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Revolution

Sturm auf die Bastille
(Jean Pierre Houel)
Die Situation in Frankreich im Jahre1792 war durch die Revolution geprägt. Das Feudalsystem war aufgehoben und Frankreich wurde konstitutionelle Monarchie. König Ludwig XVI. war machtlos und wurde nach dem Sturm auf die Tulerien interniert. In geheimen Appellen schrieb er an König Karl IV. von Spanien und vor allem an Kaiser Leopold II. von Österreich.
Als im März 1792 Kaiser Leopold II. starb und sein Sohn Franz II. den Thron in Österreich bestieg, standen alle Zeichen auf Krieg. Franz II. forderte Frankreich auf, das Feudalrecht für die linksrheinischen deutschen Fürstenbesitze wiederherzustellen. Frankreich wiederum forderte Österreich ultimativ auf, die französischen Emigranten in Mainz und Koblenz zu vertreiben. Frankreichs Kriegserklärung an Österreich erfolgte am 20. April 1792. Die Koalitionskriege begannen.
 

Francois-Christoph Kellermann
Eine der besten Beschreibungen der Kanonade von Valmy veröffentlichte (neben Goethe) Sir Edward Shepherd Creasy in seinem Standardwerk „Fifteen Decisive Battles of the World – From Marathon to Waterloo“ im Jahre 1851. Sein Bericht beginnt mit einer Würdigung von Francois Christoph Kellermann, auch de Kellerman geschrieben. Er stammte von einer sächsischen Familie ab, die sich in Straßburg angesiedelt hatte und in den Adelsstand erhoben worden war. 1752 ging er als Freiwilliger in ein französisches Husarenregiment, kämpfte als Unteroffizier in mehreren Feldzügen im Siebenjährigen Krieg und in Ludwigs XV polnischer Expedition von 1771 und trug 1788 bereits den Rang eines Generalmajors (Maréchal de Camp). Er schloss sich der Revolution an und erhielt 1792 an Luckners Stelle das Kommando über die Moselarmee. In dem Bericht von Creasy heißt es:
 

Charles-Francois Dumouriez
Am Abend der Schlacht (Valmy) sah die Aussicht auf einen Erfolg der Demokratie in Europa nicht gut aus und es sähe noch düsterer aus, hätten die Truppen des Herzogs von Braunschweig ihre Angriffe mit größerer Unerschrockenheit vorgetragen und hätten die Linien von Domouriez (Charles-François du Périer du Mouriez, genannt Dumouriez, Oberbefehlshaber neben Kellermann) mit geringerer Entschlossenheit gehalten.
 

Als Frankreich 1792 den europäischen Großmächten den Krieg erklärte, war es weit davon entfernt eine schlagkräftige Armee zu besitzen, auch wenn es glaubte, dass die Revolutionsfeldzüge eine andere Botschaft verbreitet hätten. Während der Herrschaft von Ludwig XV war die Armee der alten Monarchie sowohl an Zahl ihrer Soldaten, schlechter Ausrüstung und Kampfgeist geschrumpft. Die Regimenter, die Ludwig XVI nach Nordamerika schickte, taten wenig, den schlechten Ruf aufzupolieren. Die Insubordination und Zügellosigkeit, die die französische Garde und später weitere Truppenteile anfangs an den Tag legten, griff weiter in allen Rängen um sich.
 


Die Gesetzgebende Nationalversammlung nahm jede Anschuldigung eines Soldaten gegen einen Offizier gierig auf, egal wie frivol, wie grundlos und dumm und untersuchte sie mit großer Voreingenommenheit auf der Basis von Freiheit und Gleichheit. Die Disziplin ließ daher auch immer mehr nach. Die Auflösung einiger alten Korps, mit der Behauptung, sie seien aristokratisch gefärbt, steigerte die Konfusion und Unfähigkeit des Kriegsministeriums. Viele der besten Regimenter während der letzten Tage der Monarchie bestanden aus Ausländern. Diese wurden entweder bei der Verteidigung der Monarchie gegen die Aufrührer niedergemetzelt oder hatten sich aufgelöst, die Grenze überschritten und sich den Kräften angeschlossen, die die Revolution beseitigen wollten.
 

