
Neue Antriebe
Neben der Arbeit an der A 4 sind die Wissenschaftler und Techniker in Zusammenarbeit mit Messerschmidt und Heinkel bei der Erforschung des Raketen- und Strahlantriebs für Flugzeuge. Die He 176 fliegt Juni 1939 als erstes Raketenflugzeug der Welt. Testpilot Erich Warsitz erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von weit über 800 km/h. Kurz danach fliegt über Peenemünde die He 178, der erste Jet der Welt. Doch beide Typen leiden unter Kinderkrankheiten, die bis Ende des Krieges nicht ausgeräumt werden können.
Eine andere Waffe, die 1942 in Peenemünde entwickelt werden sollte, war die Fi 103, die später als V 1 bekannt wurde. Dabei war die Idee eines unbemannten Flugzeuges nicht neu. Schon im 1. Weltkrieg baute Dr. F. W. Buck aus Flagler, Colorado einen „Lufttorpedo“ mit Doppeldeckerflügeln und Kolbenmotor. Mittels eines Druckluftapparates wurde diese Konstruktion von einem Autos gestartet. 1918 machten die Amerikaner einen kleinen, nur 135 kg schweren Flugapparat Front reif, der die gleiche Menge Sprengstoff wie sein Eigengewicht ins Ziel bringen konnte. Im Oktober 1918 ging eine Einheit an die Front, um tausende dieser Apparate abzufeuern. Es kam dazu aber wegen des Waffenstillstandes nicht mehr.
Der „Kirschkern“ wie er genannt wurde, war der erste Marschflugkörper seiner Art. Angetrieben wurde die Fi 103 von einem Schubrohr (Pulsionsstrahltriebwerk), das von Diplom-Ingenieur Paul Schmidt erfunden und 1930 patentiert wurde. Dieses Schmidtsche Strahlrohr begeisterte die Luftwaffe. Denn die Herstellung dieses Motors kostete nur ein Bruchteil eines normalen Triebwerkes und war einfach herzustellen. 1939 begannen auch die Argus Werke sich für den Motor zu interessieren. Aber erst 1941 gab es einen ersten Flugversuch. Anschließend beauftragte die Luftwaffe die Argus Motorenwerke in Zusammenarbeit mit Paul Schmidt ein Schubrohr zu entwickeln. Diese Röhre bekam den Namen AS (Argus-Schmidt).
Die Fieseler Werke in Kassel bekamen den Entwicklungsauftrag für die Zelle. Gebaut war dieser Flugkörper aus billigem Eisenblech, Stahlrohren und Blechprofilrippen. Juni 1942 gab Generalfeldmarschall Milch den Auftrag zur Serienfertigung. Peenemünde-West soll die Waffe, die einen Sprengkopf von 830 kg nach England befördern soll, einsatzbereit machen. Bereits Dezember 1942 beaufsichtigt Gerhard Fieseler die ersten Katapultstarts. Diese Katapulte waren notwendig, um den Flugkörper aus dem Stand auf Marschgeschwindigkeit zu schießen. Mit eigenem Antrieb wäre die Startstrecke fast 3 km lang gewesen. Es dauerte einige Zeit, das richtige Katapultsystem zu entwickeln, aber letztendlich erfand Professor Walter von den gleichnamigen Werken in Kiel eine 48 m lange, um 6 Grad ansteigende Rampe, in die eine mit Wasserdampf angetrieben Schleuder für Vortrieb sorgte.
In der Zwischenzeit geht das A 4 Programm mit voller Kraft weiter. Die Serienfertigung wird vorbereitet und dezentralisiert. Eine weise Entscheidung wie sich später herausstellen sollte.
Am 7. Juli führen Dornberger und von Braun im Führerhauptquartier einen Film vor. Sinn und Zweck dieser Übung ist die Sicherstellung des Projektes mit der höchsten Dringlichkeitsstufe. Der erwünschte Effekt trifft ein. Hitler verfügt, Peenemünde an die Spitze aller Rüstungsprogramme zu stellen. Er ernennt dabei auch Walter Dornberger zum Generalmajor und Werner von Braun zum Professor.
Den Engländern ist unterdessen der Bau und Erweiterung Peenemündes nicht entgangen. Bereits im Herbst 1942 empfingen sie Agentenberichte mit Informationen über den Bau deutscher Fernraketen. Im April 1943 häuften sich die Hinweise und man begann verstärkt Aufklärung im Ostseeraum zu fliegen. Hinweise über riesigen Bunkerbau, den man sich nicht erklären konnte, tauchten zur gleichen Zeit aus französischen Widerstandskreisen auf. Dort war von „ungeheuren Gräben mit 3 m dicken Betonböden“ die Rede, die in der Nähe von Watten ausgehoben würden. Man beschloss den Pas de Calais und die übrige Küste ebenfalls in Augenschein zu nehmen.
Das gesamte Frühjahr wurden Aufklärungsflüge in die Wege geleitet. Duncan Sandys, der an die Spitzer eines Gremiums für die Geheimwaffen-Aufklärung bestellt worden war, sammelte weiter Indizien. Bereits Mitte Mai hatte man einen ungefähren Eindruck von der Größe des neuen Bunkers bei Watten und anderer Großbauten im Pas de Calais gewonnen. Im Juli schwoll die Flut an Geheimberichten über Raketenbau bedrohlich an. Die britischen Bildauswerter fanden Hinweise auf „zigarrenförmige Flugkörper“, sowie „schwanzlose Kleinflugzeuge“. Auch war aufgefallen, dass der gesamte Komplex in Windeseile mit einer enormen Anzahl von Flak- und Nebel-Batterien verstärkt worden war. Churchill beschloss, diese Bedrohung durch einen großen Bombenangriff auszuschalten. Diesem Angriff gab man den Decknamen „Hydra“.











