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Der Weg nach Ypern

Der Schlieffen Plan
Anfang September 1914 konnte der als Kriegs entscheidend geltende Schlieffenplan der Deutschen zu den Akten gelegt werden. Generaloberst Alexander von Kluck, Oberkommandierender der 1. Armee am rechten Heeresflügel, entschloss sich eigenmächtig den Plan zu ändern, Paris nicht wie vorgesehen von Westen zu umrunden, sondern den Schwenk bereits nordöstlich der Stadt zu vollziehen. Dadurch entblößte er seine nur durch Kavallerie geschützte rechte Flanke und lud geradezu die 6. französische Armee zu einem Flankenangriff ein. Dies dämmerte dem deutschen Generalstab erst, als die Spitzen der deutschen Kavallerie mitten in den Aufmarsch der Franzosen gerieten.
 

Von Deutschen gesprengte Marnebrücke
Diese Bedrohung beantwortete die deutsche Führung mit einem Rückzug der 1. Armee in ihre ursprüngliche nordwestliche Angriffsrichtung. Der gesamte Plan wurde dadurch bedeutungslos, da sich wegen dieses Manövers eine 40 km breite Lücke zwischen der 1. Armee und der 2. Armee unter Generaloberst von Bülow auftat, in die sofort Einheiten des britischen Expeditionsheeres unter Führung von Feldmarschall Sir French stießen. Gleichzeitig ging die französische 6. Armee zum Angriff über. Um der Einkreisung zu entgehen zog sich die deutsche 1. Armee zurück, wobei die gesamten deutschen Linien hinter die Aisne zurückgenommen werden mussten. Das „Wunder an der Marne“ brachte die gewaltige deutsche Übermacht zum Stehen.
 

Britische Artillerie an der Marne
Nach dieser Niederlage musste sich das deutsche Feldheer umgliedern, wenn es nicht im ersten Anlauf durch die französisch-britische Gegenoffensive geschlagen werden sollte. Die bisher links von der 1. Armee kämpfende 2. Armee wurde umdirigiert und rechts von der 1. Armee eingeschoben. Deren Platz nahm die aus dem Elsass kommende 7. Armee ein und von Lothringen wurde die 6. Armee beordert, um sich rechts neben die 2. Armee in den Raum Lille einzugliedern. Aber noch aber klaffte zwischen Lille und der Festung Antwerpen eine lange Frontlücke. Die Oberste Heeresleitung (OHL) positionierte sämtliche verfügbaren Reservedivisionen in diese Lücke und unterstellte sie Generaloberst Herzog Albrecht von Württemberg. Die alliierten Truppen reagierten prompt auf die Aktivitäten des deutschen Heeres und begannen ihrerseits mit Truppenverschiebungen in Richtung Nordfrankreich. Der Wettlauf zum Meer hatte begonnen.
 

Die Tuchhalle von Ypern
Die erste Flandernschlacht oder auch Ypernschlacht wird von der deutschen 4. und 6. Armee eröffnet, um die Kanalhäfen Calais und Dünkirchen zu erobern. Diese beiden Städte sind von besonderer strategischer Bedeutung, da über sie fast der gesamte britische Nachschub nach Frankreich erfolgt. Die deutsche 4. Armee versucht an der flandrischen Küste nach Ypern vorzudringen, die deutsche 6. Armee (Kronprinz v. Bayern) stößt aus dem Raum Lille nach Norden vor und kann in kürzester Zeit ihre Front nördlich und nordöstlich stabilisieren. Die vier Reservekorps der deutschen 4. Armee, die zu einem relativ großen Teil (ca. 5 - 10%) aus jungen Kriegsfreiwilligen (Studenten, Notabiturienten etc.) bestanden, sind in aller Eile, ohne genügende Ausbildung, aufgestellt und an die Front geworfenen. Ihnen gegenüber stehen die besten britischen Truppen des Expeditionsheeres, die Garde.
 


Oktober 1914 erreichten die Alliierten Nieuport an der Kanalküste. Am 9. Oktober nahmen die Truppen des Oberbefehlshabers General Erich von Falkenhayns Antwerpen und bewegten sich auf Ypern zu. Ypern, ein wichtiger Kreuzungspunkt von Strasse, Bahn und Schifffahrtswegen gehörte aufgrund seines Tuchgewerbes mit Gent und Brügge zu den mächtigsten Städten Flanderns. Die gotische Tuchhalle aus dem 13/14. Jahrhundert, die ältestes und größte Belgiens, war das Wahrzeichen der Stadt. Zahlreiche Schlachten und Belagerungen hatte diese wunderschöne Stadt seit der englischen Belagerung von 1383 überstanden. Doch das war nichts im Vergleich zu dem was der Ort in den nächsten Jahren erdulden musste.
 

