Deutsche "Befreier"
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 besetzte die Wehrmacht bis Oktober 1941 fast die gesamte Ukraine. Die Schlacht um Kiew hatten die Deutschen bereits Mitte September für sich entschieden. Am 19. September rückten sie in die Stadt ein. Obwohl viele Einwohner der Stadt sich der Roten Armee angeschlossen hatten, oder geflohen waren, begrüßten viele der Bewohner die Deutschen als Freunde und Befreier von Stalins Willkürherrschaft. Doch nach wenigen Tagen, sollten sie das wahre Gesicht der Naziherrschaft begreifen.
Plünderungen setzten sofort ein und Einsatzgruppen begannen sofort mit der Erfassung der jüdischen Einwohner. Am 24. September explodierte nahe bei dem deutschen Hauptquartier im Kreshchatik Viertel eine Bombe. Zunächst reagierten die Deutschen wie unter Schock, doch bald begann die Suche nach den Attentätern. Strassen wurden abgesperrt und Verdächtige zusammengetrieben. Dann explodierte eine weitere Bombe im gleichen Viertel. Daraufhin flüchteten die Deutschen mitsamt ihren Gefangenen in sicherere Stadtgebiete. Tagelang gingen Bomben in Kreshchatik Gebäuden hoch und töteten Deutsche und Ukrainer.
Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass einige NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) Mitarbeiter zurückgelassen wurden, um noch für eine Weile Widerstand zu leisten und die Deutschen nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Doch die hatten schon die Verursacher der Explosionen ausgemacht: die Juden Kiews.
Nachdem die letzte der NKWD Bomben am 28. September explodierte, hatten die Deutschen einen Plan und einen Entschluss gefasst. Bereits am 27. September 1941 fand eine Besprechung über die "Evakuierung" der jüdischen Bevölkerung statt. Daran nahmen neben dem Ortskommandeur von Kiew unter anderem auch Wehrmachtsoffiziere, Angehörige der Sicherheitspolizei, der Geheimen Feldpolizei und der Einsatzgruppe C teil. Der Höhere SS- und Polizeiführer im rückwärtigen Heeresgebiet Süd, Friedrich Jeckeln (1895-1946), der Befehlshaber der Einsatzgruppe C, Emil Otto Rasch (1891-1948), der Höhere SS- und Polizeiführer im „Heeresgebiet Süd“ (besetzte Ukraine), sowie der Befehlshaber des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C, Paul Blobel (1894-1951), beschlossen, die Kiewer Juden zu ermorden. Mit der Durchführung wurde das Sonderkommando 4a beauftragt.
Auf Plakaten wurden die Kiewer Juden aufgefordert sich zu Umsiedlungsmaßnahmen einzufinden. Auf den Plakaten stand im Wortlaut: "Alle Juden die in der Stadt Kiew und ihren umliegenden Gemeinden leben, müssen sich um 08.00 morgens am 29. September 1941 an der Ecke Melnikovsky und Dokhturov Strasse (in der Nähe des Friedhofes) einfinden. Dabei müssen sie Dokumente, Geld, Wertgegenstände, sowie warme Kleidung und Unterwäsche bei sich führen. Juden, die diese Anordnung nicht ausführen und sich verstecken, werden erschossen. Einwohner, die sich Zugang zu leeren Judenwohnungen verschaffen und plündern, werden erschossen.“
30.000 befolgen den Befehl
Die meisten Mitglieder der 175.000 großen jüdischen Gemeinde glaubten, es würde sich um eine Deportation handeln. Zehntausende fanden sich am fraglichen Morgen eine. Einige sogar Stunden vor dem eigentlichen Termin, um sich einen vermeintlichen Sitzplatz im Zug zu sichern.
Dem Befehl folgten über 30.000 Menschen, die zur außerhalb der Stadt gelegenen Schlucht Babi Jar getrieben wurden. Dort mussten sie Papiere, Gepäck sowie Wertgegenstände abgeben, sich vollständig ausziehen und sich in Zehnergruppen an den Rand der Schlucht stellen. Dann wurden sie niedergeschossen. In Babi Jar ermordete das Sonderkommando laut einem Einsatzgruppenbericht am 29. und 30. September 33.771 Juden. In den folgenden Monaten wurden dort Tausende weiterer Juden erschossen. Auch als Zigeuner verfolgte Menschen und sowjetische Kriegsgefangene zählten zu den späteren Opfern. Insgesamt wurden nach Untersuchungen der sowjetischen Staatskommission in Babi Jar rund 100.000 Menschen ermordet.
Im Juli 1943, während des deutschen Rückzugs, sollten die Spuren des Massenmords verwischt werden. Polizeieinheiten der Sonderkommandos ließen Insassen eines nahe gelegenen Lagers die Leichen ausgraben und verbrennen.
Bei Kriegsende geriet Jeckeln in Gefangenschaft und wurde zusammen mit anderen Angeklagten in Riga vor ein sowjetisches Kriegsgericht gestellt. Die Verhandlung dauerte vom 26. Januar bis 3. Februar 1946, Friedrich Jeckeln wurde zusammen mit den anderen Angeklagten zum Tode verurteilt. Im Beisein von mehreren Tausend Zuschauern wurde er am noch am selben Tag in Riga, in der Nähe des Flusses Daugava (Düna), gehängt.
Im Einsatzgruppenprozess (Fall 9) der Nürnberger Nachfolgeprozesse gegen Otto Ohlendorf u.a. wurde Paul Blobel am 10. April 1948 neben 13 anderen hochrangigen SS-Führern zum Tod durch den Strang verurteilt. Am 7. Juni 1951 wurde er zusammen mit Otto Ohlendorf, Erich Naumann, Oswald Pohl und Werner Braune in der Strafanstalt Landsberg am Lech gehängt und auf dem zur Anstalt gehörenden Spöttinger Friedhof beigesetzt.
Emil Otto Rasch wurde nach dem Kriegsende verhaftet. Während des Einsatzgruppen-Prozesses erkrankte er an der Parkinsonschen Krankheit und schied am 5. Februar 1948 wegen Krankheit aus dem Verfahren aus. Rasch starb am 1. November 1948.








