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Varus in Germanien

Varus auf einer Münze
Neuer Statthalter und Oberbefehlshaber der Rheinarmee, die mit 6 Legionen und einer Sollstärke von 36.000 Mann, die damals stärkste Armee im römischen Imperium ist, wird im Jahre 7 n. Chr. Publius Quinctilius Varus
 

Die Familie des Varus lebte urspünglich in Alba Longa in den Albaner Bergen. Die Ahnen zählten der Legende nach bereits zum Gefolge des Romulus. Der Namen der Familie, Quinctilius, ist eine Ableitung des frühenVornamen Quintus (der Fünfte). Der Beiname Varus war wahrscheinlich von der entsprechenden körperlichen Besonderheit eines frühen Vorfahren abgeleitet und bedeutet der "Krumme" oder "Gebückte".
 

Varus ist durch Heirat mit der Familie des Augustus verschwägert, was mit Sicherheit seine Karriere nicht behindert. Als Zeichen besondere Gunst des Kaisers ist seine Teilnahme an einer Orientreise des Augustus in den Jahren 21 – 19 v. Chr. zu bewerten. Weitere Stationen der Karriere sind 15 v. Chr. Legat im praetorischen Rang in der Provinz Asia (Westtürkei), 13 v.Chr. Consul zusammen mit dem späteren Kaiser Tiberius, 7/6 v.Chr. Statthalter der Provinz Africa (Tunesien), sowie von 6 - 4 v.Chr. Statthalter der Provinz Syria (inkl. Palästina) als legatus Augusti pro praetore (Legat des Augustus im praetorischen Rang).
 

Über den Menschen Varus selbst gibt der römische Schriftsteller Velleius Paterculus Auskunft.: „Varus stammte aus einer angesehenen, wenn auch nicht hochadligen Familie. Er war von milder Gemütsart, ruhigem Temperament, etwas unbeweglich an Körper und Geist, mehr an müßiges Lagerleben als an den Felddienst gewöhnt. Dass er wahrhaft kein Verächter des Geldes war, beweist seine Statthalterschaft in Syrien: „Als armer Mann betrat er das reiche Syrien, und als reicher Mann verließ er das arme Syrien“. Als er Oberbefehlshaber des Heeres in Germanien wird, meint er, „die Menschen dort hätten außer der Stimme und den Gliedern nichts Menschliches an sich. Die, die man durch das Schwert nicht hatte zähmen können, die könne man durch das römische Recht lammfromm machen".
 

Germanische Versammlung
Aufgabe des Varus ist die Befriedung der Stämme wodurch die römische Herrschaft und der innere Friede durch feste Abkommen mit den Stämmen bis zur Elbe gesichert wird. Darüber hinaus ist Aufbau einer römisch kontrollierten, aber von einheimischen Germanen mitgetragenen militärischen Infrastruktur, die Eröffnung des Warenverkehrs, vor allem aber die Bindung der Duces, Stammesfürsten, und ihrer sozialen Interessen an das römische Rang- und Wertesystem von Bedeutung.
 

So spricht Varus tief im Landesinneren Recht, regelt die Beitreibung von Abgaben und greift vermittelnd in stammesinterne wie stammesübergreifende Konflikte ein. Das ihn begleitende Heer wird nicht nur den für ein erfolgreiches Verhandeln hilfreichen Druck ausgeübt haben, sondern es trägt darüber hinaus zur Verbesserung der Infrastruktur und damit auch der römischen Erschließung des Landes bei.
 

Zenurion
Der große Gegenspieler des Varus ist Arminius. Germanische Aufzeichnungen sind nicht vorhanden, sodaß man sich daher auf die römischen Quellen beziehen muss. Tacitus schreibt in seinen „Annalen“, dass Arminius wahrscheinlich im Jahr 16 v. Chr. als Sohn des Cherusker Fürsten Segimer geboren sei. Als Tiberius im Zuge seiner Germanenfeldzüge auch das Gebiet der Cherusker. erobert, will er Segimer als festen Verbündeten Roms gewinnen. Er macht ihm das Angebot, seine Söhne in Rom zu militärischen Führern auszubilden. Damit wäre ihnen eine Karriere im römischen Imperium sicher. So schickt der Cherusker Fürst um 8 v. Chr. seine Söhne Armin und Flavus nach Rom. Unter dem Namen Arminius wird er dort zum Stabsoffizier (Tribun) ausgebildet und begleitet das Heer des Tiberius. Ab dem Jahre 4 n. Chr. führt er eine cheruskische Abteilung in römischen Diensten und wird so mit der lateinischen Sprache sowie dem römischen Militärwesen vertraut. Wegen seiner Verdienste erwirbt er sich das römische Bürgerrecht und den Rang eines Ritters. Um das Jahr 7/8 n. Chr. kehrt Arminius in das cheruskische Stammesgebiet zurück. Dort heiratet er Thusnelda, die Tochter des Cherusker Fürsten Segestes, gegen dessen Willen.
 

