Aufgabe des Kuban-Brückenkopfes
Gegen Ende 1943 und Anfang 1944 wurde die Wehrmacht an der Ostfront kontinuierlich zurückgedrängt. Im Oktober 1943 war die 17. Armee gezwungen, den Kuban Brückenkopf auf der Taman-Halbinsel aufzugeben und sich über die Strasse von Kertsch auf die Krim zurückzuziehen. Im November verfügte der Kommandeur der 17. Armee, General Erwin Jaenecke, über eine Streitmacht von zunächst drei, dann sechs deutschen Infanterie Divisionen, drei rumänischen Gebirgsdivisionen, zwei rumänischen Kavalleriedivisionen und zwei rumänischen Infanteriedivisionen. Panzer gab es nach Verlegung der 13. Panzerdivision zur 6. Armee keine, dafür aber zwei Sturmgeschützbrigaden unter Major Alfred Müller und Hauptmann Hoppe. Ein weiterer wichtiger Verband war die 9. Flakdivision von General Pickert, die an der Landenge von Perekop stationiert war. Die vorhanden Kräfte reichten bei weitem nicht aus, um die Küste zu schützen, Partisanen zu bekämpfen.
Am 24. Oktober begann die Rote Armee ihre Offensive und bereits am 1. November stand die 4. Ukrainische Front an der Landenge von Perekop ab. Mehrfach wurde ein Durchbruchsversuch unternommen, der aber zurückgeschlagen werden konnte. Dann gelang es den Russen, einen Brückenkopf südlich der Siwaschsee zu etablieren. Die Siwaschsee ist ein großflächiges System flacher Buchten im Westen des Asowschen Meeres. Wegen seiner geringen Tiefe, seines hohen Salzgehaltes und seines hohen Verdunstungspotenzials wird der Siwasch auch Faules Meer genannt.
In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November landete die Rote Armee südlich von Kertsch und eroberte das Dorf Eltigen. Am nächsten Tag wurde dieser Brückenkopf von den Russen auf eine Breite von 4,5 km und einer Tiefe von 2 km erweitert. Dieser Sektor wurde von der 98. Infanteriedivision verteidigt, die wiederum von der von einer Kavallerieabteilung der 6. rumänischen Kavalleriedivision verstärkt war.
Als die Russen eine weitere Landung, diesmal nordöstlich von Kertsch unternahmen, wurde die Situation für die 98. Division kritisch, da sie auch diesen Sektor zu verteidigen hatte. Daraufhin wurde die Division umgruppiert und die 6. rumänische Kavalleriedivision mit der Beseitigung des Brückenkopfes von Eltigen beauftragt, der auch am 7. Dezember gelang.
Partisanen imYaila Gebirge
Ein großes Problem für die Verteidiger der Krim waren die großen Partisanenverbände im Yaila Gebirge, die im November 1943 auf eine Stärke von 7-8.000 Mann geschätzt wurden. Nachdem die Rote Armee Perekop erreicht hatte, verstärkten sie ihre Aktivitäten, die bis dahin spärlich waren und nur in kleinen Gruppen ausgeführt wurden. Dort jetzt wurden sie so gefährlich, dass das rumänische Gebirgskorps beauftragt wurde, das Gelände von der größten Partisanengruppe, etwa 20 km südlich von Simferopol zu säubern. Diese Operation wurde zwischen dem 29.Dezember und dem 4. Januar durchgeführt. Doch der Erfolg war bescheiden.
Im Frühjahr 1944 war die Rote Armee bereit, die 17. Armee von der Krim zu vertreiben. Für diese Aufgabe hatte die Stavka, das russische Oberkommando, die 4. Ukrainische Front unter dem Befehl von Generaloberst Tolbulkhin, bei Perekop und die Küstenarmee bei Kertsch in Stellung gebracht. Insgesamt 462,400 Soldaten, 5.982 Geschütze, 559 Panzer und Selbstfahrgeschütze, sowie 1,250 Flugzeuge.
An der Nordfront sollten die 52. Armee von Generalleutnant Krieser und dem 19. Panzerkorps unter Generalleutnant Vasiliev. Sie sollten aus dem Brückenkopf von Siwasch gegen den Rücken der Deutschen vorgehen, die den Perekop Isthmus verteidigten. Die 2. Gardearmee, kommandiert von Generalleutnant Zakharov, sollte frontal bei Perekop angreifen und die Küstenarmee nach Westen vorgehen und sich bei Simferopol mit der 4. Ukrainischen Front vereinigen. Die Übermacht der Sowjets war beeindruckend: bei der Infanterie ein Verhältnis von 2,4:1, bei der Artillerie 6:1, bei den Panzern 2,6:1 und bei Flugzeugen sogar 8:1.