Vor allem die Emigration des Adels hatte die Armee fast all ihrer höheren Offiziere und die meisten der niedrigeren Offiziersränge gekostet. Mehr als 12.000 von Frankreichs jungen Adeligen, die gedrillt waren, das Militär als väterliches Erbgut zu betrachteten, und auf die die Nation als ihre Verteidiger bauten, hatten sich unter das Banner des Conde und der anderen Emigranten-Prinzen gestellt. Ihr Ziel war der Umsturz der Armee und die Einnahme der französischen Hauptstadt. Ihre Nachfolger in den Regimentern und Brigaden hatten weder Sachkenntnis, noch Erfahrung: sie besaßen weder Selbstvertrauen, noch den Respekt ihrer Untergebenen.
 

Dies war der Zustand der alten Armee. Die neue hingegen, mit der Frankreich in den Krieg zog, setzte sich aus frisch ausgehobenen aufständischen Truppen zusammen, die ziemlich unzuverlässig waren. Die Carmagnoles, wie die revolutionären Freiwilligen genannt wurden, strömten in Massen aus allen Departements zur Grenze, nachdem der Krieg erklärt wurde und die grausamen Jakobiner das Land in Gefahr wähnten.
 

Raufbolde und Verbrecher

Sie waren voller Begeisterung und Mut “erhitzt und erregt durch die Bilder der Revolution und entflammt von glühender Beredsamkeit, den Liedern, Tänzen und Schlagwörtern mit denen sie gefeiert wurde“ (Scott, Life of Napoleon). Aber sie waren hoffnungslos undiszipliniert, ungeduldig gegenüber ihren Vorgesetzten und unempfänglich gegenüber jeder systematischen Kontrolle. Viele Raufbolde, besudelt von blutrünstigen Verbrechen, zogen in die Ausbildungslager und waren verantwortlich sowohl für Feigheit vor dem Feind als auch für Meuterei gegenüber ihren Offizieren.
 

In einem Fall, vor der Schlacht von Valmy, schlossen sich acht Bataillone, die sich Massaker und Meuterei schuldig gemacht hatten, Dumouriez an. Schon bald bedrohten sie die älteren Offiziere und behaupteten in aller Öffentlichkeit, dass diese Verräter wären und dass es notwendig wäre, die Armee zu säubern wie sie auch Paris von ihren Aristokraten gesäubert hätten.
 

Dumouriez postierte diese Bataillone weit entfernt von den übrigen Truppenteilen, platzierte eine starke Abteilung Kavallerie hinter ihnen und zwei Kanonen an ihrer Flanke. Dann, stellte er sich, umringt von seinem gesamten Stab und geschützt durch etwa 100 Husaren wie bei einer Parade vor diese Truppe und begann mit einer knappen Rede: “Leute“, sagte er, “denn ich will euch weder Bürger noch Soldat nennen. Ihr seht die Artillerie und ihr seht die Kavallerie. Ihr seid gezeichnet von Verbrechen und ich dulde hier keine Mörder oder Henker. Ich weiß es sind Halunken unter euch, die euch zu Verbrechen anstacheln. Vertreibt sie oder denunziert sie, denn ich werde euch zur Rechenschaft ziehen“
[Lamartine, franz. Literat.]
 

Marechal de Rochambeau
Die ersten Ereignisse waren natürlich für Frankreich verhängnisvoll und entsetzlich. Selbst wenn man bedenkt, in welchem Zustand sich die Nation, die Armee und die Regierung befand. In der Hoffnung, dass die Österreich-Niederlande unvorbereitet zeigen würde, eröffnete Frankreich den Feldzug von 1792 mir der Invasion Flanderns. Die numerische Überlegenheit Frankreichs schien ein Garant für einen schnellen Sieg auf dem alten Schlachtfeld Europas zu sein. Aber das erste Aufblitzen eines österreichischen Säbels und der erste Donner einer österreichischen Kanone war schon genug, um die Franzosen in die Flucht zu schlagen.
 

