
Der Kessel von Halbe
Bis zum 28. April drängen die russischen Verbände die Reste der 9. Armee in einem Waldgebiet zwischen Löpten - Hermsdorf - Märkisch Buchholz und Halbe zusammen. Und der Druck auf den Kessel wächst. General Busse wählt das Forsthaus Hammer als Gefechtsstand. Der Kessel hat jetzt eine Ausdehnung von drei mal fünf Kilometer und umschließt etwa 200 000 Soldaten, sowie 10 - 15.000 Zivilisten. Gegen 14.00 findet am Forsthaus eine Lagenbesprechung statt, an der neben Busse und seinem Chef des Stabes, Hölz, alle erreichbaren Generale und Divisionskommandeure einfinden. Nach eingehender Beratung wird beschlossen, gegen 18.00 über Halbe in Richtung Westen durchzubrechen, um bei Beelitz die Stellungen der 12. Armee, Wenck zu erreichen.
Im Anschluss an die Sitzung ruft der Chef des XI. SS Panzerkorps, Kleinheisterkamp, alle Kommandeure bis hinunter zum Bataillonskommandeur zur letzten Befehlsausgabe zusammen. Die erste schwierige Etappe, darüber sind sich alle einig, wird der Ort Halbe sein. Die Aufgabe der Speerspitze erhalten die Panzergrenadierdivision „Kurmarck“ und die schwere SS-Panzerabteilung 502 mit ihren vierzehn Königstigern.
Halbe liegt an der Autobahn Berlin - Cottbus und an der Eisenbahnlinie Berlin - Dresden. Der Ort ist umgeben von ausgedehnten Kiefernwäldern und hat bereits mehrfach den Besitzer gewechselt. Zum Zeitpunkt des geplanten Ausbruchs ist er von starken russischen Kräften besetzt, die die rechte Flanke der 3. Gardepanzer-Armee zu decken haben. Die russische Führung erwartet einen Ausbruch der 9. Armee gerade hier, im Raum Oderin/Halbe/Teupitz, da die Absetzbewegung des Kessels keinen anderen Schluss zulässt.
Zwei Stoßkeile sollen der Masse der Soldaten und Zivilisten den Weg freikämpfen. Der nördliche Keil wird angeführt von den Resten der Panzerabteilung „Kurmarck“, sowie Resten der SS Panzeraufklärungsabteilung 10, "Frundsberg" unter dem Befehl von Generalmajor Langkeit. Der südliche Keil, befehligt von Sturmbannführer Hartrampf, setzt die SS Königstiger Abteilung 503, eine Werferbatterie, eine Schützenpanzer-Kompanie der „Kurmarck“ und Überlebenden einer Fahnenjunker-Kompanie, die als Begleitschutz gegen sowjetische Panzer - Nahkämpfer fungieren soll. Die Masse der übrigen Verbände soll sich dem südlichen Stosskeil anschließen, die anderen schweren Waffen einen zentralen Feuerschlag auf die Ausbruchsstelle schießen, anschließend ihre Geschütze sprengen und sich dem nördlichen Keil anschließen.
Auf dem Weg nach Halbe geraten die Truppen schnell vor die erste russischen Pak Sperren, die aber im Sturmangriff geworfen werden. Am Ostrand des Ortes wird der Widerstand heftiger und die Werferbatterie eröffnet das Feuer auf erkannte Ziele beim Sägewerk. Dann schickt Sturmbannführer Hartrampf den Führungstiger unter Untersturmführer Kuhnke in Richtung Ortsmitte. Es ist 20.00. Kuhnke nähert sich einer offenen Panzersperre und wird prompt von einem Hagel Spreng- und Phosphor-Granaten überschüttet. Im Nu gerät der gesamte Konvoi ins Stocken. Kleinheisterkamp, der XI. SS-Panzerkorps General, verlässt die Nachhut, um den Vormarsch zu organisieren. Sein SPW wird aber sofort abgeschossen, von ihm selbst und seinen Begleitern fehlt jede Spur.
Auch die Spitze der „Kurmarck“ erhält vor Halbe mörderisches Feuer. Die Kirche, in dem der Russe ein starkes Widerstandsnest eingerichtet hat, wird mit Werfern dem Erdboden gleichgemacht Der Druck der nachdrängenden Masse steigt an. Unbeschreibliche Szenen spielen sich ab. Waffenlose, willenlose, oft jeder Rangabzeichen entbehrende Soldaten und Offiziere drängen durch Halbe in Richtung Westen. Ein Sturmgeschütz von der SS-Panzerjagdabteilung 32, geführt von Obersturmführer Bärmann sieht, wie zwei Blitzmädchen die Begleitinfanterie anführen und immer wieder anfeuern. Alles drängt und stürmt durch Halbe, Richtung Bahnhof und Bahngleise, über die bald Mann und Fahrzeuge über Leichen der Gefallenen hinweg hasten und fahren. Dazu feuern die russische Infanterie und Artillerie, sowie Panzer ohne Unterlass in die Menge.
In der Zwischenzeit ist der Königstiger von Kuhnke abgeschossen worden. Die Besatzung kann unverletzt aussteigen. Und auch der zweite Königstiger bekommt einen Volltreffer und steht in Flammen. Als sie ausbooten merkt aber die Besatzung um Hauptscharführer Streng, dass es sich nur um Phosphor handelt. Die Crew macht kehrt und fährt weiter. Zuerst mit dem Rest der Abteilung 502 Richtung Süden, um Halbe herum, dann wieder Richtung Westen, zur Autobahn. Als es hell wird, nähert man sich der Autobahn, schießt zwei T 34 ab und säubert den Übergang von Pak-Sperren. Die, die den Durchbruch schaffen, schleppen sich weiter bis zum Forsthaus Massow, westlich der Autobahn. Zurück bleiben Tausende Gefallene. Der russische Kriegsberichterstatter Konstantin Simonow, der nur Stunden nach dem Durchbruch den Ort des Schreckens aufsucht, spricht von einer Schneise der Verwüstung, voller zerstörter Panzer und LKWs. Berge von Leichen und Verwundeter hätten dort auf Bergung wartend gelegen.
