Salingrad Ein deutsch-russiches Drama
Als russischen Nil bezeichnet Vasilij Rosanov 1907 die Wolga und begründet dies mit der tiefen Bedeutung, die der Fluss für die an seinen Ufern lebenden Menschen hat: "Ein großer heiliger Fluss, ähnlich, wie wir das heilige Russland"' sagen." 1589 unter dem Namen Zarizyn als Kosakenfestung gegründet, spielt die Stadt eine große Rolle im Bewusstsein der Russen und in der russischen Geschichte.Die Stadt ist ein wichtiger Schnittpunkt, denn hier treffen der europäische und der asiatische Teil Russlands unmittelbar aufeinander: Nur 100 km südlich von Wolgograd beginnt Kalmükien, eine Autonome Republik, deren mehrheitlich buddhistische Bevölkerung von den West-Mongolen abstammt und die im 17. Jahrhundert in die Wolga-Region einwanderte. Andererseits ist in Wolgograd, das bis 1962 Stalingrad hieß, auch die jüngste Geschichte präsent. Auch heute, 63 Jahre nach Kriegsende, bezieht immer noch ein großer Teil der Bevölkerung sein Selbst- und Nationalbewusstsein aus dem Sieg über die 6. Armee der deutschen Wehrmacht im Winter 1942/43. In keinem anderen Land ist der Zweite Weltkrieg so omnipräsent wie in Russland. In Wolgograd verdichtet sich dieser Erinnerungskult im Mamaev Kurgan, einem großen Park, der dem Andenken an die Schlacht von Stalingrad und an den Weltkrieg insgesamt gewidmet ist. Im Zentrum dieser Gedenkstätte befindet sich die "Mutter Heimat", das größte freistehende Denkmal der Welt. Hier findet jährlich am 9. Mai, dem Tag des Sieges, ein großes Volksfest statt.
Heute präsentiert sich Wolgograd dem Besucher als moderne Wirtschaftsmetropole der unteren Wolga-Region, die zu den sechs wirtschaftlich wichtigsten Städten der russischen Föderation gehört. Die Stadt ist fast 80 km lang und besteht im Wesentlichen aus einer parallel zur Wolga verlaufenden Straße, von der kleinere Straßen abzweigen. Die Universität befindet sich im geographischen Mittelpunkt der Stadt, das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum befindet sich im nördlichen Teil der Stadt. Obwohl Wolgograd auf dem gleichen Breitengrad wie München liegt, herrscht hier kontinentales Klima: Der Wechsel der Jahreszeiten ist viel intensiver spürbar. Die Stadt verwandelt sich im Frühling, der kaum länger als drei Wochen dauert, aus einem grauen trostlosen Ort mit ständigem Ostwind in eine Stadt mit Cafés und Parkanlagen. An manchen Tagen klettert das Thermometer auf über 40 Grad an.
Historischer Hintergrund
Im Verlauf der deutschen Sommeroffensive von 1942 erreichte die 6. Armee unter General Friedrich Paulus Ende August Stalingrad (Wolgograd). Bis Mitte November eroberte sie rund 90 Prozent der Stadt. Während sich deutsche Stoßtrupps in erbittert geführten Häuser- und Straßenkämpfen verschlissen, führte die sowjetische Südwest-Front frische Kräfte um Stalingrad heran. Am 19. November 1942 begann sie im Nordwesten und im Süden eine zangenförmige Großoffensive. Bereits drei Tage später führte der Angriff zur Einschließung der gesamten 6. Armee sowie von Teilen der 4. Panzerarmee und Überresten der rumänischen 3. und 4. Armee, zusammen rund 250.000 Deutsche und über 30.000 rumänische und russische Hilfssoldaten.Hitler erklärte Stalingrad daraufhin zum Symbol von deutschem Siegeswillen. Zugleich verband er mit der Eroberung des strategisch bedeutenden Rüstungs- und Verkehrszentrums an der Wolga einen persönlichen Prestigeerfolg über seinen schärfsten Gegner Josef W. Stalin, dessen Namen die Stadt trug. Ein Gesuch von Paulus, im Westen aus dem rund 40 mal 50 Kilometer großen Kessel ausbrechen zu dürfen, lehnte Hitler daher strikt ab. Vielmehr vertraute er den inhaltslosen Ankündigungen des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring, die Eingeschlossenen bis zum geplanten Entsatz hinreichend aus der Luft versorgen zu können. Für Entsatz und Luftversorgung fehlten der Wehrmacht jedoch im Winter 1942/43 die erforderlichen Kapazitäten. Die von der 6. Armee täglich benötigten 300-400 Tonnen Nachschub konnten zu keinem Zeitpunkt geliefert werden. Ein am 12. Dezember begonnener Entsatzversuch der eilig unter dem Befehl von Erich von Manstein zusammengestellten Heeresgruppe Don - bei dem sich Panzerverbände von Generaloberst Hermann Hoth Stalingrad auf 48 Kilometer näherten - wurde aufgrund des sowjetischen Widerstands nach neun Tagen abgebrochen. Mit seinem am 23. Dezember erneuerten Durchhaltebefehl überließ Hitler die 6. Armee schließlich ihrem Schicksal.
Erste Todesfälle wegen Erschöpfung und Unterernährung traten ab Mitte Dezember auf. Der russische Winter mit über 40 Grad minus forderte ebenfalls Tausende Opfer unter den nur unzulänglich gegen die eisigen Temperaturen ausgerüsteten Wehrmachtssoldaten. Bis zum 18. Januar 1943 mussten die deutschen Truppen sämtliche Verteidigungslinien aufgeben und sich vollständig in das Stadtgebiet von Stalingrad zurückziehen, wo sie in zwei Teilkessel gespalten wurden. Am 30. Januar ernannte Hitler Paulus demonstrativ zum Generalfeldmarschall. Da noch nie zuvor ein deutscher Feldmarschall kapituliert hatte, sollte die Beförderung Paulus motivieren, mit der 6. Armee bis zum "Heldentod" weiterzukämpfen. Paulus kapitulierte allerdings am 31. Januar mit seinen ihm verbliebenen Einheiten im südlichen Kessel. Zwei Tage später ergaben sich auch die ausgezehrten Truppen im Nordkessel.
Etwa 150.000 deutsche Soldaten waren im Kessel den Kämpfen, der Kälte oder dem Hunger zum Opfer gefallen. Rund 91.000 Mann gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der nur 6.000 Überlebende bis 1956 nach Deutschland zurückkehrten.


