Newsletter abonnieren:


 

Johann der Blinde (1296 - 1346)

Crecy
Am Abend der Schlacht rief der siegreiche englische König Geistliche und Barone zusammen, die sich in Wappenkunde auskannten: "Und er gebot ihnen, die Toten zu zählen und die Namen der Ritter aufzuschreiben, die sie erkennen konnten."
 

Federschmuck des Königs von Böhmen
Über 17 000 Tote, darunter 11 Prinzen, 1 200 Ritter, 4 000 Edelknappen, die meisten von ihnen Franzosen, sollen damals, am 26. August des Jahres 1346, das Schlachtfeld von Crecy bedeckt haben. Einer der vornehmsten Gefallenen lag eingequetscht zwischen Pferdekadavern. Man erkannte ihn nur an den Straußenfedern seines Helmes - Johann, König von Böhmen, der auf französischer Seite mit gefochten hatte. "Heute fiel die Blüte der Ritterschaft", sagte der englische König, als man ihm die Leiche Johanns zeigte, "doch niemand war so tapfer wie er."
 

Johann hatte am späten Nachmittag in die Schlacht eingegriffen und alsbald den Tod gefunden - den er vermutlich auch gesucht hatte; der Mann war nämlich blind. Seine Begleitung hatte vergeblich versucht, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, hatte ihm die aussichtslose Lage geschildert, die Schlacht sei längst verloren, Tausende Franzosen hätten schon ihr Leben gelassen - doch Johann wollte ein letztes Mal sein Schwert ziehen.
 

Schlacht von Crecy von Brian Palmer
Zwei Ritter nahmen ihn in die Mitte, die Schlachtrösser wurden mit Ketten verbunden, im Galopp ging's in den Kampf, wo die englischen Langbogenschützen die planlos angreifenden Ritter des Königs von Frankreich seit Stunden niedermähten, wo erstmals eingesetzte Kanonen für zusätzliche Verwirrung sorgten. Von Johann und seinen Begleitern war im Chaos des Kampfgewühls bald nichts mehr zu sehen
 

Thronwirren

Hochzeit Johanns von Luxemburg mit Elisabeth von Böhmen in Speyer, 1310
Der König von Böhmen stammte aus Luxemburg - als Johann der Blinde oder, wie er in seiner Heimat genannt wird, der "blanne Jann" ist er in die Historie eingegangen. Geboren wurde Johann am 10. August 1296, sein Vater, Graf Heinrich von Luxemburg, wurde 1308 als Heinrich VII. zum deutschen König gewählt und sollte 1312 gar die römische Kaiserkrone erlangen. Thronwirren in Böhmen - das Herrschergeschlecht der Przemysliden war 1306 erloschen - führten dazu, dass der einheimische Adel König Heinrich VII. im Jahre 1310 drängte, seinen einzigen Sohn mit Böhmen zu belehnen und diese Thronfolge durch eine Heirat mit Elisabeth, der jüngsten Tochter des verstorbenen Wenzel II., auch dynastisch abzusichern. Hochzeit und Belehnung fanden Ende August 1310 in Speyer statt - unversehens hatte das Haus Luxemburg eines der wichtigsten Territorien des Reiches gewonnen.
 

Nach dem frühen Tode des Vaters (1313) während des Italienfeldzuges, bei dem auch seine Mutter und ein Bruder des Vaters ums Leben kamen, musste sich Johann den taktischen Überlegungen des Trierer Erzbischofs, seines Onkels, beugen und den Wittelsbacher Ludwig, "den Bayern", zum deutschen König wählen - innerlich verwunden hat er den Verzicht auf eine eigene Kandidatur nie. Auch im Königreich Böhmen entwickelten sich die Dinge nicht zum besten; Johann und Elisabeth waren im Februar 1311 auf der Prager Burg gekrönt worden, der böhmische Adel widersetzte sich jedoch von Anfang an den Absichten des neuen Königs, eine starke Zentralgewalt aufzubauen. Nach 1315 kam es zu einem regelrechten Bürgerkrieg, in dem die Adelspartei schließlich die Oberhand behielt; im April 1318 verkündete Johann auf dem Landtag zu Taus eine Amnestie für die Anführer der Opposition, zudem versprach er, alle Deutschen aus ihren Ämtern zu entlassen.
 

