
Kirschkerne und fleissige Lieschen
Seit dem 28. August 1943 treffen in einem abgeschiedenen Tal bei Nordhausen Häftlinge ein. Am Kohnstein wird zunächst ein Lager eingerichtet. Seit 1917 wird im Kohnstein Anhydrit und Gips abgebaut. Ab 1936 beginnt man unter großer Geheimhaltung zwei parallele Fahrstollen in den Berg zu treiben und diese durch siebzehn Querstollen zu verbinden. Zwischen 1937 und 1940 entstehen im Berg riesige Treibstofflager. Auch Bevorratungsräume für Kampfgas werden fertig gestellt. Der dritte Bauabschnitt wurde dann am 28. August beendet. Drei Produktionsstätten sind im Kohnstein vorgesehen: A 4 (V 2) und Fi 103 (V 1) Produktion, Produktion für Taifun-Flak-Rakete und Junkers Düsentriebwerkbau.
Die SS beginnt in ihren Konzentrationslagern nach technisch besonders qualifizierten Häftlingen zu suchen und sie dem neuen KZ Mittelbau Dora zuzuführen. Ende Oktober 1943 befinden sich bereits weit über 6.000 Menschen in diesem KZ. Sie müssen unter fürchterlichen Bedingungen die Anlage weiter ausbauen. Die meisten der Häftlinge dürfen die Mine nicht verlassen und sehen das Tageslicht nie wieder. Tote werden zum Teil direkt in die Fundamente mit eingegossen, auf denen die Werkzeugmaschinen aufgebaut werden. Als man in den 90er Jahren in der Halle 40 Bodenarbeiten durchführen muss, findet man die Überreste von fast 70 Häftlingen. Zwischen 1943 und 1945 sind im KZ Mittelbau und im Mittelbau selbst mehr als 60.000 Menschen aus 21 Ländern zusammen getrieben. 20.000 von ihnen verlieren ihr Leben.
In der Zwischenzeit tobt ein erbitterter Kampf zwischen Luftwaffe (Fi 103 (V 1) und Heer A 4 (V 2) um die so dringend benötigten Ressourcen. Leidtragende ist in erster Linie die V 1. Wegen der Bombardierung Peenemündes, Problemen bei der Zellenkonstruktion, Zuteilungsproblemen bei Werkzeugmaschinen und Chemikalien, verzögert sich der Produktionsanlauf um Wochen. In diesen Herbstwochen beginnen auch die Bauarbeiten für die rund Hundert Abschussanlagen, die der neue Einsatzleiter, Oberst Wachtel, in Frankreich errichten lässt.
Der Herbst 1943 steht auch im Zeichen des Bunkerbaus im Pas de Calais. Watten in manchen Quellen auch Eperleque genannt, wird zwar am 27. August von der US Air Force bombardiert, die Schäden am Nordteil sind aber nicht allzu gravierend. „Kraftwerk Nord West“, wie der Codename lautet, soll vier Heyland Kompressoren erhalten. Vier Stockwerke groß, kann diese Anlage täglich 65 Tonnen flüssigen Sauerstoff produzieren. Der Bau geht mit Hilfe einer revolutionären Hydraulikpresse, die einen bombensicheren Baldachin bildet, weiter.
Im Oktober 1943 beginnt man eine zweite Anlage in nicht allzu weiter Entfernung in Wizernes zu errichten. Wieder bedient man sich einer revolutionären Bautechnik. Diesmal erhält der Bau zunächst eine riesige, bombensichere Beton Kuppel. Darunter wird dann der eigentliche Komplex ausgegraben. Die Kuppel hat einen Durchmesser von 71 m, war 5 m stark und wiegt ungefähr 55 000 Tonnen. Die Franzosen nennen sie „La Coupole“. Darunter entsteht am Rand eines Kalksteinsteinbruches eine achteckige Hall, sowie Werkstätten, Unterkünfte, Tanklager und vieles mehr. In der Achteckhalle sollen die Raketen aufgerichtet, betankt und durch die Tore Gretchen oder Gustav ins Freie geschoben und gestartet werden. Jeden Tag plant man100 Raketen auf London und andere Ziele abzufeuern. Nicht weit entfernt von diesen beiden Bunkern baut man zwei weitere, nicht ganz so monströse Anlagen zum Abschuss von V 1 in Siracourt und Lottinghem.
Im gleichen Monat entdecken die Bildaufklärer der Royal Air Force eine weitere, völlig unbekannte Bunkeranlage in Mimoyecques. Hier soll bis zum Frühjahr 1944 die Hochdruckpumpe, auch „fleißiges Lieschen“ oder V 3 genannt, einsatzbereit gemacht werden. Die Hochdruckpumpe ist ein weittragendes Geschütz, deren Granate durch weitere Ladungen in Seitenkammern auf immer größere Geschwindigkeit getrieben wird. Die Hochdruckpumpe ist ein Projekt, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1855 zurückführen. Damals wird das Prinzip einer Waffe mit seitlichen Pulverkammern in den USA entwickelt und sogar eine Version, die 20,3 cm –Lyman-Haskell-Kanone , funktionstüchtig gebaut. Dann gerät die Erfindung in Vergessenheit. Die Franzosen greifen die Idee 1918 auf. Ein entsprechendes Papier wird 1940 bei der Sichtung erbeuteter Waffenunterlagen entdeckt.