Marschall Nicolas Luckner
Ihr erstes Korps, das von Lille kommend die Grenze überquerte, war bald darauf mit einer kleinen Abteilung von Tournai konfrontiert. Nicht ein Schuss fiel, nicht ein Bajonett wurde gegen den Feind gerichtet. Mit einem Panikschrei rannten die Franzosen bis nach Lille zurück. Dort ermordeten sie ihren General und einige seiner Generalstabsoffiziere.
Am gleichen Tag sah eine französische Division mit mehr als 10.000 Soldaten unter Biron ein paar österreichische Soldaten, die die französischen Stellungen auskundschafteten. Die französischen Vorposten hatte kaum eine Salve abgefeuert, kaum ein paar Feldgeschützgeschosse in ihre Reihen einschlagen sehen, als zwei Regimenter Dragoner mit dem Schrei „wir sind verraten“ davon galoppierten. Schnell gefolgt von der gesamten Armee.
Ähnliche Vorkommnisse gab es fast überall wann immer die Generale Rochambeau, Luckner oder La Fayette ihre Truppen an den Feind brachten.
 

Marquis de Lafayette
Währenddessen hatten die Alliierten eine starke und disziplinierte Armee von gut ausgebildeten Soldaten und Veteranen am Rhein zusammengezogen, die in Bezug auf Mannstärke, Bewaffnung und Klasse der Generalität und Mannschaft das Beste war, das Deutschland jemals gegen Frankreich in Stellung gebracht hatte. Der Schlachtplan sah einen starken und schnellen Vorstoß durch die Ardennen über Chalons nach Paris in das Herz Frankreichs vor. Die Hindernisse, die in ihrem Weg lagen, schienen von keiner Bedeutung zu sein. Das Durcheinander und die Dummheit der französischen Armeen wurden sogar noch durch die Flucht von La Fayette nach den Septembermorden (2.-7. September 1792) und dem überraschenden Wechsel von Generälen übertroffen. Die einzigen Verbände, die auf oder nahe der vermuteten Vormarschrichtung standen, waren die 23.000 Mann bei Sedan, die von Lafayette kommandiert worden waren, sowie einem Korps von 20.000 Mann bei Metz, dessen Kommando gerade von Luckner an Kellermann übergeben worden war. Es gab nur drei Festungen, die von den Alliierten eingenommen werden mussten: Sedan, Longwy und Verdun. Es war bekannt, dass Verteidigungsanlagen, Ausrüstung und Versorgung auf niedrigem Stand war. Falls diese Bastionen vom Feind genommen werden sollten, falls Chalons erobert werden sollte, dann lag nur noch eine fruchtbare und unverteidigte Landschaft zwischen den Invasoren und der „Militär Promenade“ wie man Paris fröhlich bei den Deutschen nannte.
 

Siegreicher Vormarsch

Ende Juli waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, die Quartiere geräumt und die Armee Richtung Luxemburg und Longwy an die französische Grenze in Marsch gesetzt. 80 000 Preußen, viele noch unter den Augen von Friedrich dem Großen ausgebildet und im Siebenjährigenjährigen Krieg trainiert, generell als beste Truppe Europas gerühmt, marschierte in einer großen Kolonne gegen das Zentrum der französischen Verteidigung. 45.000 österreichische Soldaten, die Masse davon handverlesen und erst kürzlich im türkischen Krieg erprobt, formierten zwei Korps, die die Flanken der Preußen deckten.
 

Daneben gab es noch die mit den Deutschen verbündeten 15 000 Mann der nobelsten und tapfersten französischen Soldaten. So dienten Hochwohlgeborene, Sprösslinge von Häusern deren Ritterlichkeit Europa mit Ruhm erfüllt hatte, in Reih und Glied. Sie schauten auf die Strasse nach Paris, auf den Pfad, den sie mit ihren Schwertern tranchieren wollten zu Ruhm und Ehre, zur Rettung ihres Königs, zum Wiedersehen ihrer Familien, zur Rückeroberung ihres Erbes und der Wiederherstellung von Ordnung.
 

Karl Wilhelm Ferdinand Herzog von Braunschweig
Oberkommandierender dieser Streitmacht war Karl Wilhelm Ferdinand, der Herzog von Braunschweig. Ein großer Staatsmann und General, der sich große Meriten im Siebenjährigen Krieg erwarb und neben Friedrich dem Großen selbst als bester Militär in Preußen galt.
Man hatte ihn einige Jahre vorher nach Holland geschickt um eine mögliche Revolution zu unterdrücken, was ihm auch mit eine unglaublichen Konsequenz gelang. Nun befand er sich in einer ähnlichen Mission auf dem Marsch nach Paris.
 

