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Europa und der Dreißigjährige Krieg

Der Fenstersturz von Prag, 1618
Der Dreißigjährige Krieg wurde zwischen 1618 und 1648 hauptsächlich auf dem heutigen deutschen Boden ausgefochten. Beteiligt an den Auseinandersetzungen waren aber die meisten der kontinentalen Großmächte. So zählten zum Beispiel die Niederlande zum spanischen Herrschaftsbereich, bis 1581 sich die sieben nördlichen Provinzen, die sich zum protestantischen Glauben bekannten von Spanien lossagten. Die südlichen Provinzen, das heutige Belgien, blieb in der erzkatholischen spanischen Hand. Gefährlich wurde für Spanien Frankreich, das sich anschickte, das Erbe Spaniens als Vormacht Europas anzutreten.
 

Gräuel im Dreißogjährigen Krieg
1621 nahm Spanien den Krieg gegen die Niederlande wieder auf und griff gleichzeitig auf Seiten Österreichs in den Dreißigjährigen Krieg ein. Dadurch geriet das Land in offenen Konflikt mit Frankreich, mit dem es bis zum Ende des Jahrhunderts eine Reihe verlustreicher Kriege führte.
 

Don Francisco Manuel de Mello
Wie schon 1642 zuvor entschloss sich der Oberbefehlshaber der spanischen Flandern-Armee, Don Francisco de Melo, im Frühling 1643 in Nordfrankreich einzufallen um zum einen den Druck auf das in Katalonien gegen das französische Heer schwer kämpfende spanische Heer zu entlasten und zum anderen auch die Gefahr einer möglichen französischen Invasion in der spanischen Franche-Comté (Freigrafschaft Burgund) abzuwenden. Um die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken marschierte Mello Anfang Mai 1643 aus den südlichen Niederlanden gegen die französische Hauptstadt Paris vor.
 

Die Stadt Rocroi
Am 12. Mai 1643 waren die Spanier in die Sichtweite der kleinen nordfranzösischen Festungsstadt Rocroi. Die 600 Mann starken Garnison wusste um die Bedeutung Rocroi`s, da die Festung die einzige auf dem Weg nach Paris lag, die den Spaniern Widerstand entgegensetzen konnte. Fiel Rocroi, so war das Schicksal von Paris entschieden.
 

Ludwig II.,Fürst von Condeé und Herzog von Enghien
Um das sich anbahnende Desaster zu vermeiden wurde in Paris der 21jährige Louis II. Herzog von Enghien und Prinz von Condé aus dem Hause Bourbon-Condé mit dem Oberbefehl der sich in der Champagne sammelnden französischen Entsatzarmee (16.000 Mann Infanterie, 6.000 Reiter) betraut. Zur Überraschung der Spanier gelang es diesem französischen Heer mit einer enormen Marschleistung am Nachmittag des 17. Mai 1643 einen Kilometer südwestlich der belagerten Grenzfestung einzutreffen und seine Truppen in Schlachtordnung den gut verschanzten 8.000 Reitern und 17.000 Fußsoldaten zählenden spanischen Armee Don Francisco de Melos gegenüberzustellen.
 

Schlachtfeld Rocroi

Grafik von Rocroi
Die kleine Festung Rocroi lag dominant auf einer Anhöhe. Das Gelände zwischen Rocroi und der im Südwesten gelegenen Stadt Rumigny war ziemlich flach, sandig und von Buschwäldern sowie schmalen sumpfigen Wasserläufern durchzogen. Vor Rocroi war das Gelände offen und frei von jeglichem Gehölz. Der Zugang zu diesem Gelände und von dort zur Festungsstadt führte durch ein dichtes Wald- und Sumpfgebiet, welches die Spanier jedoch zu sperren unterlassen hatten. Als der Prinz von Condé, ab jetzt Enghien genannt, erfuhr, dass de Melo noch weitere Verstärkungen von 1.000 Reiter und 3.000 Infanteristen erwartete, und darüber unterrichtet war, dass die Festung nur noch zwei Tage gehalten werden könne, entschied er sich am nächsten Morgen (18. Mai) anzugreifen.
 

Kardinal Manzarin
Enghien teilte nun den Generälen seinen Schlachtplan mit, die Spanier in eine Entscheidungsschlacht in der Ebene vor der Stadt zu zwingen und zu schlagen. Erst nachdem er seinen Plan erläutert hatte, unterrichtete er seine Truppenführer vom Tod des französischen Königs Ludwigs XIII. (14. Mai 1643 in Saint-Germain-en-Laye). Er schwor sie auf den neuen erst fünfjährigen König Ludwig XIV. sowie auf die Regentschaft des Kardinals Mazarin, derr die Regierungsgeschäfte bis zur Volljährigkeit des Königs führen sollte, ein. Die Truppe wurde davon nicht unterrichtet. Enghien fürchtete eine Demoralisierung seines Heeres und behielt es sich vor, die Armee erst nach dem siegreichen Gefecht über die neue Lage in Kenntnis zu setzen.
 

