative Opposition, die den Ungeist des Pazifismus und des Antimilitarismus witterte. Mit solchen Worten, meinte der Gaullist Jean-Louis Debré, "könnte jede Meuterei gerechtfertigt werden". Jospin habe sich "entehrt", kommentierten andere gar. Unter dem Druck der Opposition wollte dann auch der gaullistische Präsident Chirac nicht als Liberaler identifiziert werden. In einem Communiqué der Präsidentschaft wurde dem Regierungschef ein Tadel erteilt: "In einem Moment, da die Nation des Opfers von mehr als einer Million französischer Soldaten gedenkt, ist jede Äußerung inopportun, die als Rehabilitierung der Meuterer aufgefasst werden könnte." Die heftige Reaktion des Präsidenten erstaunte um so mehr, als Chirac doch 1995 als erster Präsident eine "Mitverantwortung" des französischen Staates bei der Judendeportation eingeräumt und dabei gesagt hatte, es sei für Frankreich an der Zeit, der historischen Wahrheit ins Angesicht zu blicken. Die Zeitung "Le Monde" interpretiert Jospins Erklärung als "eigentliche Wende im Blick, den Frankreich auf seine Vergangenheit wirft" und zieht aus den empörten Protesten den Schluss: "Es ist noch ein weiter Weg, bis Frankreich mit seiner Geschichte ins reine kommt."
 

Chanson de Craonne

Das Dorf Craonne 1917
Quand au bout de huit jours le repos terminé
On va reprendre les tranchées,
Notre place est si utile
Que sans nous on prend la pile.
Mais c'est bien fini, on en a assez,
Personne ne veut plus marcher.
Et le coeur bien gros, comm' dans un sanglot,
On dit adieu aux civelots.
Mais sans tambour et sans trompette
On s'en va là-bas en baissant la tête.

Chorus

Adieu la vie, adieu l'amour,
Adieu toutes les femmes.
C'est bien fini, c'est pour toujours
De cette guerre infâme.
C'est à Craonne sur le plateau
Qu'on doit laisser sa peau
Car nous sommes tous des condamnés
Nous sommes les sacrifiés.