Majestätisch bewegte sich die Marschsäule mit einer Gelassenheit vorwärts, die das Bewusstsein von Überlegenheit manifestierte. In der Sicherheit die Arbeit gewissenhaft zu erfüllen, erschienen die Alliierten am 20. August vor Longwy. Nach einem kurzen Bombardement öffnete die desillusionierte Besatzung die Tore und ergab sich. Am 2. September kapitulierte die erheblich stärkere Festung Verdun nach einem Schatten von Widerstand.
 

Des Herzogs von Braunschweig überlegene Streitmacht war nun zwischen Kellermann`s Truppen links und den Truppen bei Sedan, die nach La Fayettes Flucht immer noch keinen Befehlshaber hatten, eingeklemmt. Es lag in der Hand des deutschen Generals diese schwachen Kräfte mit kräftigen Stößen zum Einsturz zu bringen und damit den Weg nach Paris unwiderruflich zu öffnen. Zu diesem Zeitpunkt aber erscheint Dumouriez als neuer Befehlshaber in Sedan. Er gruppiert sofort seine Truppen um und griff die preußischen Kolonnen an, wo sie sich fast am Ziel wähnten. Es gelingt ihm sogar diese Truppen wieder hinter die Grenze zu werfen.
 

Die französischen Festungen waren gefallen aber die Natur bot noch weitere Möglichkeiten für die tapferen und tatkräftigen Verteidiger, eine Barriere gegen die Invasoren zu errichten. Ein Höhenzug mit Bergen und Tälern, die Argonnen, erstreckt sich von den Vororten Sedans bis zu 75 Kilometer in südwestliche Richtung. Heute stellt das Gelände keine Problem mehr dar, aber 1792 war es dicht bewaldet und die niedriger gelegenen Landschaften waren mit Rinnen, Bächen und Sümpfen durchzogen. Dieses 60 Kilometer breite Gelände war für eine Armee absolut unpassierbar und man musste sich daher auf wenige Engpässe konzentrieren, die selbst schwächere Truppen leicht befestigen und verteidigen konnten. Dumouriez gelang es, seine Armee von Sedan hinter den Argonnen nach Süden zu verlegen und die Pässe zu sperren, während die Preußen sich immer noch am nordöstlichen Teil der Argonnen aufhielten.
 

Dumouriez forderte Kellermann auf, von Metz nach St. Menhould einzuschwenken und seine Verstärkungen aus dem äußersten Norden und dem Innern ebenfalls dort zu konzentrieren. Er wollte eine starke Streitmacht im Rücken des südwestlichen Ausläufers der Argonnen zusammenziehen, während seine eigenen Truppen die Pässe sperrten und den Feind zwingen sollte lange Umwege zu machen. Dabei hoffte er dass sich Möglichkeiten ergeben würden, den Gegner in der Flanke zu packen.
 

Graf Clairfayt
Dumouriez sperrte nun die Hauptdurchgangsstrassen und erfreute sich an den “Thermopylen” die er für seine Gegner errichtet hatte. Doch sein Lächeln gefror, als ein Pass, den er als nicht so wichtig erachtet hatte und daher nur schwach besetzt hielt, von einem österreichischen Korps unter der Führung von Clairfayt angegriffen wurde. Nur unter allergrößten Mühen gelang es ihm der Umfassung und Vernichtung zu entgehen. Aber anstatt den Fehlschlag einzugestehen, hielt er an seinem ursprünglichen Plan fest.
 

Für einige Zeit “hing Frankreichs Zukunft an einem seidenen Faden” wie er selber sagte. Es gelang ihm tatsächlich eine starke Position bei Ste. Menehould zu errichten, die einerseits durch Sümpfe und Flussarme der Aisne und Auve, andererseits durch dass Hochplateau im Nordwesten, bekannt als Dampierre`s Camp geschützt war. Eine ausgezeichnete Stellung, die Strasse Chalons – Paris zu beherrschen. Hier wollte er Kellermanns Armee platzieren, sobald sie herangekommen war. (Später soll es Historiker geben, die behaupten, dass der Herzog von Braunschweig nicht die Absicht hatte Dumouriez anzugreifen. Dafür gibt es aber keine Beweise und es entspricht wohl eher dem Gedanken preußische Wunden zu lecken)
 

Die Nachricht vom Rückzug Dumouriezs von den Argonner Pässen und die panische Flucht einiger seiner Divisionen machte schnell die Runde. Kellermann, der annahm, dass die Armee seines Partners vernichtet wäre, und befürchtete zwischen die siegreichen Massen des preußischen Heeres zu fallen, hielt auf seinem Marsch von Metz kurz vor St. Menehould an.
 

