Ein Deutscher als Held Russlands
Am 19. Juni 1996 unterzeichnete der russische Präsident Boris Jelzin den Erlass Nr. 948, der seinem Inhalt nach beispiellos war. Darin hieß es: "Für den im Großen Vaterländischen Krieg gezeigten Mut und Heroismus ist Feodossi Grigorjewitsch Ganus, Unterfeldwebel, posthum der Titel Held der Russischen Föderation zu verleihen."
Am Ende des 20. Jahrhunderts gedachte Russland der Heldentat eines sowjetischen Soldaten, der vor über einem halben Jahrhundert bei Stalingrad gefallen war, und verlieh ihm die höchste Auszeichnung des bereits neuen Staates.
"Das war ein Triumph der Gerechtigkeit, und ich war so glücklich, als hätte ich an der Front eine Höhe eingenommen", sagte Oberst Pjotr Dunajew, Militärhistoriker. "Fehler, Ungerechtigkeit, böses Spiel mit menschlichen Schicksalen sind ebenfalls der Schmerz des Krieges, seine unansehnliche ‚Kehrseite." Wer möchte sie aber auf die rechte Seite kehren?"
Dunajew stieß in einem Archiv auf den Erlass über die Auszeichnung der Besatzung eines KW-Panzers mit dem Titel Held der Sowjetunion. Warum aber sind darin nur vier Familiennamen genannt? Als Berufsmilitär wusste er, dass die Besatzung eines Panzers dieses Typs aus fünf Mann bestand. Zehn Jahre seines Lebens widmete er der Suche nach dem Namen des fünften Besatzungsmitglieds, um die verletzte Ehre dieses Soldaten zu verteidigen. Recht bald erwies sich, dass der "vergessen" Feodossi Ganus, der Nationalität nach nach Deutscher gewesen war. Dunajew war klar: Deutsche, sei es auch eigene, ethnische, wurden nicht ausgezeichnet. Sie wurden überhaupt nicht an die Front geschickt, da man ihnen nicht vertraute. Am 8. September 1941 wurde Stalins Erlass /Nr. 35105/ herausgegeben, in dem es hieß: "Aus den Einheiten, Akademien, militärischen Lehranstalten und Einrichtungen der Roten Armee an der Front und im Hinterland sind die Militärangehörigen des Mannschafts- und des Kommandeursbestandes deutscher Nationalität auszuschließen und in innere Militärbezirke und Wallmeistereinheiten zu kommandieren." Als aber der Krieg die Wolga erreicht hatte, wurde jeder Mann gebraucht. Nur dadurch lässt sich die Tatsache erklären, dass der Deutsche Feodossi Ganus an die Stalingrader Front gelangte.
Angriff auf Pitomnik
Paulus verblieb nur noch ein letzter Flugplatz, der "Pitomnik" hieß. Den Panzersoldaten wurde befohlen, die Höhe Besymjannaja und das Vorwerk Nowaja Nadeschda, die an den Zugängen zu dem Flugplatz lagen, einzunehmen.
Zur Besatzung des Panzerkommandanten, des neunzehnjährigen Leutnant Alexej Naumow gehörten der Oberfeldwebel Pawel Smirnow, Panzerfahrer, der Unteroffizier Pjotr Norizyn, Geschützführer, der Unteroffizier Nikolai Wjalych, Funker, und der Unterfeldwebel Feodossi Ganus, Ladeschütze. Der schwere KW-Panzer fuhr in der Vorhut, es wurden bereits fünf feindliche Panzer bewegungsunfähig geschossen, durch Artilleriefeuer 24 Kraftfahrzeuge mit Infanterie, eine Menge Geschütze und Granatwerfer vernichtet, wodurch die schnelle Einnahme des befestigten Punktes Nowaja Nadeschda gesichert wurde. Ein Zeugnis davon legte später die eingereichte Auszeichnungsliste ab. Der Panzer von Naumow wurde aber beschädigt und manövrierunfähig, feuerte aber weiterhin auf den Feind. Als die Munition ausgegangen war, forderten die Deutschen die Besatzung auf, sich gefangen zu geben. Und sie hörten die Antwort in deutscher Sprache: "Russen ergeben sich nicht!" Der Panzer wurde mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt.
An dieser Stelle steht heute ein Denkmal für die gefallene Panzerbesatzung. Lange Zeit fehlte auf der Marmorplatte der Name Feodossi Ganus, doch heute steht er darauf.