Mythos Langemarck

Field-Marshall Sir John French
Nach dem Fall von Antwerpen zog sich das britische Expeditionsheer unter dem Kommando von Feldmarschall Sir John French nach Ypern zurück. Zwischen dem 8. und 19. Oktober trafen dessen Truppenteile dort ein, um die belgischen und französischen Einheiten zu verstärken. Diese Truppen bildeten einen Halbkreis um Ypern. Die Briten formierten den 35 Meilen langen zentralen Abschnitt, während die Franzosen unter dem Befehl von General Ferdinand Foch die Flanken südlich der Stadt besetzten. Die Alliierten setzten zunächst ihre Hoffnungen in einen koordinierten Angriff, der das schon besetzte Lille befreien und Brüssel nehmen sollte. Doch Falkenhayn durchkreuzte diese Pläne.
 

Der Oberbefehlshaber Erich von Falkenhayn
Er setzte die 4. Armee ein, die aus Kriegsfreiwilligen, Angehörigen der Bildungselite und Akademikernachwuchs, sowie älteren Reserveoffizieren neu aufgestellt worden war und die eine nur achtwöchige mangelhafte Ausbildung absolviert hatten. Der Zahl nach waren die deutschen Truppen überlegen, infolge des unerwartet hohen Verbrauches an Munition erhielten die Angriffskräfte jedoch nicht die notwendige Artillerieunterstützung. Am 20. Oktober eröffnete Falkenhayn die 1. von drei Schlachten um Ypern.
 

Die Angriffsrichtung bei Langemark
Der Schlachtplan sah vor, dass das XXVI. Reservekorps unter General der Infanterie Freiherr von Hügel mit der 51. Reservedivision (Generalleutnant von Dankenschweil) und der 52. Reservedivision (Generalleutnant Waldorf) über Paschendaele, Poelkapelle und Langemark die Stadt Ypern von Norden umfassen sollte. Beide Divisionen bildeten links und rechts Schwerpunkte, um einen schnellen Durchbruch zu erreichen. Vom 20. Oktober bis Mitte November tobte diese erste Ypernschlacht. Der „Mythos Langemarck“ wurde laut deutschen Berichten am 10. November geboren. Damals sollen Studenten und andere junge Freiwillige gegen die französischen Linien mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gestürmt und gefallen sein.
 

Langemark fand den Weg in das deutsche Bewusstsein durch eine Meldung der Obersten Heeresleitung am 11. November 1914: "Westlich von Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange "Deutschland, Deutschland über alles" gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2000 Mann französischer Linieninfanterie wurden Gefangen genommen und sechs Maschinengewehre erbeutet." Diese leidenschaftliche Nachricht, die aus einer militärischen Katastrophe einen Sieg macht, wird in Zukunft tausendfach erwähnt und wiederholt, um den „Mythos Langemarck“ zu verstärken.
 

Britischer Graben bei Langemark
Ulrike Brunotte, Kulturwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität in Berlin, schrieb am 11. November 2004 in der Frankfurter Rundschau: „Der Mythisierung wurde unter anderem durch schlichte kosmetische Mittel wie der manipulierten Namensgebung auf die Sprünge geholfen: Langemarck statt Ypern. Klingt Langemarck doch markiger, erinnert an Königsmark oder auch Bismarck. Ein weiteres Mittel zur Mythenbildung ist die ständige Beschwörung der "jungen Regimenter", die in der Legendenbildung bald mit "Studenten" und "Gymnasiasten" verknüpft wurden, obwohl nur etwa ein Drittel der eingesetzten Truppen aus akademischer Jugend bestand. Die Vorsilbe "jung" war bereits um 1900 zu einer magischen Formel geworden. Bis 1914 freilich sollte der "Mythos der Jugend" militarisiert werden, um sich schließlich nach 1918 zu einem Kampfbegriff zu wandeln. Wobei die Macht der "Jugend von Langemarck" vor allem von ihrem Gesang ausgehen sollte. Mit ihm wurde später die "Ewigkeit" eines "unschlagbaren Deutschland" verknüpft“.
 