Er hatte soeben mit einer Rückwärtsgehenden Drehung begonnen, als Kuriere Dumouriez`s ihn von diesem unheilvollen Manöver abhielten. Nun setzte er seine Drehung um die Nachhut und die linke Flanke fort und seine Truppen, sowie weitere Tausende, die sich ihm auf dem Weg von Metz angeschlossen hatten, tauchten westlich von Dumouriez auf.
 

Am gleichen Abend trafen zwei Stabsoffiziere Dumouriez`s , Westerman und Thouvenot, mit der Nachricht ein, dass die Armee des Herzogs von Braunschweig in voller Stärke über die Pässe marschiert wäre und auf den Höhen von La Lune in Stellung ging. La Lune ist eine Reihe von Anhöhen, die im schiefen Winkel von Südwest nach Nordost gegenüber der Hochfläche, die Dumouriez besetzt hielt, verläuft. Etwas näher gegenüber lag auch der Raum, den Kellermann besetzen sollte.
 

Die Kanonade von Valmy

Die Alliierten waren nun Paris näher als die Franzosen selbst, aber genau wie es Dumouriez vorausgesehen hatte, erschien es dem Herzog von Braunschweig als zu unsicher direkt auf die Hauptstadt zu marschieren, wissend, dass eine starke Streitmacht hinter seinem Rücken seine Truppen zwischen Vor- und Nachhut gefährden könnte.
 

Der junge König von Preußen und die französischen Adeligen drängten den Herzog, den nächst stehendem Verband anzugreifen. Kellermann hatte sich in der Zwischenzeit selbst unnötigerweise aus der Deckung gewagt und rückte über sein vorgesehenes Terrain am Dampierre`s Camp weiter über die Auve zum Plateau von Valmy vor. Diese Stellung war weit schlechter als die, die er verlassen hatte und er ließ eine große Lücke offen zwischen seinen und Dumouriez`s Kräften. Es schien ein leichtes für die Preußen zu sein,
ihn zu isolieren und anschließend Dumouriez`s Truppen einzukreisen und zu vernichten.
 

Wie geplant rückte am grauen Morgen des 20. Septembers der rechte Flügel der alliierten Armee vorwärts mit dem Ziel, Kellermanns linke Flanke und rückwärtige Verbände zu überwinden und ihm so den Rückzug nach Chalons abzuschneiden, während der Rest der Armee von den Höhen von La Lune, die hier halbkreisförmig um das Plateau von Valmy zusammenlaufen, seine Front angreifen und sich zwischen Kellermann und Dumouriez setzen sollte.
 

Ein unerwartetes Zusammentreffen von Kavallerie beider Seiten in der Niederung warnte Kellermann vor dem Vormarsch des Gegners. Dumouriez, obwohl isoliert, sah die Gefahr in der sich Kellermann befand und beorderte Truppen an seine beiden Flanken, um ihn im Falle des Angriffs zu unterstützen. Diese Truppen gingen jedoch nur langsam vor und Kellermanns Armee, aufgestellt auf dem Plateau von Valmy, „warf sich wie ein Umhang auf die Linien der preußischen Bajonette“ [Lamartine, Hist.Girond. livre xvii. Ich habe vieles der nun folgenden Beschreibungen von ihm übernommen]
 

Ein dichter Herbstnabel wehte in Schwaden über die weiten Flächen und Einschnitten, die zwischen den beiden Armeen lagen und ließ nur die Hügelspitzen in hellem Morgenlicht erscheinen. Gegen 10.00 begann sich der Nebel zu lichten. Die Franzosen konnten nun von ihrer erhöhten Position aus durch Nebel und Sonnenstrahlen sehen, wie sich die zahllose preußische Kavallerie in Stellung brachte, wie sich die soliden Infanterieformationen wie von einem einzigen Willen gesteuert entfalteten, die blitzenden Batterien der Artillerie und die glänzenden Haufen der leichten österreichischen Infanterie langsam vorwärts bewegte. Selbst die tapfersten Franzosen mussten angesichts dieses Schauspiels ihre Furcht unterdrücken.
Egal wie tapfer und resolut auch ein Mann in Ausübung seiner Pflicht sich verhalten mochte, es ist ein Angst einflössender Moment, wenn man gezwungen ist mit seinen Kameraden der Gefahr ins Auge zu sehen, ohne zu wissen, ob sie dem Druck standhalten würden.
 