Zügelloses Leben

Es kam zum Bruch innerhalb der königlichen Familie - Elisabeth, die schon vier Kinder zur Welt gebracht hatte, konnte sich mit der Niederlage des Gemahls nicht abfinden, nach bösen Intrigen beiderseits entzog Johann ihr sogar die Erziehung der Kinder. Eine echte Liebesbeziehung scheinen die Eheleute ohnehin nicht gehabt zu haben - tschechische Chronisten haben zahlreiche Geschichten über den zügellosen Lebenswandel des Königs überliefert, der sich am liebsten in Bordellen und Kaschemmen herumtrieb, der nicht selten in den dunkelsten Vierteln Prags in der Gosse aufgefunden wurde.
 

Taus bedeutete einen Wendepunkt im Leben Johanns - nach dem Scheitern seiner innenpolitischen Ambitionen begann er eine einzigartige "Tour d'Europe", seine oft jahrelange Abwesenheit bringt ihm bei den Tschechen den Namen "kral cizinec" (König Fremdling) ein. Wir finden ihn fortan auf allen Kriegsschauplätzen des Kontinents - im deutschen Thronstreit kämpfte er auf der Seite der Bayern, in Frankreich besuchte er Feste und Turniere; allein dreimal nahm er die Prozedur einer "Preußenreise" auf sich, mit der der europäische Hochadel sein Kreuzzugsgelübde erfüllte - als Gast des Deutschen Ritterordens kämpfte man gegen Pruzzen (Preußen) und Litauer. Bei einem dieser Züge in den ostpreußischen Sümpfen zog sich Johann 1337 eine Entzündung des rechten Auges zu - in Breslau verschlimmerte die Behandlung eines französischen Arztes das Übel. Johann ließ den Mann in der Oder ertränken. Sein rechtes Auge erblindete.
 

In den letzten Tagen des Jahres 1330 hatte der Böhmenkönig den Boden Italiens betreten, von den Einwohnern Brescias zu Hilfe gerufen, die sich von Mastino della Scala, dem Herrscher von Verona, bedroht fühlten. Das politische System der Halbinsel war gänzlich aus den Fugen geraten, es gab keine Ordnungsmacht, Städte und Potentaten führten einen immerwährenden Kampf aller gegen alle; dazu kamen Auseinandersetzungen zwischen Orden und Sekten, die sich gegenseitig der Häresie verdächtigten und Mord und Totschlag als theologische Argumente ansahen.
 

Anfänglich konnte Johann einige Erfolge erringen, eine Reihe von Städten unterstellte sich seiner Herrschaft. Doch schon 1331 gab es die ersten Rückschläge, Guelfen und Ghibellinen kämpften plötzlich Seite an Seite gegen den Eindringling, den "Boemino" - 1333 verließ Johann das schwergeprüfte Land; er habe nichts Gutes getan, sondern nur ungeheuer viel Geld verschwendet, rief ihm ein Autor aus Parma nach.
 

Das Scheitern des italienischen Abenteuers hat dazu geführt, dass Johann seine Aktivitäten auf Ostmitteleuropa konzentrierte; im Westen trat Johann dagegen als loyaler Bundesgenosse Frankreichs auf, mit dessen Königshaus die Luxemburger sich durch mehrere Ehen verbunden hatten - im August 1337 wurde sogar ein Vertrag geschlossen, in dem sich Johann verpflichtete, 500 "Helme" für den Krieg gegen England bereitzustellen. Im gleichen Jahr war er dem rechten Auge erblindet. Dies war eine Erbkrankheit der Luxemburger.
 

Edward III. Aus Cassells´s History of England
Die alte englisch-französische Auseinandersetzung hatte mittlerweile europäische Dimensionen erreicht - als mit Karl IV. das Haus Capet 1328 in männlicher Linie ausgestorben war, erhob der englische König Eduard III. Ansprüche auf den französischen Thron, seine Mutter war eine Capet. Das Pariser Parlament schloß indessen eine Erbfolge über die weibliche Linie aus und proklamierte Philipp von Valois (aus einer Seitenlinie der Kapetinger) zum König. Eduard fand sich zunächst mit der Valois-Nachfolge ab - doch einige Jahre später nahm er den Titel "König von Frankreich" an; nach einem Seesieg bei Sluys wurde 1340 ein englischer Brückenkopf in Nordfrankreich gebildet.
 