Ungereimtheiten

Diese Darstellung der Dinge ist aber reine Fiktion. Der britische Historiker Robert Cowley schrieb im Frühjahr 1998 im „The Quarterly Journal of Military History“ dass bereits das Datum des Angriffes falsch gewesen wäre. Eine Begebenheit, die der Wahrheit näher kommt, fand bereits am 9. November statt. Nicht bei Langemark, sondern bei Bikschote. Und es wurden auch keine feindlichen Gräben eingenommen. Das Kriegstagebuch des 206. Reserve Infanterie Regiments, veröffentlicht im Jahre 1931, berichtet davon. Der Autor, Werner Maywald schreibt: “Um sechs Uhr morgens am 9. November verlassen die Soldaten mit ungeladenen Gewehren, das Bajonett aufgesteckt, den Graben fast lautlos. Französische Truppen entdecken die Angreifer und eröffnen das Feuer. In diesem Moment beginnt der Gesang. Zuerst nur einer, dann eine kleine Gruppe, zum Schluß die gesamte Formation:Deutschland, Deutschland über alles! Selbst die Verwundeten stimmen ein! Der Angriff richtet sich gegen die französischen Stellungen und tötet 14 Offiziere, sowie 1,154 Männer, meist ältere Soldaten der Territorial Regimenter.“
 

Deutscher Grabven bei Ypern 1915
Die Tatsache, dass nicht Langemark der Ort der Handlung war, sondern Bikschote, kümmerte die Legendenstricker nicht. Langemark wird im belgischen mit einfachem K geschrieben. Die deutschen Propaganda Spezialisten der Obersten Heeresleitung aber schrieben den Ort mit CK. Das sah und klang heroischer aus. Bikschote hingegen hatte jedoch nicht den heldenhaften Ausdruck und wurde daher ignoriert. Aber nicht nur diese Tatsache ist merkwürdig. Es gab nicht nur ein „Langemarck“, es gab mehrere. Zwischen dem 21. Oktober und dem 16. November wurden solche “Angriffe mit Gesang“ von verschiedenen Stellen der Ypern-Front gemeldet. Von der Yser über den Langemark Abschnitt bis nach Neuve Chapelle.
 

Am 21. Oktober berichtet ein britischer Augenzeuge in der Nähe von Zonnebeke, acht Kilometer von Langemark entfernt, von solch einem Zwischenfall: ”Junge deutsche Freiwillige mit Studentenmützen stürmten den Hügel von Paschendaele hinunter, singend und ihre Gewehre schwenkend. So bald wir die erste Welle der Angreifer niedermähten, wurden ihre Plätze von anderen eingenommen. Selbst als ihre eigene Artillerie in ihre Reihen hielt, griffen sie weiter an. Sie waren unglaublich, irrsinnig tapfer“.
 

Kameradschaft 1917
Solche Meldungen gelangten natürlich sehr schnell nach London. Sir Henry Wilson, stellvertretender britischer Stabschef, schrieb am 24. Oktober in sein Tagebuch über eine solche Aktion bei Langemark: ”Das I Korps hat die Deutschen in die Mangel genommen… Diese Deutschen griffen in enger Formation fünfmal an und sangen „Die Wacht am Rhein“ und das Gelände wurde eine Schlachtbank“.
 

Hitler im 1. Weltkrieg
Nach dem Krieg wurde in Deutschland die Legende zunächst von eben den bürgerlichen Schichten getragen, deren Kriegsbegeisterung erfüllt war vom Kampfeswillen für die "überlegene Kultur" Deutschlands. Sie gab dem verlorenen Krieg nachträglich Sinn. Doch zu einer Vision für die Zukunft sollte sie im Laufe der Zeit noch werden. Die erste Langemarck-Feier wurde 1919 von einem Reservistenverband eines an der "ersten Ypernschlacht" beteiligten Korps durchgeführt.
 

Zwischen Langemark und Bikschote
Innerhalb der Jugendbewegung und der Studentenschaft wurde "Langemarck" schnell zum "Sinn- und Urbild jugendlicher Erhebung". In diesem Sinne hielt der konservativ-bündische Autor Rudolf G. Binding, auch ein Ypern Kämpfer, am 11. November 1924 bei der Enthüllung des Ehrendenkmals für die Gefallenen von Langemarck auf dem Heidelstein in der Rhön eine folgenreiche Rede: "Dieses Geschehen", so Binding vor den 2000 Versammelten der Bündischen Jugend, "gehört schon nicht mehr der Geschichte an, wo es einst dennoch erstarren und begraben sein würde, sondern der unaufhörlich zeugenden, unaufhörlich lebendigen Gewalt des Mythos."
 