Am Vormittag des 29. April sammeln sich die Überlebenden am Forsthaus Massow. General Busse berät mit seien Offizieren den nächsten Schritt. Das Forsthaus Wunder gilt als nächstes Ziel. Zunächst nähert man sich am Nachmittag der Reichsstrasse Zossen - Baruth. Hartrampf, der die Gegend seit seiner Ausbildung in Wünsdorf gut kennt, schickt drei Königstiger als Flankenschutz auf den rechten Flügel. Doch dieser Flankenschutz findet nicht statt. Seydlitz Leute (deutsche Soldaten, die während der russischen Gefangenschaft sich dazu bereit erklärt haben, gegen die Wehrmacht zu kämpfen) hatten den Tiger-Besatzungen unter Androhung von Kriegsgericht eine andere Stellung zugewiesen und so für russischen Flankenbeschuss gesorgt. Seydlitzleute sind überall und sorgen für ziemliche Unordnung unter den verschiedenen Ausbruchsgruppen. Selbst beim nächsten Sammelpunkt am Forsthaus Wunder tauchen Seydlitzleute in deutschen Offiziersuniformen auf und versuchen, die Gruppe zur Aufgabe zu überreden. Dabei sterben einige dieser „falschen“ Offiziere.
Beim Forsthaus Wunder werden nun die Radfahrzeuge leer getankt und der Treibstoff an die Panzer weitergegeben. Gegen 19.30 wird in Richtung Kummersdorf abmarschiert. Man passiert Horstwalde, wird angegriffen, aber der Feind wird von Zivilisten und Soldaten gleichermaßen geworfen. In der Nacht zum 30. April wird der Schiessplatz Kummersdorf erreicht und im Sturm genommen. Am frühen Morgen sammelt man sich beim Bahnhof Kummersdorf, bekämpft russische Pak und Infanterie und bricht durch. Ein Fass Treibstoff wird gefunden und aufgeteilt. Ein Beute-T 34, mit dem Eisernen Kreuz gekennzeichnet, fährt Spitze. Die gesamte Strecke, vom Bahnhof zur Schiessbahn Ost, dann West, wird die Gruppe pausenlos von russischen Verbänden und Seydlitzleuten angegriffen und zur Übergabe aufgefordert. Schließlich sammelt man sich ein letztes Mal im Stadtforst Trebbin, um die Kräfte für den letzten Durchbruch zu ordnen. Dort trifft man auch wieder auf die Nachhut des XI. SS-Panzerkorps, die nach Norden abgedrängt wurden und parallel zur Hauptgruppe Richtung Beelitz zogen. Doch nur wenige Männer haben das Drama bis hierhin überlebt.
Am Abend des 30. April geht es weiter. Nochmals werden Fahrzeuge leer getankt, um Panzer und Selbstfahrlafetten fahrbar zu halten. Eine kleinere Gruppe fährt parallel nordwärts Seitensicherung und trifft den Rest der Gruppe bei Einbrechen der Dunkelheit im Raum Märtensmühle. Die Hauptgruppe mit Königstigern, Sturmgeschützen und Sturmartillerie, sowie weitere Selbstfahrlafetten, überqueren die Reichsstrasse 101 und die Bahnlinie Luckenwalde - Trebbin und kommen relativ ungeschoren bis in den Raum Liebetz.
In der Nacht auf den 1. Mai stehen die Spitzen der 9. Armee zwischen der Försterei Märtensmühle und dem Ort Berkenbrück. Der Widerstand hier, wie auch im nächsten Ort, Hennickendorf, wird schnell gebrochen. Gegen 04.00 morgens kommt die Spitze nach Dobbrikau, das voll gestopft ist mit russischen Panzern und Stalinorgeln. Doch auch dieser Widerstand wird geworfen. Pausenlos schlagen Pak Granaten ein, unentwegt müssen diese bekämpft werden. Die nächste Ortschaft heißt Rieben. IL Sturmovik Schlachtflieger greifen die Kolonnen an und halten sie dennoch nicht auf. Auch Rieben fällt. Und die riesigen Gruppen Marschierender ziehen weiter Richtung Beelitz.
Bei Schönfeld zerstört einer der beiden letzten fahrbereiten Königstiger eine Pak und T 34, bevor auch er Opfer einer russischen Panzerabwehrkanone wird. Aber auch der letzte deutsche Panzer erreicht die Linien der Armee Wenck nicht. Er bleibt ohne Sprit liegen. Doch besitzt die Masse der überlebenden Soldaten und Zivilisten den Willen die deutschen Linien hinter der Strasse Beelitz- Treuenbrietzen zu durchstossen. Laut General Busse sind es 30 - 40 000 Soldaten und einige Tausend Zivilisten. Bis zum 3. Mai halten Soldaten der Armee Wenck die Auffangstellungen bei Beelitz. Viele Ausbruchsgruppen kommen noch durch. Die Überlebenden sind so geschwächt, dass sie sofort mit LKW und Bahn nach Burg und über die Elbe in amerikanische Gefangenschaft transportiert werden.















