William Howard Russell & Roger Fenton
Vor dem Krimkrieg war es bei der britischen Zeitung The Times üblich, bei Feldzügen einen jungen Offizier für die Berichterstattung zu engagieren. Seine Aufgabe bestand darin, per Post Berichte von der Front nach London zu schicken. Schnell merkte man aber, dass diese traditionelle Methode der Schlachtbeschreibung den wachsenden Ansprüchen der Öffentlichkeit nicht mehr gerecht wurde. Zum einen kamen die Informationen mit großer zeitlicher Verzögerung an und zum anderen waren sie selektiv. Der Offizier war ja in erster Linie Soldat. Er hatte zu kämpfen, nicht zu schreiben.
John Delane, der Herausgeber der Times, beschloss, eine neue Richtung einzuschlagen: Die Rollen sollten vertauscht werden. Statt einen Soldaten mit einer Schreibfeder zu bewaffnen, schickte er nun einen Journalisten an die Front. Seine Wahl fiel auf den 33-jährigen William Howard Russell. Diese Entwicklung stellt den Beginn der Kriegsberichterstattung im heutigen Sinne dar.
Russell sträubte sich zunächst gegen diesen Gedanken. Er hatte zu schreiben, nicht zu kämpfen. Die journalistische Herausforderung war zu verlockend für Russell. Nach kurzem Zögern nahm er die ungewöhnliche Aufgabe an. Er begleitete die britische Armee nach Malta. Von dort setzte man nach Gallipoli über. Der unerwartet heruntergekommene Zustand der königlichen Truppen stach ihm sofort in die Augen. Die Männer waren unorganisiert und - so sein Eindruck - definitiv unter der Würde der englischen Krone. In klaren Sätzen sezierte Russell den Zustand der Streitkräfte und schickte Berichte nach London.
Dort war man die plötzliche Kritik nicht gewöhnt. Russell kratzte am Ruhm des Königreiches. John Delane bekam Angst vor der eigenen Idee. Er fürchtete, die Frontberichte könnten unpatriotisch auf die englische Öffentlichkeit wirken. Sie wurden nie abgedruckt. Doch was sollte man dann mit ihnen anfangen? Schließlich setzte William Howard Russell sein Leben dafür ein. Also ließ der Herausgeber der Times, Delane, sie im Kabinett kursieren. Immerhin war auch das eine Form der Veröffentlichung. Die Schärfe von Russells Worten zeigte sich im späteren Sturz der Regierung.
Text zur Karrikatur rechts:
Sir Garnet Wolseley: “Entschuldigen Sie bitte Lieber Herr Doktor, wenn ich Ihnen sagen muss, dass Sie mit üblen Übertreibungen und durchsichtigen Unwahrheiten hinters Licht geführt worden sind”. Dr. Russell: „Ich bitte um Vergebung mein verblüffend junger General, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie für einen schweinsköpfigen Ignoranten halte, der keine Ahnung hat, wovon er spricht“.
Sir Garnet Wolseley: “Entschuldigen Sie bitte Lieber Herr Doktor, wenn ich Ihnen sagen muss, dass Sie mit üblen Übertreibungen und durchsichtigen Unwahrheiten hinters Licht geführt worden sind”. Dr. Russell: „Ich bitte um Vergebung mein verblüffend junger General, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie für einen schweinsköpfigen Ignoranten halte, der keine Ahnung hat, wovon er spricht“.
Nicht nur an der Krim herrschte Krieg. Im Empire entbrannte der Krieg an den Zeitungsfronten. In den britischen Kneipen und Gassen war das Gerücht vom Frontreporter Tagesgespräch. Die London Daily News sprang auf den fahrenden Zug auf und schickte ebenfalls einen Journalisten an die Krim. Um konkurrenzfähig zu bleiben, musste Delane jetzt reagieren. Er druckte die kritischen Depeschen nun doch ab, allerdings entschärfte er die Kritik an der militärischen Führung: Die Berichte wurden immer nur in Verbindung mit einem politischen Kommentar gebracht. Unterdessen spitzte sich die Situation der Kriegsberichterstatter an der Krim zu. Aufgeschreckt durch die ungewohnte journalistische Kritik in der Heimat wehrte sich die Armeeführung auf ihre Art: Sie verbot den Korrespondenten mit den Soldaten weiter zu ziehen. Ab sofort hatten sie sich von der Front und sämtlichen Stützpunkten fernzuhalten. Das bedeutete für die Reporter nicht nur, dass sie ihrer Informationsquelle beraubt wurden. Von da an wussten sie auch nie, was es als nächstes zu Essen gab, oder wo man sich zum Schlafen legen konnte, ohne am nächsten Morgen tot zu sein. Das Leben wurde schwieriger.
