
Lorient
Nur wenige Tage nachdem die deutsche Armee am 21. Juni 1940 Lorient besetzt hatte, waren Räumtrupps dabei, den Hafen von Wracks und Trümmern zu säubern, um ihn so schnell wie möglich für die U–Boote einsatzbereit zu machen. Bereits am 7. Juli konnte U–30 unter Kapitänleutnant Fritz-Julius Lemp die neue Basis anlaufen. Doch die Bedingungen mit einigen Kais und drei Trockendocks waren bescheiden. Insbesondere die Luftlage gab Anlass zur Sorge. Aus diesem Grunde wurde der Bau von zwei Dom Bunkern in Keroman, sowie der Bau eines 2-Boxen U-Boot-Bunkers, nach dem Fluss Scorff benannt, in der Nähe der Lanester Werft vorangetrieben. Eile tat Not, denn bereits am 27. September bombardierte die Royal Air Force Lorient zum ersten Mal.
Die Dom- wie auch der Scorff Bunker waren Notlösungen. Die Dom Bunker, so genannt, weil sie Kathedralen ähnlich gebaut waren, waren nicht groß genug, um Atlantikboote der Typen VII C oder IX C zu versorgen. Die Slipanlage und der Teller, auf dem – ähnlich wie bei Eisenbahndepots – die Boote verteilt werden konnten, waren nur für 400 t ausgelegt. Mit den Außenmaßen 84 m lang, 16 m breit und 25 m hoch waren sie gerade groß genug für ein Typ II Boot. Doch diese waren nicht atlantiktauglich, dienten eher der Küstenverteidigung. Der Scorff Bunker hingegen bot jeweils zwei Typ VII C oder IX C Booten Platz. Seine Maße waren 145 m breit, 51 m lang und 15 m hoch. Die Deckenstärke betrug 3,5 m.
Im November 1940 verlegte Vizeadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der U- Boote sein Hauptquartier von Paris nach Lorient. Er fand in Kerneval, genau gegenüber von Keroman, in der Villa Margarete den perfekten Sitz für sein HQ, das von zwei weiteren Villen flankiert wurde. Von dort aus führte der OB seine „grauen Wölfe“ in den nächsten 21 Monaten. Neben der Villa Margarete wurde später ein zweistöckiger Bunker errichtet. 200 Matrosen und Offiziere waren hier in 14 Räumen verantwortlich für die Kommunikation mit Hilfe der Enigma Maschinen zwischen den U-Booten und dem HQ. In diesen Monaten, zwischen Juni 1940 und September 1941 fanden die U-Boote die fetteste Beute. Die erfolgreichsten Kommandanten und Boote waren zu dieser Zeit in Lorient ständige Gäste.
Zwei U-Flotillen nutzten Lorient als Basis. Die 2. ,auch bekannt als „Salzwedel“ Flotille (benannt nach Rheinhold Salzwedel, einem U-Boot As des 1. Weltkrieges), kam aus Wilhelmshaven im Juni in Lorient an. Die10. U-Flotille, geführt von Korvettenkapitän Ernst Kals und später von Korvettenkapitän Günter Kuhnke, wird erst in Lorient aufgestellt. Die sieben erfolgreichsten U-Boote des 2. Weltkrieges waren hier beheimatet:
U – 48 Herbert Schultze/Hans-Rudolf Rösing/Heinrich Bleichrodt Tonnage: 320 429
U – 103 Viktor Schütze/Werner Winter Tonnage: 238 398
U - 99 Otto Kretschmer Tonnage: 238 327
U – 124 Georg Wilhelm Schulz/Johann Mohr Tonnage: 224 053
U – 107 Günter Heßler/Harald Gelhaus Tonnage: 212 802
U – 47 Günther Prien Tonnage: 211 393
U – 123 Karl - Heinz Möhle/Reinhard Hardegen Tonnage: 209 817
Dönitz liebte seine U-Boot Fahrer, die ihn wiederum als „Löwen“ verehrten. U-Boot-Fahrer galten als die Top Elitesoldaten des Regimes und wurden dementsprechend behandelt. Der Sold war höher als bei den anderen Waffengattungen und die Verpflegung war um ein vielfaches besser als in der Wehrmacht.
Ende 1940 war der Bau von drei riesigen Bunkern beschlossene Sache. Die Bauarbeiten an Keroman I begannen am 2. Februar. Keroman II folgte drei Monate später. Zunächst wollte man alle drei Bunker als Nassbunker auslegen, der Granitboden hätte jedoch eine erheblich längere Ausschachtdauer erfordert. Daher fand man für K I und II eine „trockene“ Lösung. Zwischen den beiden Bunkern errichtet die Firma M.A.N. aus Gustavsburg eine Aufschleppanlage, auch Slip genannt, sowie ein Transportsystem. auf dem die U–Boote zu den jeweiligen Boxen dirigiert wurden. Dieser Vorgang dauerte ca eine Stunde und lief in fünf Phasen ab.