Hitler als Melder im 16. Bayerischen Infanterie Regiment
Während der Weimarer Republik wurde "Langemarck" jährlich von nationalistischen und rechtskonservativen Studenten- und Heereskreisen mit großem inszenatorischem Aufwand zelebriert. Von besonderer Bedeutung waren die Gedenkfeiern von 1919, 1924, 1929 und 1932. Die antirepublikanische Gedenkkultur um "Langemarck" war es vor allem, die von der NSDAP benutzt wurde, um Teile der akademischen Jugend für sich zu gewinnen.
 

Langemarck Poster in der Nazizeit
Ulrike Brunotte schrieb in der Frankfurter Rundschau über Propaganda-Waffe „Langemarck“:“Die Nationalsozialisten entwickelten einen umfangreichen Langemarck-Kult. Ob es der sogar mit der Einrichtung eines "Langemarck-Studiums" arbeitenden NS-Propaganda letztlich gelang, den "Mythos von Langemarck" in den Köpfen der gesamten Bevölkerung zu verankern, ist unter Historikern bis heute umstritten. Unzweifelhaft aber ist: Der eher romantisch von heldenhaftem Opfermut erfüllte nationale Mythos der "Jugend von Langemarck" gehört ebenso in die Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs und seiner politischen Folgen wie die weitaus realistischer wirkenden Verdun-Legenden, die den "Neuen Menschen" als Kampfmaschine unterm Stahlhelm zeichneten.
 

Langemarckhalle im Olympiastadion Berlin
Dieser von den Nazis geschürte Kult manifestierte sich auch in architektonischer Art und Weise. 1936 wurde das Olympia Stadion in Berlin für die Olympischen Spiele eingeweiht. Teil der Anlage ist die Langemarckhalle unter den Maifeldtribünen. Die Absicht ihrer Erbauer ist unverkennbar. Sie führt eindringlich den doppelten Jugendkult der Nationalsozialisten zusammen: den Körperkult sportlicher Ertüchtigung und den Opferkult soldatischen Mutes.
 

Zurückhaltung bei Hitler

Hitler besucht Langemark
Im Gegensatz zu den Propagandaaktivitäten der NS Partei verhielt sich Adolf Hitler eher zurückhaltend. Er war am 10. November 1914 als Soldat des Bayerischen Reserve-Infanterieregiments Nr. 16 bei Ypern stationiert, weshalb er sich mitunter als "Langemarck-Kämpfer" bezeichnete. Trotzdem schenkte Hitler dem Mythos nur wenig Beachtung. Grußworte, die er für Langemarck-Gedenkschriften verfasste, waren stets auffallend knapp und distanziert gehalten. Der romantisch verklärte Soldatentod bei Ypern widerstrebte seinem Idealbild vom entmenschlichten Kämpfer, der als Werkzeug einer Ideologie agiert. Dennoch besuchte er den Soldatenfriedhof von Langemark im Juni 1940.
 

Rekrutierungsposter für die SS Freiwilligen Sturmbrigade Langemarck
Die Waffen SS hingegen nutze bis zum Ende den Mythos für ihre Zwecke. Der erste Langemarck Verband war die 6. SS Freiwilligen Sturmbrigade, der letzte das SS Panzerregiment 10 „Langemarck“ der SS Panzerdivision „Frundsberg“.
 

Der eigentliche Anlass zum „Mythos Langemarck“, die erste Ypernschlacht, die den Deutschen die Einnahme der Kanalhäfen und den Durchbruch in die Tiefe des Raumes bringen sollte, endete in einem Patt. Ende Oktober öffneten belgische Truppen die Seeschleusen bei Nieuport und setzten das Schlachtfeld unter Wasser. Die deutschen Verbände müssen sich daher wieder hinter die Yser zurückziehen. Mit der Flutung werden alle Bemühungen der Deutschen, nördlich von Ypern einen Durchbruch zu erzwingen von belgischen Truppen verhindert. Zu diesem Zeitpunkt war die deutsche Offensive bereits gescheitert, obwohl sich die Heeresleitung dies nicht eingestehen mochte. Einer der Gründe für die Niederlage war das mörderische Abwehrfeuer der Engländer. Englische Schützen feuerten bis zu 15 Schuss pro Minute mit ihren Lee-Enfield-Gewehren.
 

Tuchhalle von Ypern 1917
Von Flakenhayn erneuerte am 31. Oktober die Offensive an der Strasse von Menim. Dieser Vorstoß wurde erst bei Gheluveld durch eiligst zusammengeraffte Reste völlig zerschlagener Regimenter gestoppt. Bis zum 22. November, dem Tag, den Historiker als das Ende der ersten Ypernschlacht bezeichnen, fielen 24.000 Briten und 50.000 Deutsche. Die Deutschen besetzten die Höhen um Ypern und gruben sich wie ihre Gegner ein.