Im Jahre 9 n. Chr. wird er als Kommandeur germanischer Hilfstruppen oder Auxiliareinheiten (Auxilia) dem Statthalter der gallischen Provinzen und Oberbefehlshaber über die Rhein-Legionen Publius Quinctilius Varus unterstellt. Er genießt das volle Vertrauen des Varus und seines Stabes. Wir kennen die Umstände, warum Arminius die Seiten wechselte nicht. Wir wissen nur, dass es ihm gelingt die untereinander zerstrittenen Stämme der Cherusker, der Brukterer, Marser und möglicherweise die Chatten zu einen und sie davon zu überzeugen, dass ein Angriff unter gewissen Umständen zum Erfolg führen wird.
 

Römisches Marschlager
Im Spätsommer des Jahres 9 n. Chr. befindet sich Varus mit seinen Truppen im Bereich der Weser und bereitet sich, wie immer um diese Jahreszeit, auf den Rückmarsch in die Winterquartiere an der Lippe oder am Rhein vor. Seine Streitmacht besteht aus den Legionen mit den Nummern 17, 18 und 19, drei Alen (Reiterschwadronen) sowie sechs germanischen Auxiliar Kohorten. Neben den Soldaten befindet sich auch ein riesiger Tross von Versorgungsmannschaften und Familienangehörigen, darunter Kinder und alte Männer, beim Heer, zusammen rund 30. 000 Personen. Arminius weiß natürlich genau, dass solch eine formidable Streitmacht in offener Feldschlacht durch die leichtbewaffneten Germanen nicht zu schlagen ist. Er entwickelt eine neue Strategie, den Kampf aus der Überraschung.
 

Arminius ist ein häufiger Gast an der Tafel des Oberbefehlshabers. Hier erzählt er möglicherweise auch von der Revolte eines germanischen Stammes, der südlich ihres Standortes wütet. Varus beschließt, diese Revolte niederzuschlagen und nimmt dafür auch einen Umweg in Kauf. Germanische Aufklärer sollen ihn führen. Segestes, der Schwiegervater des Arminius, ist ein heimlicher Verbündeter der Römer und berichtet Varus von dem bevorstehenden Überfall. Varus ignoriert die Warnung.
 

Legionäre auf dem Marsch. Beachte die Sandalen und den Schlamm. Verhältnise wie bei der Varusschlacht
Zu diesem Zeitpunkt setzt sich wahrscheinlich Arminius bereits von den römischen Truppen ab und bereitet den Hinterhalt vor. Den Weg, den die germanischen Späher für die Truppen des Varus vorgesehen haben, führt sie geradewegs ins Verderben. Im Jahre 9 n. Chr. ist die Gegend um Kalkriese ein Flaschenhals. Der Kalkrieser Berg ist dicht bewaldet und mit tiefen Bacheinschnitten versehen so dass er völlig unpassierbar wird. Ihm gegenüber liegt ein ausgedehntes Moor. Genau wischen Moor und Berghang führt der einzig schmale verfügbare Weg, den Truppen, Reiter und Tross nehmen müssen. Es gibt keine Alternative. Bedingt durch die Topographie sind die Römer gezwungen, ihre normale Marschordnung aufzugeben und sich in einen riesigen kilometerlangen Lindwurm einzureihen, der unterbrochen wird von Maultierkarren, Hilfstruppen, Frauen und Kindern des Trosses.
 

Eine Nachbindung der Arminius Walles
Arminius hat inzwischen entlang dieser Route und insbesondere am Kalkrieser Flaschenhals Vorbereitungen getroffen. Germanische „Pioniere“ stechen Grasssoden , häufen diese zu Wällen auf und versehen sie mit Palisaden. Dazwischen gibt es Ausfallpforten, um blitzschnell aus der Deckung kleine Gruppen von Legionären anzugreifen und sich rasch wieder zurückzuziehen.
 

Der Teutoburger Wald
Tacitus bezeichnet dieses Gelände als „Saltus Teutoburgiensis“, woraus später der Teutoburger Wald wird. Gemeint ist damit aber wahrscheinlich ein Gebiet, welches nicht nur den heutigen Teutoburger Wald umfasst, sonder ebenso das Wiehengebirge mit Kalkriese.
 