Der journalistischem Drang die Öffentlichkeit zu informieren, bedeutete für William Howard Russell aber auch einen inneren Kampf: «Muss ich über diese Dinge sprechen, oder soll ich schweigen?» Wo hört die journalistische Pflicht zur wahrheitsgemäßen Berichterstattung auf, und wo beginnt die Verpflichtung gegenüber dem Vaterland?
Russell kann als Archetyp des Kriegsreporters angesehen werden: über alle Maßen selbstbewusst und selbstgerecht, arrogant, das raue Leben liebend. Aber er lieferte keine Propaganda. Er geißelte die britische Kriegsführung als inkompetent und brachte immer wieder sowohl das Oberkommando, als auch die Regierung und das Königshaus in Rage. Beim aufgebrachten Königshaus entstand schließlich eine Idee. Zehn Jahre zuvor, 1844, hatte Henry Fox Talbot, der Erfinder des fotografischen Positiv-Negativ-Verfahrens, seinen Arbeiten theoretisches Fundament durch die Einleitung zu seinem Bildband "The Pencil of Nature" gegeben: Bei der Fotografie führe die Natur den Zeichenstift, nicht der Maler. Somit sei die Fotografie automatisch wahr und frei von menschlicher Subjektivität. Die Idee des Königshauses war nun, "den Zeichenstift der Natur" gegen die Berichte Russells ins Feld zu führen.
Den Auftrag erhielt Roger Fenton. Er war ein guter Handwerker, der die aufwändige und umständliche Fotografie mit den damals üblichen nassen Glasplatten beherrschte. Fenton war einer der Gründer der Photographic Society in London und fotografierte die königliche Familie. 1852 machte er wahrscheinlich auch die ersten Fotos von Russland und dem Kreml von Moskau.
Fenton bereitete sich gewissenhaft auf die neue Aufgabe vor und reiste Anfang 1855 für einige Monate auf die Krim. Drei Pferde und vier Assistenten mussten 36 Kisten mit sich führen, um diese Fotos realisieren zu können. Prinz Albert erteilte ihm den Rat, keine "dead bodies" abzulichten. Das tat Fenton selbstverständlich auch nicht.
Fentons Schlachtfelder sind leer, Soldaten posieren in herausgeputzten Uniformen, heruntergekommene Verbandsplätze zeigt er ebenfalls nicht. Die Stelle, an der sich im Vorjahr die "Light Brigade" in eine Position manövriert hatte, in der sie durch russische Artillerie gleich von drei Seiten zusammengeschossen werden konnte, fotografierte Fenton als "The Valley of the Shadows of Death". Ein Bild voller Leere, geprägt von einer Masse von russischen Kanonenkugeln.
Fenton kehrte, selbst an Cholera erkrankt, mit 390 belichteten Platten zurück nach England. Seine Auftraggeber waren zufrieden mit der Motivausbeute. Die Bilder konnten leider nicht so schnell verbreitet werden, wie schon wenige Jahrzehnte später möglich war (sie konnten z.B. nicht direkt in einer Zeitung gedruckt werden). Zudem zeichnete sich im Krieg inzwischen eine Niederlage Russlands ab. An der Heimatfront kam der Propagandafeldzug der Bilder deshalb nicht zustande.
Nach seiner Krimreise machte er sich auch einen Namen als Landschafts- und Architekturfotograf. Im Oktober 1862 beendete er plötzlich seine Karriere als Fotograf und widmete sich wieder seinem eigentlichen Beruf des Juristen.