De Melo ließ am nächsten Morgen, dem 18. Mai 1643, die Truppen von Enghien  in aller Ruhe vor Rocroi aufmarschieren. De Melo wollte die Franzosen nicht in die Flucht schlagen, er wollte sie vernichten. Die spanischen Truppen waren zwar an Zahl nur leicht überlegen, ihre Ausbildung jedoch war der der Franzosen hoch überlegen. Nicht umsonst galten die spanischen Tercios seit einem Jahrhundert als die überlegene Infanterie.
 

Die Schlachtaufstellung in Rocroi
Als Melo den Aufmarsch der französischen Truppen sah, war er zunächst fassungslos. Enghien vermied geschickt, de Melo eine Vorstellung seiner Kampfkraft im Zentrum seiner Schlachtordnung zu vermitteln. Seine Reiterei deckte das Manöver ab und selbst Stoßtrupps waren nicht in der Lage aufzuklären.
 

Comte Jean de Gassion
Gegen 18.00 hatte der Prinz von Condé seine Armee in der Ebene vor Rocroi in Kanonenschussweite der Spanier in Stellung gebracht. Sein rechter Flügel, den Condé zusammen mit Marschall de Camp Comte de Gassion befehligte, stand auf einem leicht ansteigenden Gelände, war aber von der spanisch-flandrischen Reiterei des Herzogs von Albuquerque durch einen schmalen Waldstreifen getrennt. Dorthin hatte Melo eine Abteilung Musketiere geschickt, um den Vormarsch der französischen Kavallerie zu verzögern und aufzuhalten.
 

Der linke französische Flügel unter Marschall de L`Hopital und Marechal de Camp La Ferté-Senneterre befand sich dagegen in einem tiefen Bodengelände, welcher durch einen Sumpf ideal gegen einen überraschenden Flankenangriff geschützt war. Melo kommandierte den de l`Hopital gegenüberliegenden spanisch-elsässischen rechten Reiterflügel, während der flämische Generalleutnant Graf de Fontaine im Zentrum mit der spanischen Infanterie das sanft ansteigende Gelände besetzt hielt.
 

Eine katastrophale Entscheidung

Alles deutete auf den sofortigen Beginn der Schlacht hin, was jedoch wegen einer einsamen Entscheidung von La Ferté-Senneterre hinfällig wurde. Dieser löste die Hälfte der Kavallerie des linken französischen Flügels aus der Schlachtordnung und machte Anstalten die spanisch-elsässische Reiterei zu umgehen und das belagerte Rocroi zu befreien. Eine katastrophale Entscheidung, denn er musste den morastigen Sumpf an seiner äußersten linken Flanke im Angesicht des gesamten spanischen Heeres überqueren. De Melo griff umgehend mit seiner Reiterei La Ferté-Senneterre an. Enghien eilte vom rechten französischen Reiterflügel mit Verstärkungen zu Hilfe, beorderte den ungestümen La Ferté-Senneterre zurück und deckte dessen Rückzug. Don Francisco de Melo ließ sich dadurch aus dem Konzept bringen und verschenkte einen durchaus möglichen Erfolg. Der Einbruch der Nacht setzte allen weiteren Aktionen ein Ende.
 

Eine Schlachtenszene von Rocroi
Nach den Memoiren des französischen Barons de Sirot hat die Schlacht um Rocroi am Morgen des 19. Mai gegen 04.00 begonnen. Enghien rückte um diese Zeit an der Spitze eines Teils des rechten französischen Reiterflügels gegen den Waldstreifen zwischen seinen Truppen und der gegnerischen Kavallerie des Herzogs von Albuquerque vor und säuberte ihn bald darauf erfolgreich von den dort positionierten spanischen Musketieren. Damit war ein Vorteil auf Seiten der Spanier verschwunden. Der Herzog sah er sich plötzlich in seiner ungeschützten linken Flanke durch die Reiterei des französischen Marechal de Camp Comte de Gassion und in der Front vom Prinzen Condé selbst mit großer Wucht angegriffen. Doch der Herzog von Albuquerque verteidigte sich mit seiner spanisch-flandrischen Reiterei verbissen und ging sofort zum Gegenangriff über, so dass die französischen Schwadronen in Unordnung gerieten. Die zur Unterstützung Condés aufmarschierten zwei Infanteriebataillone (Franzosen und Schweizer) konnten dieser gegnerischen Reiterattacke ebenfalls nicht standhalten und traten den Rückzug an.
 