Jeder Soldat in Kellermanns Armee muss sich der vielen vergangenen Panikaktionen bewusst gewesen sein, die sich in der Vergangenheit in der französischen Armee abgespielt hatten. Er muss nach links und rechts geschaut haben, um eventuelle Symptome von Zaudern zu erkennen, er muss kalkuliert haben, wann die Masse flüchten würde, die ihn entweder mitreißen oder allein zurücklassen würden, um von der angreifenden Übermach in Stücke gehauen zu werden.
 


An diesem Morgen, als die Alliierten und die Emigranten von La Lune kommend angriffen, und während die Kanonade zwischen den preußischen und französischen Batterien eröffnet wurde, begann die Debatte im Nationalkonvent in Paris über die Proklamierung der französischen Republik.
 

König Louis Philippe

Einer, der unter Kellermann an diesem Tage diente war jemand, der vielleicht am intensivsten den Wechsel von Gut und Böse erlebte, die die französische Revolution mit sich brachte. Dieser Mann, in seinem zweiten Exil, hieß Louis Philippe d'Orléans, der spätere König Louis Phillipe. Er war ein junger, mutiger Offizier, kühl und scharfsinnig trotz seines Alters, dem Kellermann und Dumouriez voll vertrauten und ihn mit einem wichtigen Kommando betrauten. Der Duc de Chartre, ein Titel, den er damals inne hatte, kommandierte den rechten Flügel, General Valence den linken und Kellermann selbst übernahm die Verantwortung für das Zentrum, die Schlüsselposition.
 

Goethe im "Kanonenfieber"

Johann Wolfgang von Goethe
Neben diesen berühmten Persönlichkeiten der französischen Armee und neben dem König von Preußen, dem Herzog von Braunschweig und anderen hochrangigen Militärs auf Seiten der Alliierten, gab es eine weitere Person auf dem Schlachtfeld, die weniger mit Politik zu tun hatte aber dafür einen weitaus größeren Einfluss auf den menschlichen Geist ausübte, und dessen Ruhm größer war als der irgendeines General, Herzog oder König. Dieser Mann war der deutsche Dichter Goethe, der die alliierte Armee eher aus Neugierde auf ihrem Marsch nach Frankreich begleitete. Er hat uns einen Augenzeugenbericht seiner Eindrücke während der Kanonade hinterlassen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass wie er, einige Tausend Mann in der französischen Armee das „Kanonenfieber“ auch das erste Mal erlebten. So schreibt der Dichter in „Goethes Kampagne in Frankreich 1792":
 

Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehört und wünschte zu wissen, wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den jede Gefahr zur Kühnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses war wieder von den Unsrigen besetzt, gewährte jedoch einen gar wilden Anblick: Die zerschossenen Dächer, die herum gestreuten Weizenbündel, die darauf hie und da ausgestreckten tödlich Verwundeten, und dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herüber verirrend, in den Überresten der Ziegeldächer klapperte.
 

Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Höhenweg und konnte deutlich die glückliche Stellung der Franzosen überschauen; sie standen amphitheatralisch in größter Ruh’ und Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flügel eher zu erreichen.
Mir begegnete gute Gesellschaft: Es waren bekannte Offiziere vom Generalstab und vom Regiment, höchst verwundert, mich hier zu finden. Sie wollten mich wieder mit sich zurücknehmen, ich sprach ihnen aber von besonderen Absichten, und sie überließen mich ohne weiteres meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn.
 

Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber spielten; der Ton ist wundersam genug, als wäre er zusammengesetzt aus dem Brummen des Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen eines Vogels. Sie waren weniger gefährlich wegen des feuchten Erdbodens: Wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein törichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des rikoschettierens gesichert.
 