Phase 1: Das Boot fährt in das Slipdock ein. Das Wasser wird teilweise herausgepumpt und das Boot mit Hilfe eines Brückenkrans auf eine 4-gleisige, mobile Bettung gesetzt, die wiederum auf einem 45 m langen und 11 m breiten fahrbaren Trolley sitzt.
Phase 2: Das Boot wird mit einer 220 PS Elektro-Winde die 159 m langen Slip-Strasse heraufgezogen.
Phase 3: Am Ende der Slip-Strasse rollt die Bettung vom Trolley auf einen weiteren fahrbaren Kasten.
Phase 4: Dieser mobile 32-Rad-Kasten, von denen 16 Räder von 40 PS E-Motoren angetrieben werden, schiebt das Boot in Richtung Box.
Phase 5: Dort angekommen, rollt die Bettung mit dem U–Boot auf eine weitere Gleisstrecke bis in die Box hinein. Vor dem hereinrollen, wird noch das Periskop von einem kleineren Kran, der auf dem Dach von K I und K II läuft, abgenommen, da der Bunker nicht hoch genug für ein ausgefahrenes Periskop ausgelegt ist.
Keroman I war 119,5 m lang, 5 m breit und 18,5 m hoch.
Keroman II war 128 m lang, 138 m breit und 18,5 m hoch. Die Deckenstärke betrug jeweils 3,5 m.
Hinter beiden Anlagen entstanden weitere Bunker. So zum Beispiel das E-Werk hinter K I und die Trafo-Station hinter K II. An der südwestlichen Seite von K I wurde auch ein sieben Meter hoher Tankbunker errichtet, der zum Notausstiegstraining der U–Boot-Crews genutzt wurde. Darüber hinaus wurden im Respektsabstand 5 Torpedo-Bunker errichtet: Luchs, Jaguar, Iltis, Leopard und Tiger. Am 20. Dezember war diese Anlage einsatzbereit. Zum Gedenken wurde eine Bronzetafel im typischen Nazi Gusto enthüllt:
Erbaut nach Weisung
Des Führers
Adolf Hitler
Für den Befehlshaber
Der Untersee – Boote
Vizeadmiral Dönitz
U. seine Waffe durch
Die Organisation Todt
Baubeginn Februar 1941
Einfahrt des ersten *
Übergabe der Anlage:
* Am 20. Dezember 1941 *
* steht als Insignie für das Hakenkreuz
Des Führers
Adolf Hitler
Für den Befehlshaber
Der Untersee – Boote
Vizeadmiral Dönitz
U. seine Waffe durch
Die Organisation Todt
Baubeginn Februar 1941
Einfahrt des ersten *
Übergabe der Anlage:
* Am 20. Dezember 1941 *
* steht als Insignie für das Hakenkreuz
Der Bau von Keroman III, einem Nassbunker, begann im Oktober 1941. Bereits im Januar 1943 wurde er fertig und im Mai1943 seiner Bestimmung übergeben. Dieses Bauwerk war das Größte der drei Anlagen: 170 m breit, 138 m lang und 20 m hoch. Die Deckenstärke variierte stark. Im hinteren Bereich, den Werkstätten, betrug er 3,60 m. Im vorderen Bereich zwischen 6,40 m und 7,40 m. Der Bau der Fangroste wurde zwar begonnen, aber nicht vollendet. Zum Schutz vor Tieffliegern hatte man zwei ausgemusterte Kampfschiffe als Blockschiffe vor den Einfahrten verankert: die Carpaud und die Strasbourg, die im 1. Weltkrieg als leichter Kreuzer „Regensburg“ unter deutscher Flagge lief. Übergroße Masten, an denen Sperrballone befestigt waren sollten die Angriffe verhindern.
Um die Anlage vor Luftangriffen zu schützen, hatte man ein enormes Arsenal an Flak versammelt. Am Ende des Krieges waren folgende Geschütze im Einsatz: zweihundert 2 cm Flak - , neun 7,5 cm Flak - , achtzehn 8,8 cm Flak - , 43 10,5 cm Flak - , zwölf 10,5 cm Zwillings Flak - , und fünf 12,8 cm Flak – Geschütze. Eine tödliche Massierung! Der britische Luftmarschall „Bomber“ Harris machte sich keine Illusionen: „Das Beste, was wir uns erhoffen konnten, war eine generelle Zerstörung um die Bunker herum und in der Stadt anzurichten…wir konnten allenfalls den U-Boot-Besatzungen an Land eine unruhige Nacht bereiten, wenn sie dumm genug waren, sich in diesem Gebiet aufzuhalten. Die einzige Wirkung, dass sich die Eröffnung der Schlacht an der Ruhr und der Bombenkrieg gegen Deutschland um zwei Monate verschob“.