Ihnen gegenüber standen 230.000 Mann der 17. Armee unter dem seit neuestem zum Generaloberst beförderten General Erwin Jaenecke mit 1.000 Geschützen und 200 Sturmgeschützen. Im Norden wurde die Krim von dem 49. Alpenkorps mit zwei Divisionen unter General Rudolf Konrad verteidigt. Die deutsche 50. Infanteriedivision blockierte den Zugang nach Perekop und und die deutsche 336. Division stand südlich bei der Siwasch See.
Östlich davon befand sich das rumänische Kavalleriekorps, das mit der 10. rumänischen und 19. rumänischen Infanteriedivision unter dem Oberbefehl des deutschen 49. Korps bei Karanki, Chiongar und Arabat stand. Die Korpsreserve bestand aus einem Teil der deutschen 111. Infanteriedivision. Bei Kertsch lag das deutsche 5. Korps, kommandiert von General Karl Allmendinger, das sich aus der deutschen 73. und 98. Infanteredivisionen und der rumänischen 3. Gebirgs- und 6. Kavalleriedivision zusammensetzte. An der Südküste der Krim stand das rumänische Gebirgskorps mit der 1. und 2. Gebirgsdivision unter dem Befehl von Generalmajor Hugo Schwab. Die rumänische 9. Kavalleriedivision hatte einen Abschnitt von 250 km Länge an der Westküste zwischen Evpatoryia und Kisil-Bay zu verteidigen.
Anfangserfolge beim Abwehrkampf
Die Schlacht begann am Abend des 7. April als russische Truppen das 33. Infanterieregiment nördlich von Karanky angriffen und das Zentrum des Regiments auseinander riss. Mehrere nächtliche Gegenangriffe bereinigten die Situation aber wieder. Der Hauptangriff begann dann am 8. April. Südlich der Siwasch See wurden die 336. und die rumänische 10. Infanteriedivision von russischer Infanterie mit Panzerunterstützung angegriffen. Sowjetische mechanisierte Verbände sickerten hinter dem 33. Infanterieregiment durch die dünnen Linien und wurden erst einen Kilometer südlich von Karanky von Einheiten der 11. Division gestoppt.
Dem 23. Infanterieregiment dagegen gelang es, einen Frontalangriff und einen Landungsversuch der Russen abzuwehren. Im Perekop Isthmus hatte die deutsche 50. Division Armeansk verloren. Am 9. April, gegen 00.09 eröffnete die russische Artillerie mit einem Bormbardement am gesamten Nordabschnitt die Kämpfe, bei denen schnell russische Infanterie mit Panzern folgte. Am morgen hielt die10. Division noch aus und ihre Artillerie schaltete zehn feindliche Panzer aus, doch während des zweiten Angriffs am Nachmittag wurde das 33. Regiment bei Kranky praktisch vernichtet und die Division zog sich daraufhin zurück. Die 336. und die rumänische 19. Division hielten jedoch ihre Stellungen. Bei Perekop wurde südlich von Armeansk die deutsche 50. Division zermalmt und die Überlebenden zogen sich südwärts zurück.
Am 10.April kam das Oberkommando der 17. Armee zu dem Schluss, dass die Kräfte fehlten, um die Nordfront zu halten und erließ einen allgemeinen Rückzugsbefehl. All Kräfte strömten nun auf Sewastopol zu. Das war auch gleichzeitig der Beginn der Evakuierungsmaßnahmen. Um die Gefahr der Einkreisung deutscher und rumänischer Einheiten südlich der Siwash See zu beseitigen, hatte Generaloberst Jaenecke eine Abteilung von 32 Sturmgeschützen dorthin verlegt. Gleichzeitig begann das 5. Korps sich von der Halbinsel Kertsch zurückzuziehen. Das rumänische Gebirgskorps bekam unterdessen den Befehl, die Verteidigung von Sewastopol vorzubereiten und mit einem kleinen Teil ihrer Einheiten die Südküste gegen mögliche feindliche Landungen zu schützen. Damit musste Generalleutnant Hugo Schwab 280 km Frontlinie halten. Entschieden zu viel, da bereits zwei seiner Divisionen im Yaila Gebirge bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt waren.