Der Legionär im 1. Jahrhundert nach Christus
Drei Tage lang, so Tacitus, dauert die Varusschlacht. Es beginnt wahrscheinlich mit gut koordinierten Angriffen der germanischen Hilfstruppen im römischen Heer, die die Seiten wechseln und Attacken aus den angrenzenden Wäldern. Die Römer, völlig überrascht und außer Stande eine Schlachtordnung zu bilden wehren sich einzeln oder in kleinen Gruppen. So schnell wie die Germanen gekommen sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Dieser Vorgang wiederholt sich pausenlos. Die Römer in ihrer schweren Ausrüstung sind den leicht Bewaffneten nicht gewachsen. Unebenes Terrain, die Enge des Weges und die zahlreichen Maultierkarren engen ihren Radius ein. Sie sind dieser ungewohnten Taktik hoffnungslos unterlegen, da der Gegner nicht zu fassen ist.
 

Legionslager
Am ersten Abend gelingt es den Truppen noch ein geordnetes Lager anzulegen. Varus größte Probleme sind sein Nachschub und seine Unbeweglichkeit. Man beschließt alles Überflüssige zu verbrennen und den Marsch Richtung Rhein fortzusetzen. Am nächsten Tag setzen sichdie Nadelstich-Angriffe der Germanen fort. Der Bau eines Lagers am zweiten Tag gelingt nur zum Teil. Die römischen Truppen befinden sich ganz in der Nähe des Kalkrieser Flaschenhals.
 

Schildlederschutz gegen Nässe
Am dritten Tag gehen die Angriffe weiter. Dazu regnet es fürchterlich und die Verluste der römischen Einheiten werden unerträglich. Man muss den schmalen Durchgang zwischen Berg und Moor freikämpfen, um der Masse der Armee den Weg in die offene Ebene zu ermöglichen. Doch Arminius nutzt seinen Vorteil und befestigt den Engpass mit Wällen. Die Römern beginnen zu ermatten. Der Regen macht die Sehne am Bogen unbrauchbar und die Schilde immer schwerer. Glitschige Wurzeln und Schlamm beeinträchtigen die Standfestigkeit der römischen Soldaten.
 

Enge Gefechtsformation
Am dritten Tag gehen die Angriffe weiter. Dazu regnet es fürchterlich und die Verluste der römischen Einheiten werden unerträglich. Man muss den schmalen Durchgang zwischen Berg und Moor freikämpfen, um der Masse der Armee den Weg in die offene Ebene zu ermöglichen. Doch Arminius nutzt seinen Vorteil und befestigt den Engpass mit Wällen. Die Römern beginnen zu ermatten. Der Regen macht die Sehne am Bogen unbrauchbar und die Schilde immer schwerer. Glitschige Wurzeln und Schlamm beeinträchtigen die Standfestigkeit der römischen Soldaten.
 

Arminius lässt Varus den Kopf abtrennen und schickt diesen an den Markomannen König Marbod, um diesen davon zu überzeugen, sich dem Aufstand anzuschließen. Marbod, der an einem Ausgleich interessiert ist, schickt den Kopf nach Rom, wo er in Ehren bestattet wird. Augustus ist von den Neuigkeiten aus Germanien schockiert und soll gesagt haben: „Quinctili Vare, legiones redde!“ „Quinctilius Varus gib mir meine Legionen wieder“! Die Legion- Nummern 17 – 19 werden nie wieder verwendet.
 

Erst 11 n. Chr. ist Kaiser Tiberius in der Lage, sich der neuen Situation in Germanien zu stellen. Sechs neue Legionen werden ausgehoben und zu den noch verbleibenden zwei Legionen am Rhein in Marsch gesetzt. Zwei Jahre später übergibt Tiberius das Kommando dem Germanicus, dem Sohn des Drusus, der im Jahre 9 n. Chr. vom Pferd fällt und an den Folgen stirbt.
 

Der Legionsadler und Standarte
In den Jahren 14-15 n. Chr. führt Arminius eine erweiterte Koalition germanischer Stämme gegen die von Germanicus geleitete römische Strafexpedition. Trotz gegenteiliger Darstellungen ist der Erfolg des römischen Unternehmens bescheiden. Einziger Lichtblick in der für Germanicus enttäuschenden Bilanz ist die Gefangennahme von Thusnelda, der Ehefrau des Arminius. Sie wird von ihrem eigenen Vater, Segestes, an die Römer ausgeliefert und später im Triumphzug des Germanicus in Rom vorgeführt.
 

In den „Annalen“ von Tacitus ist beschrieben, wie die Römer das Schlachtfeld vorfinden. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass die Germanen nach einer beendeten Schlacht ihre eigenen Gefangenen zu begraben und Beute zu machen pflegten, die Toten des Gegners, die Menschen ebenso wie Tiere, so liegen lassen, wie sie fielen.
 