Der Kavallerieangriff von Marschall de l`Hopital und La Ferté-Senneterre wurde von Melos rechtem spanisch-elsässischem Reiterflügel unter dem Grafen von Isenburg mit Leichtigkeit zurückgeschlagen. Die elsässische Reiterei verfolgte zunächst die zurückflutende französische Kavallerie, sammelte sich dann, gruppierte sich um, schwenkte nach links und attackierte die vor dem französischen Zentrum aufgestellte Artillerie. Melo und Isenburgs Kavalleristen nahmen im ersten Ansturm sieben Kanonen der völlig deckungslosen gegnerischen Artillerie. Deren Befehlshaber, der Artilleriegeneral de la Barre, wurde bei der Verteidigung seiner Geschütze tödlich verwundet. Dennoch gelang es Marschall de l`Hopital einen kleinen Teil seiner in die Flucht geschlagenen Reiter sofort wieder zu sammeln und erneut gegen die spanisch-elsässische Kavallerie anzureiten. In die nun entstandene Verwirrung und Vermischung der gegnerischen Reiterei ging die französische Reserve-Brigade unter dem General Baron de Sirot energisch zum Gegenangriff über. Nach einem kurzen aber heftigen Gefecht wurde die spanisch-elsässische Reiterei Melos und Graf Isenburgs unter Zurücklassung vieler Gefallener zum Rückzug gezwungen, während die französische Infanterie die verloren gegangenen Geschütze zurückerobern konnte.
 

Zwischenzeitlich war Condé und Comte de Gassion auf dem rechten französischen Reiterflügel eine Reorganisation ihrer Schwadronen geglückt und führten mit diesen eine neue wuchtige Attacke auf die Kavallerie des Herzogs von Albuquerque, dessen Reiter wohl zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit dem Ausplündern der zuvor in die Flucht geschlagenen und gefallenen französischen Kavalleristen beschäftigt waren. Durch zusätzliche Infanterie-Einheiten vom Zentrum tatkräftig unterstützt, konnten die Spanier und Flandern des Herzogs von Albuquerque dieses Mal dem kombinierten Angriff Condés nicht standhalten. Da Albuquerque selbst ohne Infanterieunterstützung war und blieb, konnte er seine Abwehrstellung nicht mehr halten. Unter heftigem Musketenhagel und Säbelhieben brach schließlich der gesamte spanische linke Reiterflügel in Panik und Verwirrung zusammen
 

Als Condé durch Ordonnanzen von der äußerst kritischen Lage seines linken Reiterflügels und dem Tod seines Artilleriebefehlshabers erfahren hatte, beschloss er nun ein äußerst riskantes Manöver zu wagen um seinem bedrängten Marschall de l`Hopital zu entlasten: Condé sammelte alle seine ihm zur Verfügung stehenden Reiterschwadronen und machte sich "mit genialer Unbekümmertheit" (C. V. Wedgwood) daran, vom rechten französischen Flügel aus, sich über Hang und Tal eine Gasse quer durch das gesamte spanische Zentrum zu hauen und seinem Marschall auf dem linken Flügel die Hand zu reichen.
 

Enghien´s tollkühner Angriff
Dieser gewagte Reiterangriff Enghien´s  wurde durch seine gesamte Infanterie vom Zentrum unterstützt, die nun zum Sturm auf die in erster Linie stehenden sechs spanischen Tercios antrat. Doch die alterprobten spanischen Veteranen setzten der angreifenden französischen Infanterie hart zu und deren Angriff wurde vollständig abgeschlagen. Allerdings fiel in diesem Gefecht der in vorderster Linie fechtende spanische Generalleutnant Graf de Fontaine, den eine verirrte Kugel tödlich traf. Zur gleichen Zeit hatte Condé in einer Kavallerieattacke gegen das spanische Zentrum die ihm zunächst stehenden italienischen Tercios ungestüm angegriffen und nach einem kurzen die Italiener zur Auflösung ihrer Tercios gezwungen. Dennoch traten diese wohlgeordnet ihren Rückzug vom Schlachtfeld an, um sich mit dem herannahenden Hilfskorps unter dem kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant Johann von Beck zu vereinen. Condé sammelte nun seine Reiterei und griff als nächstes die aus deutschen und wallonischen Infanteristen bestehenden Tercios an. Weniger gut ausgebildet als die spanische Kerninfanterie, lösten Deutsche und Wallonen, nachdem sie einige Male den Reiterattacken erfolgreich widerstanden hatten, ihre Tercios auf und flohen ebenfalls vom Schlachtfeld.
 