Der Schwarze Prinz

Guy de Chauliac. Mittelalterliche Illustration
Im Januar des gleichen Jahres war Johann nach Montpellier geritten, dessen medizinische Fakultät eine Heilung seines Augenleidens versprochen hatte - die Operation, die die Ärzte unter Guy de Chauliac am linken Auge durchführten misslang und führte zu völliger Blindheit. Guy de Chauliac war Leibarzt dreier Päpste: Clemens V., Clemens VI. und Innozenz VI.. Er zu seiner Zeit die Berühmtheit insbesondere für Augenleiden schrieb sein eigenes Lehrbuch, die Chirurgia Magna, das umfassendste Kompendium des gesamten medizinischen Wissens seiner Zeit.
 

Philipp VI von Frankreich
Der König ertrug sein Schicksal mit großer Standfestigkeit, schon im Sommer weilte er wieder im Feldlager des Valois. Auch als Eduard im Sommer 1346 erneut mit einer kleinen Armee aufs Festland übersetzte, war Johann einer der ersten, der dem Hilfesuchen Philipps VI. nachkam: "Auch wenn ich blind bin, so muss ich doch die Kinder meiner Tochter gegen die englischen Thronräuber verteidigen", soll er ausgerufen haben - seit 1332 war seine Tochter Guta mit dem französischen Thronfolger verheiratet.
 

Angriff der französischen Kavallerie in der Schlacht von Crecy
Und so stand Johann am 26. August 1346 auf den Feldern von Crecy - die Schlacht tobte schon; "die französischen Ritter kämpften so heldenmütig wie die Engländer, denn die Ritter aller Länder glichen sich. Der Vorteil der Engländer lag in der Verbindung der nichtadeligen Verbände - den walisischen Messerträgern, den Spießträgern und vor allem den geübten Bauern, die den Langbogen führten - mit der Kampfesweise des Ritters" schreibt Barbara Tuchman (in ihrem Buch "Der ferne Spiegel"). Das Rittertum, das im 14. Jahrhundert in seinen Ritualen und auf literarischem Feld seine Höhepunkte zelebrierte, gab in Crecy seine erste große Abschiedsvorstellung als militärischer Faktor. Eduard und seine Heerführer aber feierten den Sieg - "sie speisten und tranken in großer Freude ob des herrlichen Abenteuers, das sie bestanden hatten."
 

Der Black Prince
Eduards Sohn, der Prince of Wales, genannt der "Schwarze Prinz", war der eigentliche Sieger der Schlacht - er beugte sich am Abend über den Leichnam Johanns, schlug die Straußenfedern von dessen Helm ab und schmückte damit den seinen - zudem übernahm er Johanns ritterliches Motto "Ich dien". In leicht abgeänderter Form ("I dien") gehört er noch heute zum Wappen des jeweiligen englischen Thronfolgers.
 

Der Tod des Königs beeindruckte den europäischen Adel: Johann war bis zuletzt seinem Eid, Bündnisse einzuhalten, treu geblieben und starb als Verkörperung des europäischen Ritterideals. Johann wurde zunächst im luxemburgischen Kloster Altmünster beigesetzt. Nach der Zerstörung der Benediktinerabtei 1543 wurde Johann dann im luxemburgischen Kloster Neumünster bestattet. In den Wirren der Französischen Revolution gelangten Johanns Gebeine in den Besitz der Industriellenfamilie Boch (Villeroy & Boch) in Mettlach an der Saar. Dort ruhten Johanns Gebeine nach Angaben der Familie Boch in einer Mansardenkammer. Pierre-Joseph Boch soll die sterblichen Überreste von Mönchen erhalten haben, um sie vor französischen Revolutionstruppen zu verstecken. Sein Sohn Jean-François Boch schenkte 1833 die sterblichen Überreste Johanns dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, während dessen Reise durch das preußische Rheinland.
 

Grabkapelle von König Johann in Kastel -Staadt
Der Kronprinz, der in Johann einen Ahnen sah, beauftragte den Baumeister Karl Friedrich Schinkel, eine Grabkapelle für Johann den Blinden zu entwerfen. 1834 bis 1835 baute Schinkel die Kapelle in Kastel-Staadt an Stelle einer alten Einsiedelei auf einem Felsen über dem Saartal. An Johanns Todestag im Jahr 1838 wurden seine Gebeine dort in einem schwarzen Marmorsarkophag bestattet. 1946 wurde Johann auf Veranlassung des Staates Luxemburg aus der Grabkapelle exhumiert und nach Luxemburg (in die Krypta unter der Kathedrale) überführt.