Die Firma Röchling entwickelt ein geflügelte Granate, die aber nie die eigenen Erwartungen erfüllt. Die Probleme sind so groß, so dass man am 4. Mai 1944 bei einer Konferenz erwägt, das Projekt einzustellen. Erst Ende Mai bekommt man die Probleme der Granate in den Griff. Währenddessen gehen die Arbeiten in Mimoyecques weiter. Dort, acht km von der Kanalküste und 60 km von London entfernt , sind zwei Batterien von je 25, 130 m langen, Geschützrohren vorgesehen, die in einem Hügel schräg eingebaut sind. Zu sehen ist aus der Luft eigentlich nichts. Mit Ausnahme von zwei Betoneinfassungen mit je 25 Rohraustritten. Doch trotz Tarnung durch falsche Heuschober werden sie durch die Engländer erkannt. Was diese nicht wissen, sind die
Dimensionen dieser Anlage.
30 Meter unter dem Hügel läuft ein Eisenbahntunnel, von dem wiederum Stichtunnel zu Werkstätten, Kasernen und Magazinen abzweigen. Nochmals 80 m tiefer sind die Stollen für die unteren Kammern der 25 Rohre angelegt. 5.000 Facharbeiter von Krupp, Gute-Hoffnungshütte und Mannesmann und 430 Grubenarbeiter aus dem Ruhrgebiet haben bis zum Frühjahr 1944 einen Grossteil fertig gestellt. Munitionsaufzüge, Lademaschinen und anderes Gerät ist bereits geliefert. Eine Stromversorgung, die ausgereicht hätte, eine Kleinstadt zu versorgen, installiert.
Anfang 1944 realisieren die Engländer die Bedrohung durch die V 1. Die Luftaufklärung hat eindeutige Beweise, dass Startrampen mit dem exakten Londonwinkel entlang der französischen Küste gebaut werden. Die Briten nennen sie „Ski Stellung“. Diese werden im Februar, März 1944 unter einen Bombenteppich gelegt und zerstört. Doch kommt man schnell zu dem Schluß, dass die Deutschen zerlegbare Rampen gebaut haben, die den Verlust der „Ski Stellungen“ schnell ersetzen.
Am 12. Juni 1944 soll Oberst Wachtel von seinem Gefechtsstand in Saleux die Operation „Rumpelkammer“, den massiven Erstschlag mit der V 1, von 55 mobilen Abschussrampen starten. Obwohl Wachtel vor einem verfrühten Einsatz warnt, besteht Hitler auf dem Termin. Er will eine schlagkräftige Antwort auf die Invasion in der Normandie am 6. Juni. Es kommt wie es kommen muss, die Aktion ist eine Katastrophe. Nur zehn Flugbomben verlassen die Startrampen. Erst am Abend des 15. Juni sind sämtliche Rampen einsatzfähig. In dieser Nacht, bei diesigem Wetter, röhren Dutzende von Flugbomben in Richtung London. Bis zum Mittag des 16. Juni sind bereits 244 Fi 103 gestartet. Davon stürzen 45 bald danach ab, eine trifft ein französisches Dorf und tötete zehn Einwohner. Am 17. Juni kommt Hitler persönlich zu einem Geheimtreffen mit seinen Generalen in Margival. Dort äußert er sich befriedigt über den Einsatz der V 1. Am 18. Juni startet Wachtels Regiment die 500. Flugbombe. Eine geht an diesem Tag auf die Wellington Kaserne nieder, nur wenige hundert Meter vom Buckingham Palast entfernt und tötet 121 Menschen, darunter 63 Offiziere und Mannschaften.
Die Engländer beginnen nun im rollenden Einsatz die neuen Gefahren intensiv zu bekämpfen. Neben der ständigen Bombardierung der V 1 Rampen, beginnt man wieder die Großbaustellen im Pas de Calais anzugreifen. Diesmal mit Tallboy, der „Erdbebenbombe“.. Am 4. und 7. Juli werden die V 1 Lagerplätze in den Pilzhöhlen von Saint-Leu-d´Esserent, am 6. Juli die Baustellen in Watten und Siracourt angegriffen. In Siracourt führt ein Tallboy Treffer zum Einsturz des Gebäudes und Watten wird nach einem Treffer aufgegeben. Auch Mimoyecques steht auf der Liste der Air Force. Doch hier führen die Angriffe nicht zum gewünschten Erfolg. Die Schäden können beseitigt werden. Anfang August versucht die US Air Force mit einer Spezialwaffe die unglaublich kleinen Ziele auf dem Mimoyecques Hügel zu treffen. Man baut B 24 Bomber zu fliegenden Bomben um. Diese mit TNT und Torpex geladenen Flugzeuge sollen von zwei Piloten in die Nähe der Anlage geflogen werden. Dann sollen sie mit dem Fallschirm abspringen und die Maschine von Begleitjägern per Funk ins Ziel stürzen lassen. Unter den Flugzeugführern, die diesen verzweifelten Versuch durchführen, ist auch Leutnant Joseph Kennedy, der Bruder des späteren US Präsidenten. Doch seine Maschine explodiert bereits im Anflug aus unbekannten Gründen in der Luft. Erst Ende August ist das Trauma V 3 beendet, als alliierte Truppen das Gelände besetzen.
Der Vormarsch der Engländer und Amerikaner zwingt die Deutschen, ihre V 1 Abschussvorrichtungen immer weiter nach Osten zu verlegen. Am Nachmittag des 1. September verlässt die letzte der Flugbomben französischen Boden. Am 7. September glauben die Engländer, die Gefahr durch die A 4 wäre beseitigt, da ganz Frankreich befreit worden ist. Evakuierungspläne für London werden aufgehoben. Doch es soll anders kommen. Am 8. September hebt die erste Rakete, die V 2 wie sie nun offiziell hieß, vom westholländischen Boden ab. Es ist die erste von 1.000, die englischen Boden treffen werden.
























