
Kummersdorf
Berlin und sein Umland waren natürlich auch Magneten für den militärischen Komplex.
Schon zur Kaiserzeit gab es einen Ring von Truppenübungsplätzen und Schießbahnen rund um Berlin. Doch erst ab 1933 begann der Aufbau einer Erprobungsanlage und einer Kommandozentrale, wie sie sich die Reichswehr nie hatte träumen lassen können.
Doch es sollte viel früher losgehen. Die junge Geschichte der Gemeinde Kummersdorf-Gut begann kurz nach Gründung des Deutschen Reiches. Noch während des deutsch-französischen Krieges fasste das preußische Kriegsministerium im Jahr 1871 den Entschluss, den bisher in Tegel bei Berlin gelegenen Schiessplatz der Artillerieprüfungskommission aus dem Nahbereich Tegels und Berlins zu verlegen. Die industrielle Revolution und die damit verbundenen Fortschritte in der Militärtechnik machten einen größeren Sicherheitsabstand notwendig. Als Vorarbeit wurde eine zunächst rein militärisch genutzte Stichbahn von Schöneberg bei Berlin über Sperenberg zum „Schießplatz-Cummersdorf“ gebaut. Selbst ein Vorläufer der Autobahn gehört als Versuchsstrecke dazu. Die Versuchsstrecke ist heute ein Teil der Verbindung nach Luckenwalde.
In Kummersdorf wurden zunehmend übergroße Geschütze wie die „Dicke Berta“, ein 42 cm Mörser, oder 23,2 cm Fernkampfgeschütze erprobt. Auch die ersten Bomben wurden wehrtechnisch 1913 unter die Lupe genommen. Die „Dicke Berta“ erwies sich aber recht schnell als zu gut, lag die Schussweite doch erheblich über der Dimension der Schießbahn Kummersdorf. Zunächst „überschoß“ man Land und Leute um ein Ziel auf dem Schießplatz Jüterbog zu treffen. Dort musste man dann aus 12 m Tiefe die Granaten ausgraben, um sie untersuchen zu können. Die „Dicke Berta“ wurde dann zur weiteren Erprobung nach Markendorf verlegt.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Standort zur wahrscheinlich vielfältigsten Militärtechnik-Erprobungsstelle der Welt ausgebaut. Hier wurde die Kraftfahrversuchsstelle (Verskraft) etabliert, um die militärische Motorisierung voranzutreiben. Hier wurde die von Ingenieur Schmeisser entwickelte Maschinenpistole MP 38 heimlich getestet. Und hier entstand auch die Wiege der deutschen Panzerwaffe, in der 1932 ein Kleintraktor, der Vorläufer des Panzer I erprobt wurde. Neben Militärtechnologie im engeren Sinne wurde hier auch an Eisenbahn-Technologie, Kerntechnik, und Raketentechnik geforscht und erprobt. Der Ort ist daher auch mit Wernher von Braun verknüpft. In den 30 er Jahren arbeitet von Braun als Assistent vom Raketenpionier Gustav Nebel. Nebel will seine Rakete vor Heereswaffenamt Mitarbeitern auf dem Artillerie-Versuchsschießplatz Kummersdorf präsentieren, um weitere Förderungsmittel zu erhalten. Doch der Versuch fällt mit 900 Metern kümmerlich aus, so dass das Amt weitere Zahlungen verweigert. Einziger positiver Nebeneffekt der katastrophalen Demonstration war die Anforderung von Nebels Chauffeur und Theoretiker Werner von Braun als Verbindungsmann zum Heereswaffenamt. Dieser wird dem Kommando des Hauptmannes Walter Dornberger unterstellt und richtet in Kummersdorf-West eine Versuchstelle für Flüssigkeitsraketen ein. Binnen vier Jahre wächst diese Gruppe auf 77 Mitarbeiter. Darunter sind der Diplom Ingenieur Walter „Papa“ Riedel, Heinrich Grünow und Arthur Rudolph. Rudolph, seit 1931 Parteimitglied, hatte ein vollautomatisches Flüssigkeitstriebwerk mit der bemerkenswerten Schubleistung von 300 kg entwickelt.
Schon Ende 1932 ist ein wichtiger nächster Schritt erfolgt. Rudolph baut, basierend auf einer Denkschrift von Brauns über Thermodynamik des Strahlantriebs, einen Motor, den man „Ofen“ nennt. Im Januar 1933 wird dieser „Ofen“ zum ersten Mal erfolgreich in Kummersdorf getestet. Der Weg zu wirklich starken Motoren ist nun geebnet. Das Aggregat A 1 , das aber Schwächen in der Balance aufweist, entsteht 1933. Die Weiterentwicklung A 2 wird Ende 1934 erfolgreich auf Borkum gestartet. Der nächste Schritt ist die A 3. Diese Rakete hat bereits ein Startgewicht des fünffachen der A 1 und entwickelt einen Schub von 1 500 kg. Damit wird Kummersdorf zu eng für weitere Versuche. Man braucht freies, weites Schussfeld. Man sucht und findet solch ein Gelände in Peenemünde. (Siehe auch V-Waffen Reise).
Die letzten Aktionen des Krieges sind der Einsatz aller Beutepanzer bei den Seelower Höhen, sowie der einsame Einsatz eines einzigen einsatzfähigen Exemplars des Panzers „Maus“. Konstruiert von Professor Porsche ist dieser Typ der schwerste und größte Panzer der Geschichte. 188 Tonnen wiegt dieses Monstrum. Der Drehturm allein ist 50 Tonnen schwer. Doch ein Einsatz im Gefecht bleibt dem der Maus erspart. Sie bleibt auf dem Weg in den Oderbruch liegen und wird gesprengt.
Den Namen Kummersdorf-Gut erhält der „Schießplatz-Cummersdorf“ nach 1945. Nach dem 2. Weltkrieg wird der Schiessbetrieb weitgehend eingestellt. Nur ein Teil des Schiessplatzes wird von den sowjetischen Streitkräften mit einer Transporteinheit als Garnison und Übungsgelände genutzt.. Die Schutzzonen um die militärischen Anlagen werden nicht in Anspruch genommen, und können sich deshalb ungestört zu natürlich gewachsenen Naturflächen entwickeln.