Helm (cassis) und Kurzschwert (gladius)
„Nun erwachte in dem Caesar (Germanicus)das Verlangen, jenen Soldaten und ihrem Heerführer die letzte Ehre zu erweisen, wobei das ganze anwesende Heer von schmerzlichem Mitgefühl erfüllt war wegen der Verwandten und Freunde, kurz, wegen der leidvollen Kriege und des menschlichen Loses. Caecina wurde vorausgeschickt, um die entlegenen Waldgebiete zu durchforschen und über das sumpfige Gelände und den trügerischen Moorboden Brücken und Dämme zu führen. Und nun betraten sie die Unglücksstätte, grässlich anzusehen und voll schrecklicher Erinnerungen. Das erste Lager des Varus wies an seinem weiten Umfang und der Absteckung des Hauptplatzes'° auf die Arbeit von drei Legionen hin. Dann erkannte man an dem halbeingestürzten Wall und dem niedrigen Graben, dass die schon zusammengeschmolzenen Reste sich dort gelagert hatten. Mitten in dem freien Feld lagen die bleichenden Gebeine zerstreut oder in Haufen, je nachdem die Leute geflohen waren oder Widerstand geleistet hatten. Dabei lagen Bruchstücke von Waffen und Pferdegerippe, zugleich fanden sich an Baumstämmen angenagelte Köpfe. in den benachbarten Hainen standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und die Centurionen der ersten Rangstufe geschlachtet hatten. Die Leute, die diese Niederlage überlebt hatten und der Schlacht oder der Gefangenschaft entronnen waren, erzählten, hier seien die Legaten gefallen, dort die Adler von den Feinden erbeutet worden; sie zeigten, wo Varus die erste Wunde erhalten, wo er mit seiner unseligen Rechten sich selbst den Todesstoß beigebracht habe; wo Arminius von der Tribüne herunter eine Ansprache gehalten habe, wie viele Galgen für die Gefangenen, was für Martergruben er habe herstellen lassen, wie er die Feldzeichen und Adler übermütig verhöhnt habe“.(Übersetzung von Walther Sontheimer, Stuttgart 1966).
 

Germanicus in Nöten in Germania
Germanicus, der verzweifelt versucht Arminius und seine Truppen zu stellen und zu vernichten, gerät dabei oft in Situationen, die eher sein Ende als das des Arminius bedeuten. Tiberius erkennt, dass Germanicus auf absehbarer Zeit nicht Herr der Lage in Germanien werden wird. Er ist enttäuscht von der militärischen Situation, und besorgt um die ungeheuren Kosten, die die Staatskasse belasten. Im Jahre 16 n. Chr. beruft Tiberius schließlich Germanicus ab und erklärt den Rhein zur Staatsgrenze. Er hofft auf den Bruch der germanischen Stammeskoalition und wird nicht enttäuscht werden.
 

Arminius will sich nicht mit den bisherigen Erfolgen zufrieden geben, sondern sucht erneut, in Erwartung weiterer Auseinandersetzungen mit Rom, ein Bündnis mit dem Markomannen König Marbod. Marbod lehnt erneut ab. Im Jahre 17 n. Chr. führte Arminius einen erfolgreichen Feldzug gegen Marbod, dem nur noch der Rückzug nach Böhmen bleibt. Arminius kann seinen militärischen Erfolg jedoch nicht ausbauen, da sich der germanische Adel gegen ihn zusammenschließt. Im Jahre 21 n. Chr. stirbt er durch die Hand eines seiner Verwandten. Vermutlich ist es Segestes, der Vater seiner Frau Thusnelda, der ihn ermordet.
 

Als Thusnelda 15 n. Chr. von Germanicus gefangen genommen wird, ist sie schwanger. In der Gefangenschaft bringt sie ihren Sohn Thumelicus zur Welt, der in Ravenna aufwächst und zum Gladiator ausgebildet wird. Über sein weiteres Schicksal weiß auch Tacitus nicht zu berichten.
 

Hermannsdenkmal
Tacitus würdigte Arminius folgendermaßen:
"Er war unbestritten der Befreier Germaniens und hat das römische Volk nicht wie andere Könige und Heerführer in seinen kleinen Anfängen herausgefordert, sondern als das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. In Schlachten war er nicht immer erfolgreich, im Kriege blieb er unbesiegt. Sein Leben währte siebenunddreißig Jahre, zwölf seine Herrschaft. Noch heute besingen ihn die Barbarenstämme…“