Auch der USAF General Spaatz Chef der 8 th Air Force, äußerte sich in einem Schreiben an seinen Vorgesetzten General Arnold in Washington; “Es ist nicht sicher, ob sich diese Operation im Vergleich zu den erzielten Resultaten als zu kostspielig erweisen. Die U- Boot-Bunker sind harte Nüsse, die vielleicht nicht zu knacken sind“. Und doch wurde die 8. Air Force zu elf Einsätzen abkommandiert. Das Ergebnis der Angriffe zwischen Oktober 1942 und April 1943 waren 600 tote Franzosen und eine völlig verwüstete Stadt. Die Bunker hatten keinen Kratzer abbekommen.
Ab Herbst 1943 wurde das Leben für die deutschen U–Boote immer härter. Das Ortungssystem "Huff Duff", Radar, Liberator Langstreckenbomber, Begleitflugzeugträger und die schlimmste aller Möglichkeiten, der Verlust des Geheimnisses der Enigma Dechiffriermaschine, machten einen Angriff auf einen Geleitzug zur Selbstmordaktion. Schon früh verschwanden einige der erfolgreichsten Kommandanten mit ihren Besatzungen von der Meeresoberfläche. Im Februar 1941 verließen Günther Prien (U–47), Otto Kretschmer (U–99), Joachim Schepke (U–100) Lorient. U-47 wurde am 7. März angeblich vom betagten britischen Zerstörter „HMS Wolverine“ versenkt. Wahrscheinlicher ist der Verlust des Bootes auf einen Kreisläufertorpedo zurückzuführen, da die Versenkungsmeldung des Zerstörers mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf ein anderes U- Boot hindeutet. Am 17. März erwischt es U–100, das von den Zerstörern „Vanoc“ und „Walker“ vernichtet wird. Nur Stunden später versenkt die „Walker“ auch U -99.
Im Mai 1943 wird das Desaster augenscheinlich. 23 Boote mit rund 1.500 Mann gehen verloren. Darunter Dönitz` Sohn Peter. Dönitz bleibt nichts anderes übrig, als den Kampfplatz Nordatlantik zu räumen und auf verbessertes Gerät zu warten. Nun rächt sich, die Entwicklung neuer U–Boot-Technologien auf die lange Bank geschoben zu haben. Noch immer werden die Männer mit U-Booten in den Kampf geschickt, die letztendlich den technischen Stand der 1. Weltkrieg-Boote repräsentieren. Das revolutionäre Walter-Boot kommt gar nicht mehr zum Einsatz, die neuen E-Boote vom Typ XXI zu spät und nicht ausgereift. Doch die Moral der U–Boot-Männer bleibt hoch. Selbst die Horrorzahlen der Jahre 1943-1944 lassen sie nicht verzweifeln. Der Glaube an den „Löwen“ Dönitz und die Hoffnung auf Wunderwaffen lässt sie nicht aufgeben.
Im Juni 1944 wird in Lorient die letzte Runde eingeläutet. Hitler erklärt sämtliche U- Boot-Basen zu Festungen. Er will auf die Stützpunkte nicht verzichten. Zwar werden wichtige Arbeiter und Spezialisten „heim ins Reich“ geflogen, doch die U- Boote harren weiter aus. Erst als am 7. August die 4. US Panzerdivision vor den Toren der Stadt auftaucht, wird vielen erst klar, dass das Ende bevorsteht. Die meisten Boote verlassen in den ersten beiden August Wochen Lorient. Das letzte Boot, U-155 unter Oberleutnant zur See Ludwig-Ferdinand von Friedeburg, verlässt Keroman am 5. September. Zurück bleibt General Wilhelm Fahrmbacher mit seinen Infanteristen. Die bleiben zu ihrem Glück vor schweren Angriffen verschont. Die Amerikaner, die beim Kampf um Brest fast ebenso viele Männer verloren haben wie in der Normandie, wollen sich ein weiteres Blutbad ersparen.So ergibt sich die Festung erst an Kriegsende.
Als die Wehrmacht am 8. Mai kapituliert, findet man zwei deutsche U–Boote zwischen den verlassenen Anlagen.U–129, ein Typ IX C Boot, hatte sich am 18. August vor Keroman III selbst versenkt und wird verschrottet. In Keroman I finden die Franzosen jedoch U–123, eines der sieben Top Asse der deutschen U- Boote, in einem fast perfekten Zustand. Sie übernehmen das Boot im Jahre 1947 als S-10 Blaison. Erst 1959 wird das Boot außer Dienst gestellt.
