Unter diesen Umständen konnte ich jedoch bald bemerken, dass etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Ort und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der den Zustand so wie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grässlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.
Als ich zurück geritten und völlig in Sicherheit war, fand ich bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung übrig geblieben sei. Es gehört übrigens dieser Zustand unter die am wenigsten wünschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich leidenschaftlichen Trieb hiernach geäußert hätte... So Goethe
 

Im Gegensatz zu den Erwartungen von Freund und Feind, hielt die französische Infanterie ihre Stellung trotz des Artilleriefeuers von La Lune. Und ihre eigene Artillerie erwiderte es mit dem gleichen Geist und noch größerem Effekt in den dichter gedrängten Formationen.
Kellermann, der meinte die Preußen würden beim Schiessen trödeln, formierte eine Angriffsformation und stieß hinab ins Tal, in der Hoffnung, einige Geschütze der Preußen erobern zu können. Eine getarnte Batterie hielt jedoch direkt in diese Formation hinein und schlug sie zurück. Kellermanns Pferd wurde unter ihm getroffen und nur mit Mühe gelang es seinen Leuten ihn in Sicherheit zu bringen. Nun rückten die preußischen Kolonnen der Reihe nach vor. Französische Artilleristen begannen zu wanken und ihre Posten zu verlassen, wurden aber durch den beispielhaften Einsatz ihrer Offiziere eines Besseren belehrt.
 

Mühle von Valmy
Kellermann, der seine Infanterie umgruppiert hatte, kommandierte nun zu Fuß, rief ihnen zu den Feind herankommen zu lassen, um ihn dann mit dem Bajonett zu attackieren. Die Truppen wurden von dem Schwung ihres Generals mitgerissen und ihr Schlachtruf „VIVE LA NATION“ wurde von Bataillon zu Bataillon weiter gegeben, bis es sich über das Tal bis zu den Angreifern fortsetzte. Die Preußen schreckten vor dieser entschlossenen und gewaltigen Truppe in ihrem Angriff den Hügel hinauf zurück. Sie hielten eine Weile in einem Hohlweg an, dann zogen sie sich langsam zurück zur anderen Seite des Tals.
 

Der preußische König, empört darüber von solch einem Gegner gestoppt zu werden, scharte persönlich die Besten seiner Truppe um sich, und ritt entlang der Kolonne währenddessen er den Soldaten vorhielt, sich derart vorführen zu lassen. Dann führte er sie erneut in vorderster Linie an, nur um zu sehen wie tödliches, französisches Artilleriefeuer seinen Stab links und rechts von ihm erledigte.
 

Die Mühle von Valmy
Die Truppen, die Dumouriez zur Flankenunterstützung geschickt hatte, griffen nun effektiv in die Kämpfe ein und auch seine eigenen Männer, die den Erfolg zum greifen nahe sahen, standen nun fester als je zuvor. Und wieder zogen sich die Preußen zurück. Sie ließen 800 Gefallene zurück und bei Anbruch der Dunkelheit waren die Franzosen die Sieger auf den Höhen von Valmy.
 

Alle Hoffnung auf ein Ende der französischen Revolution und einer „Promenade in Paris“ waren Makulatur. Der Herzog von Braunschweig hielt sich noch eine Weile in den Argonnen auf, bis seine Truppe durch Stress und Krankheit zur Schlacke ausgebrannt, sich über die Grenze zurückzog.  Ein Tag nach der Schlacht, am 21. September, konstituierte sich der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalkonvent und rief die Republik aus. Die Monarchie war endgültig abgeschafft. A, 22. 9. begann das Jahr 1 der neuen revolutionären Zeitrechnung.
Frankreich jedoch glaubte nun die Macht eines Riesen zu besitzen und setzte sie auch so ein. Bis Ende des Jahres unterwarf sich ganz Belgien dem Nationalkonvent in Paris und zum ersten Mal seit 1.800 Jahren zitterten die europäischen Könige vor einer siegreichen Militär-Republik.
 

Französischer Freiheitsbaum, gemalt von Goethe
Goethes Beschreibung der Kanonade ist zitiert; seine Die Beobachtungen, die er nach der Schlacht im Lager der Alliierten machte, sind es ebenfalls wert erwähnt zu werden. Es zeigt deutlich, dass der Dichter sehr genau – wahrscheinlich als einziger unter Tausenden – die wahre Bedeutung dieses Tages fühlte. Er beschreibt die Bestürzung und das Verhalten unter seinen preußischen Freunden an diesem Abend: „die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“