Am 13. April fiel Simferopol. Dem deutschen 5. Korps stand nun nur noch eine Rückzugsstrasse zur Verfügung: Die Küstenstrasse Feodosyia – Alushta – Yalta – Sevastopol, während die Pässe im Yaila Gebirge bei Perival und Enisala von rumänischen Einheiten gesperrt wurden. Das Gebirgskorps schickte das 7. Gebirgsbataillon der 2. Division nach Alushta, um die rückwärtigen Verbindungen des 23. Bataillons am Perival Pass zu schützen, und um die Rückzugsstrasse für die Truppen des 5. Korps zu sichern. Weitere sieben Bataillone rückten in den Verteidigungsring um Sewastopol ein. An der Gneisenau Linie wurde die deutschen 50., 11.und 336. Division zwar eingeschlossen, doch gelang ihnen in der Nacht der Durchbruch in den Verteidigungsbereich der Festung.
Sowjets vor Sewastopol
Am 15. April erreichten die ersten russischen Einheiten die Vororte von Sewastopol und am 16. April erreichten die letzten Truppen des 5. Korps zwischen 10.00 und 11.00 Sewastopol. Das 5. Korps hatte zu diesem bereits keine schwere Artillerie und kaum schwere Infanteriewaffen. Die 98. Infanteriedivision verfügte noch nicht einmal mehr über Schanzzeug und General Reinhard musste Befehl geben, Pickel und Schaufeln auf dem Festungsgelände zu suchen. Unterdessen fertigten Pioniere für diesen Schrott Stiele an.
Am 29. April 1944 legte General Jaenecke in einem persönlichen Gespräch mit Hitler in Berchtesgaden diesem eindringlich nahe, Sewastopol zu räumen, um seiner abgeschnittenen Armee die Rückführung zu ermöglichen. Auf dem Rückflug wurde er in Galatz aufgehalten und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er sollte als Verantwortlicher für den Verlust der Krim herhalten. Durch schleppende Behandlung der Untersuchung gelang es Generaloberst Heinz Guderian, die Verhandlung hinauszuziehen und Jaenecke zu retten. Erwin Jaenecke wurde am 31. Januar 1945 aus dem Militärdienst verabschiedet.
Am 3. Mai lag die Truppenstärke der deutschen und rumänischen Einheiten auf der Krim bei 64.700 Mann. Zwei Tage später begann die 4. Ukrainische Front ihre Generalangriff. Die 336. und rumänische 2. Gebrigsdivision, die die Höhe 104, die den Zugang zum Belbek Tal beherrschte, verteidigten, schlugen russische Angriffe ab. Im Abschnitt des rumänischen 8. Gebirgsbataillons und eines deutschen Infanteriebataillons gelang den Russen der Durchbruch und sie nahmen die wichtige Höhe 104 in Besitz. Wenig später zerriss auch die Front zwischen dem deutschen 1. Bataillon des 686. Regiments im Bereich des Bunkerberges.
Das Ende auf der Chersones Halbinsel
Am 5. Mai begann der erwartete russische Abgriff mit einem Artillerieschlag aus 400 Geschützen und 400 Katjuscha-Raketenwerfern. Der Stoß von fünf russischen Schützendivisionen zielte auf General Hagemanns 336. Division; die Division hielt diesem Druck mehr als 36 Stunden stand. Am 7. Mai eröffnete Jeremenko die Schlacht im Süden und Osten des deutschen 5. Korps mit einem Feuerschlag aus 200 Rohren. Gegen 18.00 hatten die Achsentruppen bereits 5.000 Mann verloren. Nachdem die Sapun Höhe in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai verloren gegangen waren, begann der allgemeine Rückzug nach Chersones, von wo sie per Schiff evakuiert werden sollten. Am 10. Mai wurde das Gelände um den Ort noch heftig mit Artillerie und Flugzeugen bombardiert, bis am 12. Mai das letzte Schiff der Achsenmächte die Gegend verlassen hatte.
Die Verluste der Deutschen betrugen 31,700 Mann, die der Rumänen 23.397 Soldaten. Das Schicksal von weiteren 20.000 ist ungewiss. Die Russen verloren 17.745 Tote und Vermisste, 67.065 Verwundete, 171 Panzer, 521 Geschütze und 179 Flugzeuge. Dieses Desaster hätte vermieden werden können, wenn Hitler einer Evakuierung Ende 1943 und nach dem Verlust der Nickelgruben von Nikopol zugestimmt hätte. So war das Ausmaß der Katastrophe nicht geringer als die von Stalingrad.