Das Ende der Tercio

Enghien fand sich nun nach diesem weiteren kurzen Gefecht auf der anderen Seite des Schlachtfeldes wieder. In einer Position, die es ihm gestattete, Don Francisco de Melo in den Rücken zu fallen und seinen von diesem hart bedrängten linken Reiterflügel unter Marschall de l`Hopital und La Ferté-Senneterre zu befreien. Mellos elsässische Reiterei unter dem Grafen von Isenburg, die nun zwischen die nun zwischen zwei Angreifer geraten war, brach gegen den Sumpf an ihrer rechten Flanke aus und floh zusammen mit Melo vom Schlachtfeld. Dies war das Ende der spanischen Kavallerie. Einzig und allein die rund 8.000 Mann starken Veteranen der sechs spanischen Elite-Tercios harrten auf dem Schlachtfeld aus und zogen sich auf der niedrigen Anhöhe zusammen.
 

Die Schlacht von Rocroi
Die Spanier hofften immer noch auf Verstärkung und den daraus resultierenden Sieg über Enghien´s Streitmacht. Die sich jetzt entwickelnde Kesselschlacht wurde mit zunehmender Härte geführt. Die spanische Infanterie wies mehrere Angriffe der französischen Infanterie die bis auf fünfzig Schritt herankam mit Hilfe ihrer Musketiere ab. Condé verstärkte zwar die Infanterielinien mit seiner Kavallerie, aber auch dieser kombinierte Angriff auf die disziplinierten spanischen Tercios hatte ebenfalls keinen Erfolg. Die Franzosen wurden dreimal mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Inzwischen hatte de Gassion die fliehenden spanisch-flämischen Reiter unter Herzog von Albuquerque vom Kampfplatz abgedrängt und kehrte nun mit seinen Reitern auf das Schlachtfeld zurück. Während de Gassion von Enghien mit einigen Reiterschwadronen wieder ausgeschickt wurde, um ein mögliches Eintreffen der spanischen Verstärkungstruppen unter Johann von Beck auf dem Schlachtfeld zu verhindern, konzentrierte der französische Prinz nun alle seine verfügbaren Truppen, um die isoliert und umzingelt stehende spanische Infanterie zu vernichten.
 

Wehrlos dem Beschuss der französischen Geschütze ausgesetzt, wurden die spanischen Veteranen immer weiter zusammengedrängt und hatten sich verzweifelt denn immer neuen gegnerischen Angriffswellen zu erwehren. Schließlich brach unter diesem übermächtigen Druck die spanische Infanterie im Nahkampf zusammen. Die überlebenden drei spanischen Bataillone des Herzogs von Albuquerque organisierten sich nun unter dem Zulauf der Überlebenden der drei bereits vernichtenden Bataillone in zwei äußerst starke und waffenstarrende Vierecke. Mit purer Verzweiflung schlugen die dicht aneinander stehenden Spanier alle französischen Angriffe auf ihre beiden Vierecke ab und brachten den Franzosen empfindliche Verluste bei.
 

Enghien, der die spanischen Verstärkungen fürchtete, entschied sich mit den Spaniern über eine ehrenvolle Kapitulation zu verhandeln. Sehr rasch stimmten die Überlebenden des Tercio-Vierecks von Garciez unter der ehrenhaften Bedingung mit ihren sämtlichen Waffen und Fahnen vom Schlachtfeld nach Spanien zurückgesandt zu werden, ihrer Kapitulation zu.
 

Das Tercio-Viereck des Herzogs von Albuquerque hatte weniger Glück: Unter der weniger günstigen Bedingung einzig ihre Leben und ihre Schwerter behalten zu dürfen, mussten die Spanier vor dem französischen Prinzen die Waffen strecken.
 

Am nächsten Tag zog der Prinz von Condé im Triumphzug im befreiten Rocroi ein. Dieses Ereignis ist bis zum heutigen Tag auf den Toren dieser kleinen nordfranzösischen Stadt verzeichnet.
 

.Rocroi war kein großer und entscheidender französischer Sieg. Er hatte als solcher auch keine große Bedeutung. Von Bedeutung jedoch war die anschließende Propaganda Kampagne am Hofe des französischen Kindkönigs Ludwig XIV.
 

Die Schlacht um Rocroi wurde professionell genutzt, die an Prestige verlierende Regentschaftsregierung in Paris unter Kardinal Mazarin zu festigen und dem Prinzenhaus Condé mehr Einfluss zu verschaffen. Für die Regierung in Spanien war es eine Niederlage auf einem sekundären Kriegsschauplatz. Denn auch wenn Don Francisco de Melo diese Schlacht verlor, so ging die Rechnung am königlichen Hof in Madrid auf: Der Druck des französischen Heeres auf Katalonien entwich und ein französischer Angriff auf die Franche-Comté (Freigrafschaft Burgund) konnte zunächst verhindert werden